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RECHTSSTREIT: Archäologen kämpfen um kulturelles Erbe

Seit Jahrzehnten hortet ein Archäologe Dokumentationen zu rund 50 Grabungen in 19 Kantonen. Während Basel-Stadt diese klaglos zurück erhielt, bleibt der Ausgang für den Kanton Luzern ungewiss.
Christoph Riebli
«Die Dokumentationen sind Kulturgut der Kantone.» Jürg Manser, Task-Force-Leiter (Bild: Neue LZ / Pius Amrein)

«Die Dokumentationen sind Kulturgut der Kantone.» Jürg Manser, Task-Force-Leiter (Bild: Neue LZ / Pius Amrein)

In dem seit Jahrzehnten schwelenden Archäologen-Streit, in den 19 Kantone involviert sind, hat der Kanton Basel-Stadt jüngst einen Meilenstein errungen: Wichtige Dokumente archäologischer Grabungen im Münster aus den Jahren 1966, 1973 und 1974 konnten im Sommer nach fast 50 Jahren Auseinandersetzung nach Basel überführt werden, wie Kantonsarchäologe Guido Lassau erstmals öffentlich bestätigt.

Der damalige Grabungsleiter Hans Rudolf Sennhauser hat das für Lassau «ungemein wichtige kulturelle Erbe für den Kanton Basel-Stadt» bei sich in ­Zurzach unter Verschluss gehalten. Erst als im Mai das Aargauer Obergericht in zweiter Instanz dem Basler Gesuch stattgab, die Papiere temporär an einem neutralen Ort zu hinterlegen, anerkannte Sennhauser den Eigentumsanspruch des Kantons – bevor es zu einer Klage kam. Der 84-jährige Sennhauser gilt als wohl renommiertester Schweizer Kirchenarchäologe.

Gerichtsverfahren sind sistiert

Damit kommt nun auch Bewegung in den Rechtsstreit mit anderen Kantonen: 2013 hatten Luzern und St. Gallen beim Bezirksgericht Zurzach – nach langen Verhandlungen ohne Einigung – gegen Sennhauser Klage eingereicht. Beide Verfahren sind aktuell aber sistiert, wie beim Gericht zu erfahren ist. Es sollen bald Vergleichsgespräche stattfinden – die Alternative wären Gerichtsverfahren für fast alle 50 Fälle.

Sennhauser will sich auf Anfrage unserer Zeitung dazu nicht äussern. Er liess durch seine Stiftungsratsvizepräsidentin ausrichten, dass er zu keiner Stellungnahme bereit sei.

Stiftungsgründung führt zu Eklat

Als Bundesexperte war Sennhauser ab 1956 an Grabungen schweizweit beteiligt, etwa bei der St. Galler Kathedrale (siehe Text unten) und mehr oder weniger auch in der ganzen Zentralschweiz (siehe Kasten rechts). Mit seinem Einsatz rettete er zahlreiche Schätze des Mittelalters.

Das Problem ist nur: Original-Grabungsdokumentationen und teils Funde lagern seither in seinem Atelier. Mit der Herausgabe sowie der Aufarbeitung der Dokumente habe er Kantonsvertreter immer wieder vertröstet, schildert Jürg Manser, Luzerner Kantonsarchäologe und Leiter der «Sennhauser»-Task-Force. «Der Umgang mit ihm war schon in früheren Jahren nicht der unkomplizierteste. Viele Betroffene versuchten wohl, das Problem durch Aussitzen zu lösen», so Manser weiter. Zum Eklat kam es schliesslich 2009. Sennhauser, der emeritierte Professor der Uni/ETH Zürich, gründete eine Stiftung, der er die Originalpapiere übergab – anstelle den Kantonen. «Das hat uns völlig überrascht», sagt Manser.

Die Konferenz der Kantonsarchäologen reagierte daraufhin mit der Gründung einer Task-Force. Ihr Kernanliegen: «Wir als Kantonsvertreter bestreiten, dass die Dokumentationen Eigentum von Hans Rudolf Sennhauser sind. Sie sind das Abbild dessen, was vor Ort bei den Ausgrabungen aufgezeichnet wurde. Das ist Kulturgut der Kantone.»

Auch die sichere, archivarische Aufbewahrung bereitet ihm Sorgen. Ein «mittelalterliches Haus in Zurzach» sei dazu nicht geeignet, sagt Manser. Und: «Wir sind nicht bereit, nochmals Geld auszugeben, um die Dokumente auf Mikrofilm zu überspielen.» Schliesslich seien die Grabungen ja mit öffentlichen Geldern finanziert worden.

Oft per Handschlag geregelt

Während archäologische Fundstücke rechtlich eindeutig den Kantonen gehören, ist das bei den Dokumentationen nicht so klar geregelt. «Heute ist es selbstverständlich, dass diese kein geistiges Eigentum sind und dem Auftraggeber gehören. In den Sechzigerjahren sind Grabungen aber nicht selten per Handschlag geregelt worden», sagt ­Manser.

Luzern wollte Pilotprozess führen

Auch wenn es sich dabei immer um Einzelfälle handle, bietet sich zur Klärung der Grundsatzfrage des Eigentums laut Manser der Fall der Kirche in der Johanniterkommende Hohenrain an. Hier herrschten mit dem Kanton als alleinigem Besitzer klare Verhältnisse. Deshalb wollte Luzern bis vor kurzem einen Pilotprozess gegen Sennhauser führen, «der dann eine Lawine von neuen Prozessen» hätte auslösen sollen, wie Manser sagt. Die nun anstehenden Vergleichsgespräche sind für ihn allerdings «ein leiser Hoffnungsschimmer». Ein Scheitern würde er bedauern: «Wenn wir mit ihm vor Gericht Krieg führen müssen, wird auch sein Ruf als Wissenschaftler darunter leiden.» Das Fernziel bleibe es, die Grabungsdokumentationen aus der Sennhauser-Stiftung zu lösen und in das jeweilige Staatsarchiv zu überführen. «Auch wenn das noch Jahre dauern dürfte».

Christoph Riebli

Die betroffenen Ausgrabungen

Zentralschweiz cri. Von den rund 50 Ausgrabungen, die Hans Rudolf Sennhauser leitete und von denen Dokumentationen in seiner Stiftung HRS vermutet werden, sind mit Ausnahme von Zug sämtliche Zentralschweizer Kantone betroffen. Und zwar gemäss der Luzerner Kantonsarchäologie wie folgt:

  • Luzern: Fünf Grabungsdokumentationen im Archiv der Stiftung HRS: Hohenrain, Grossdietwil, Uffikon, Oberkirch, Rothenburg. Wichtigste: Kirche St. Johannes der Täufer, Grossdietwil mit Ringkrypta, hochmittelalterlich (ca. 9./10. Jh.)
  • Nidwalden: Drei Grabungsdokumentationen werden im Archiv der Stiftung HRS vermutet: Buochs, Pfarrkirche St. Martin; Ennetbürgen, Kapelle St. Jost; Stans, Pfarrkirche St. Peter. Wichtigste: Stans, besonders bedeutend wegen Kinderbestattung der jüngeren Eisenzeit (Latènezeit, um 200 v. Chr.)
  • Obwalden: Kerns, Pfarrkirche St. Gallus (siehe Text unten)
  • Schwyz: Einsiedeln, Stiftskirche, Grabung in Chor und Sakristei
  • Uri: Zwei Grabungsdokumentationen sind sicher in der Stiftung: Seedorf, Pfarrkirche; Altdorf, Pfarrkirche. Vier weitere sind fraglich.

Späte Erkenntnisse in Kerns – ungelöstes Geheimnis in St. Gallen

Blick von oben auf die Grabungsfläche im Innern der Pfarrkirche Kerns im Jahre 1964/65. In der Bildmitte sieht man die freigelegte Apsis (Bogen) der steinernen Vorgängerkirche. (Bild: pd)

Blick von oben auf die Grabungsfläche im Innern der Pfarrkirche Kerns im Jahre 1964/65. In der Bildmitte sieht man die freigelegte Apsis (Bogen) der steinernen Vorgängerkirche. (Bild: pd)

Archäologie cri. Vor 50 Jahren arbeitete Hans Rudolf Sennhauser auch in Kerns. Auslöser war das starke Erdbeben von 1964 mit einem Wert von 5,7 auf der Richterskala. Die Schäden an der Pfarrkirche St. Gallus waren erheblich. Dafür bot sich den Archäologen die Möglichkeit, einen Blick in die Erdschichten darunter zu werfen.

Kürzlich hat nun der junge Archäologiestudent Lukas Wallimann aus Alpnach in der Zeitschrift des Schweizerischen Burgenvereins neue Erkenntnisse dazu veröffentlicht. Auch die Kernser Funde von damals waren mitsamt Dokumentation im Keller des Ausgrabungsleiters in Zurzach verschwunden, was dazu führte, dass die Grabung selbst bei der Fachwelt in Vergessenheit geriet.

Aufmerksam auf die Grabung wurde Lukas Wallimann durch eine Publikation des ehemaligen Kernser Pfarrers und Lokalhistorikers Karl Imfeld im Verlag seines Vater Martin Wallimann. Der Sohn war damals auf der Suche nach einem Thema für seine Semesterarbeit. In diesem Zusammenhang schafften es die Kernser Funde aus dem Zurzacher Keller ins Depot des historischen Museums in Sarnen, wo sie aktuell lagern. Nicht jedoch die Originaldokumentation.

Jakobspilger-Spuren gefunden
Lukas Wallimann zeichnet in seiner Arbeit, die er als «Spurensuche» und «Detektivarbeit» im Archiv beschreibt, die Entwicklung der Kernser Kirchenbauten vom 10. bis ins 16. Jahrhundert nach. Dies mit Hilfe von Kopien der Ausgrabungsdokumentation, die er bei Sennhauser erstellen und beziehen konnte. Seine überraschendste Entdeckung: «Wir können erstmals in Obwalden mit einem Objekt belegen, dass der Jakobsweg bereits vor 500 Jahren von Bedeutung war.» Das Fundstück dazu: ein beinernes, mit Verzierungen gespicktes Stäbchen, das unmittelbar neben einer Münze, einem Luzerner Angster, geschlagen zwischen 1550 und 1580, lag.

«Man wusste damals nicht, was es ist. Man dachte gar an ein römisches Relikt», sagt Wallimann. Doch weit gefehlt. Im Grunde ist es nichts anderes als ein Ansteckpin für Pilger, ein sogenannter Bordoncillo – Massenware aus Santiago de Compostela. Des Rätsels Lösung offenbarte sich ihm bei einem Besuch des Germanischen Nationalmuseums in Nürnberg rein zufällig.

Historischer Ausgangspunkt für Wallimanns Arbeit ist die sogenannte lenzburgische Adelskirche von Kerns, die 1036 an das Stift Beromünster überging. Er entdeckt Hinweise auf fünf Bau-/Erweiterungsphasen mit total zwei Vorgängergebäuden. Neu ist die Interpretation, dass es sich bei dem ersten Bau wohl um eine Holzkirche handelte, «wie sie etwa im Kanton Bern im Früh- und Hochmittelalter belegt sind», sagt Lukas Wallimann. Es folgte an Ort und Stelle eine Steinkirche mit Apsisanbau im 12. oder 13. Jahrhundert. Dann ein Glockenturm, der teils noch in der Nordwand der heutigen Kirche erhalten ist. 1501 wurde eine bis auf den Glockenturm gänzlich neue Kirche geweiht. Und: In der untersten freigelegten Erdschicht stiessen die Archäologen auf eine Handvoll christliche Gräber. «Da es keine Grabbeigaben gibt, kann man nicht genau sagen, wie sie zeitlich einzuordnen sind», sagt Wallimann zum verbleibenden Rätsel.

Hauptmotivation für die Grabung im Winter 1964/65 war die Suche nach dem Taufort des Bruders Klaus. Nach anfänglicher Euphorie in der Presse, den Standort des Taufsteins tatsächlich gefunden zu haben, wich mit dem Fund eines zweiten möglichen Standorts diese Zuversicht. «Es ist ein heikles Thema», sagt Lukas Wallimann dazu. Dass Bruder Klaus in Kerns getauft wurde, ist historisch belegt. Wo genau der erhaltene Taufstein damals stand, jedoch nicht.

Uneinige Experten in St. Gallen
Wie das Einbehalten von Grabungsdokumentationen auf die Forschung eher lähmend wirkt, zeigt das Beispiel der Kathedrale St. Gallen: Dort war Sennhauser zwischen 1964 und 1967 als Grabungsleiter aktiv. Gemäss dem «St. Galler Tagblatt», ohne eine Auswertung vorzulegen. Dabei gäbe es die Frage zu klären, ob der Klosterplan aus dem Jahre 820 – der weltweit einzige erhaltene Architekturplan aus dem frühen Mittelalter – tatsächlich mit der früheren Klosteranlage übereinstimmt. Experten sind sich da uneins. Nur die vollständige Grabungsdokumentation könnte jedoch die schiere Menge von drei Tonnen Bodenproben in eine Relation setzen.

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