RAMERSBERG: Zum Älpler muss einer geboren sein

Wendelin Kiser erlebt zurzeit den 57. Alpsommer auf der Alp Chäseren. Wie jedes Jahr will er 400 Käse und 250 Kilo Butter produzieren.

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Neben Käse stellt Wendi Kiser auf seiner Alp auch Butter her. (Bild: Romano Cuonz / Neue NZ)

Neben Käse stellt Wendi Kiser auf seiner Alp auch Butter her. (Bild: Romano Cuonz / Neue NZ)

«Älpler chaisch nid leerä, fir s z Alp gaa muäsch geboorä syy», sagt der 71-jährige Wendelin Kiser. Keiner kann dies besser wissen als der vollbärtige, stämmige Älpler. Kürzlich wurden er und seine 76-jährige Frau Anni für die grosse Treue zur Alp Chäseren mit einer wunderschönen «Trinklä» geehrt. «Wendi» - so nennen ihn hier alle - ist in einer Ramersberger Bauernfamilie aufgewachsen. «Chäseren ist meine Heimat», gesteht er, «ich arbeite hier, als ob es mein Eigen wäre.» Bereits sein Urgrossvater, sein Grossvater und der Vater seien Älpler gewesen. Nach dem frühen Tod des Vaters übernahmen seine Brüder die Arbeit. «Schon als Siebenjährigen haben sie mich auf die Alp getragen, und da bin ich dann hängen geblieben», lacht Wendi. Wenn er heute einen kräftigen Spalen-Käse, aromatische Alpbutter oder schmackhafte «Chümi-Mutschli» (kleine Kräuterkäslein) zu produzieren verstehe, habe er dies seinen älteren Brüdern zu verdanken. «Ihnen guckte ich das Handwerk ab.» Für eine Lehre hätte früher das Geld niemals gereicht, sagt Wendi.

Wendi Kiser (links) mit seiner Frau Anni, ihren Grosskindern Karin und Florian und Mitälpler Willi Kiser auf Alp Chäseren. (Bild: Romano Cuonz / Neue NZ)

Wendi Kiser (links) mit seiner Frau Anni, ihren Grosskindern Karin und Florian und Mitälpler Willi Kiser auf Alp Chäseren. (Bild: Romano Cuonz / Neue NZ)

«Ich heirate eine ganze Familie»

Vor 20 Jahren hat Wendi die fünf Jahre ältere Witwe Anni Ming geheiratet. «Seit Anni mir auf der Alp hilft, macht die Arbeit doppelt Freude», sagt der Älpler. Anni stellt soeben Käse, selber gebackenes Brot und natürlich auch reichlich «Cheli» auf den Tisch! «Als Wendi mich heiratete, sagte er, er heirate eine ganze Familie», schmunzelt sie. Sie habe aus erster Ehe fünf Kinder und 16 Grosskinder. «Alle durften während der Ferien schon zu uns auf die Alp kommen». Zurzeit schnabulieren Karin (5) und Florian(4) mit. Die beiden sagen zu Wendi «Getti», und sie machen nichts lieber, als Stiefel und Stallkleider anziehen und mithelfen. Alp Chäseren auf 1538 Metern über Meer, angeschmiegt an einem südlichen Hang unterhalb des Jänzi, ist eben ein besonders idyllischer Ort für Ferien. Ein Teil des Weidegebiets liegt im Hochmoor. Rundherum gibt es prächtige Wälder. Der Blick geht über den Lungerersee bis hin zu Eiger, Mönch und Jungfrau.

«Um fünf Uhr läutet der Wecker»

So idyllisch die Landschaft, so hart und anstrengend ist der Tag eines Älplers. «Um fünf Uhr in der Frühe läutet der Wecker», berichtet Wendi. Auch Mitälpler Willi Kiser ist schon auf den Beinen. Er treibt die Kühe, welche die Nacht draussen verbringen, in den Stall. Wendi macht derweil die Vorarbeiten fürs Käsen. Gemeinsam melken sie die rund 40 Kühe. Inzwischen ist es sieben geworden. Die Kühe gehen wieder auf die Weide. Jetzt gibts eine erste Pause. Anni hat z «Kalatzä» bereit. Ein währschaftes Älplerfrühstück: Kaffee, Milch, Butter, Käse, Brot und Lebkuchen. Nach dem Frühstück werden die 34 Mastsäue gefüttert. «Die Schweine lassen uns die Schotte verwerten, die beim Käsen übrig bleibt», erklärt Wendi. Während er vier Käse herstellt, wäscht der Mitälpler die Melkmaschine, besorgt den Stall und schaut nach den 20 Rindern. Nach dem Mittagessen bleibt noch Zeit fürs «Anknä». Manchmal stellt Wendi auch Kümmelkäse oder Bratkäse für den Eigenbedarf her.

Selbst nachdem dann die Kühe zum zweiten Mal gemolken sind, bleibt auf der Alp keiner untätig. «Wir bringen Gülle aus, stellen Zäune auf, fällen, sägen und spalten Holz für den nächsten Alpsommer. Bis zu 18 Ster!», schildert Wendi. «Der Dampfkessel zum Käsen wird mit Holz geheizt.» Fragt man Wendi, ob denn all dies für einen 71-jährigen Mann nicht doch etwas gar stressig sei, lacht er laut: «Stress macht man höchstens selber!» Jeden Abend rufen Wendi oder Anni den Betruf. «Ohne dieses Abendgebet würden wir nicht ruhig schlafen», beteuert er. Die Alp sei Gott sei Dank in all den Jahren von Ungemach weitgehend verschont geblieben.

Fuchs, Dachs, Marder und Hirsche

Die kleinen und grossen Geschichten, die Wendi in den 57 Alpsommern erlebt hat, könnten ein Buch füllen. «Gestern bin ich plötzlich auf ein ganzes Rudel Hirsche gestossen», erzählt er. Einmal habe ein Dachs den halben Stall unterhöhlt, ein anderes Mal ein Marder Rauchwürste aus dem Kamin gestohlen und den treuen Hund Bäri in die Nase gebissen. «Den haben wir aber gefangen», grinst Wendi. 1992 schwemmte ein schlimmes Gewitter alle Brücken ins Tal, und 1999, nach dem Sturm «Lothar», musste man den Weg zur Alp raussägen. Erkundigt man sich, was Wendi von all den neuen Errungenschaften, die dazu- gekommen sind, am wenigsten mehr missen möchte, muss er nicht lange studieren. «Die grösste Erleichterung hat uns die elektrische Melkmaschine gebracht.» Ganz gerne hantiert der Älpler auch mit einer Film- und Fotokamera: Andenken für später, wenn er einmal nicht mehr «z Alp gaad»!

Ramersberg und seine Alpwirtschaft 

Die Korporation Ramersberg besitzt drei Alpen: Chäseren, Eischten und Allmend. Auf Chäseren wurden 2012 116, auf Eischten und Allmend 170 Alp-tage gezählt. Im Ganzen produzierten die Älpler 4159 Kilo Alpkäse. Dieses Jahr weilen 200 Kühe und 160 Rinder auf den Alpen. Die Korporation mit Präsident Beny Kiser bezahlt als Arbeitgeberin die Älpsennen. Die Ramersberger Korporationsbürger geniessen das Vorrecht, ihre Kühe auf den Alpen zu sömmern. In den letzten Jahren war Alpverwalter Willi Kiser stets auch auf Kühe von Bauern aus Sarnen und Kerns angewiesen, um die Alpen zu bestossen. Die Bauern bezahlen für jede Kuh einen Beitrag. Damit werden die Älpler entlohnt. Im Gegenzug erhalten die Bauern anteilsmässig auf der Alp produzierten Käse und Butter. Diese hochwertigen Produkte können sie dann in eigener Regie vermarkten.