Redaktionsleiter der Nid- und Obwaldner Zeitung wechselt ins Spital

Markus von Rotz, Leiter unserer Redaktion, wird Medienbeauftragter in Luzern. 40 Jahre lang war er Journalist und hat viel erlebt.

Marion Wannemacher
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Markus von Rotz auf der Redaktion in Stans.

Markus von Rotz auf der Redaktion in Stans.

Bild: Corinne Glanzmann (Stans, 19. Dezember 2019)

Überall stehen Schachteln, sein Büro ist nicht wieder zu erkennen. Statt der üblichen Schicht von Papierchaos herrscht auf dem Schreibtisch gähnende Leere. Eingepackt ist ein in die Jahre gekommener Fotokalender seiner mittlerweile erwachsenen Töchter Mirjam (30) und Tamara (27). Auch den kaputten Wecker, der seit Jahren die Uhrzeit drei vor halb sechs anzeigte, gibt es nicht mehr. Der letzte Arbeitstag von Markus von Rotz nach 13 Jahren als Leiter in der Redaktion Stans naht. «Ja, ich gehe mit einem weinenden Auge», bekennt er, betont aber auch die «positive Erwartungshaltung» auf den neuen Job. Nach 40 Jahren wechselt von Rotz sozusagen die Fronten: vom Journalist aus Leib und Seele zum Menschen, der selber Medien informiert.

Wie alle anderen Stellen in seinem Leben sei auch diese an ihn heran getragen worden, berichtet er. So war es auch bei seinem allerersten Angebot vor 40 Jahren. Der Schüler der Sarner Kanti hatte sich als Leserbriefschreiber beim «Obwaldner» einen Namen gemacht. «Der damalige Redaktor, Noldy Wyrsch, war der Ansicht, ich könne mehr.» So wurde er als 19-Jähriger freier Mitarbeiter. «Kurz darauf fragte er mich, ob ich nicht als sein Nachfolger die Redaktion übernehmen wolle.» Markus von Rotz sprang mit beiden Beinen ins kalte Wasser. «Der ‹Obwaldner› erschien zweimal pro Woche. Das war schon recht mutig, als alleiniger Redaktor die ganze Verantwortung zu tragen – auch juristisch gesehen», beurteilt er aus heutiger Sicht. Sein Chef, Louis Ehrli, war Besitzer der gleichnamigen Druckerei, ein Familienbetrieb neben der Sarner Dorfkapelle. «Die monatliche Abrechnung wurde auf einem schmalen Papierstreifen erfasst. Den Lohn gab es tatsächlich noch in der Papiertüte. Ich musste jeweils vor dem Chef nachzählen, ob er stimmte», schildert der 59-Jährige.

Als rasender Reporter unterwegs durch Obwalden

Seine Eltern seien stolz auf ihn gewesen. Im orangefarbenen Datsun kurvte er nun durch Obwalden. Es gab nur wenige freie Mitarbeiter, die ihn unterstützten. «Ich habe sehr viel selber geschrieben», erinnerte er sich. Das Schreiben lag dem Journalisten von Kindheit an. «In Diktat und Aufsätzen war ich sehr gut», erinnert er sich. In St. Niklausen verbrachte er als Ältester von fünf Kindern eine unbeschwerte Kindheit. «Im Winter trampelten wir Kinder unsere Pisten hinterm Haus selber und fuhren dann runter», erzählt er. Auch Erinnerungen an Ausflüge mit der Familie auf dem Traktor in die Stöckalp sind ihm präsent. Der Vater hatte kein Auto. «Einmal verhagelte es uns buchstäblich den Rückweg, wir konnten nicht mehr weiter und mussten von Autofahrern ‹gerettet› werden», erzählt er schmunzelnd.

Die kleine Bibliothek in der Kaplanei in St.Niklausen wurde sein Fundus für spannenden Lesestoff. Dort entdeckte er vor allem Heinrich Federer, Jahre später verschlang er Konsalik und Simmel. In der kleinen Dorf-Gemeinschaftsschule absolvierte er die fünfte und die sechste Klasse gleichzeitig. Doch die Empfehlung fürs Gymi beeindruckte an der Kantonsschule in Sarnen wenig. Er sei zu jung, hiess es, und wenn, nehme man ihn nur intern. Durch familiäre Beziehungen zu einem Pater in Rheineck SG studierte er vier Jahre lang dort im Internat und wechselte für die letzten drei Jahre zur Kantonsschule Sarnen. Nach der Matura engagierte sich Markus von Rotz in der Aktion «Junges Obwalden». Das war zur Zeit der Jugendunruhen in Zürich. Sogar eine Jugendlandsgemeinde organisierten sie.

Auch gestandenen Journalisten fiel der unerschrockene Jungspund auf: Schwer beeindruckt zeigt sich noch heute Journalist und Autor Romano Cuonz vom kritischen Werk über das damalige Gymnasium, hinter dem Markus von Rotz mit anderen Ehemaligen steckte. «Es gelang ihnen, Missstände an der Kantonsschule aufzudecken», sagt er. «Der damalige Rektor eckte extrem an und musste schliesslich gehen», bestätigt von Rotz.

Bei der Agentur lernte er schnell und präzis zu schreiben

Persönlich entwickelte er sich immer weiter: Nach einem Volontariat beim «Vaterland» wurde er bei den «Luzerner Neusten Nachrichten» (LNN) redaktioneller Mitarbeiter und schliesslich Zentralschweizer Verantwortlicher der Schweizerischen Politischen Korrespondenz, einer Presseagentur. «Das war die vielleicht wichtigste Station für meine journalistische Entwicklung. Ich lernte, Sachverhalte zügig auf den Punkt zu bringen, schnell zu arbeiten und so zu schreiben, dass es gleichzeitig verständlich für einen Walliser oder einen Schaffhauser rüber kommt.» Auch entdeckte er an sich selber die Fähigkeit, gleichzeitig hören und schreiben zu können, ein klarer Zeitvorteil.

«Gegenseitig haben wir uns die Primeurs abgejagt», schwelgt Romano Cuonz in Erinnerungen. Er arbeitete damals beim «Obwaldner Wochenblatt» und beim «Regionaljournal» von Radio DRS. Alle wollten bei neuen Themen die Nase vorn haben. «Abends traf man sich dann mit Kollegen von «Tagblatt», LNN und «Vaterland» zum Bier und berichtete sich, was am nächsten Tag in der Zeitung stehe. «Es war fast wie an der Börse», erzählt Markus von Rotz.

Nach zwei Jahren bei Radio Pilatus erlebte er bei den LNN die Fusion mit der «Luzerner Zeitung» mit. In zahlreichen Funktionen, häufig auch leitenden, arbeitete er bei der «Neuen Luzerner Zeitung» für diverse regionale Ressorts und wechselte 2006 als Redaktionsleiter nach Ob- und Nidwalden. «Vielleicht bedeutet es sogar eine grössere Herausforderung, als Journalist auf dem Land zu arbeiten», räumt er ein. «Du begegnest den Leuten wieder und du musst um ihr Vertrauen werben, sie sind nicht so offen wie in der Stadt.»

Skandale und Geschichten in Obwalden

Einige besondere Geschichten fallen ihm spontan ein: «Als damals der neue Spitalbau in Sarnen erstellt wurde, stellte sich heraus, dass für den kompletten Eingangsbereich Granit aus China verwendet wurde. Dabei haben wir in Obwalden doch Guber-Steine.» Auch dass die Ernennung von Wolfgang Haas zum Bischof ein Fehler von Papst Johannes Paul II. gewesen sei, wurde in Obwalden zum «Aufreger»: Weihbischof Paul Vollmar hatte dies bei einem Referat in Giswil deutlich öffentlich gesagt. «Das gab ziemlichen Aufruhr», erzählt Markus von Rotz, der dort war und darüber berichtete. In den internationalen Fokus rückte Obwalden durch die Bemühungen des damaligen Ständerats Hans Hess, einen gewissen Franz Beckenbauer in den Kanton zu ziehen. Die Auswirkungen bekam auch von Rotz noch zu spüren. «Beckenbauer wurde recht hofiert. Zuweilen rief mich Hess in der Redaktion an und fragte: ‹Könntest du über den nicht mal wieder was schreiben?›» Es kam ihm vor, als ob Hess so die Legitimation für Beckenbauers Wohnsitz erneuern wollte.

Manchmal galt es auch Humor zu beweisen: «Einmal erhielten wir einen speziellen ‹Kulturpreis› von der Gemeinde Buochs, weil wir vergessen hatten, über die Älplerchilbi zu berichten.» Per Kran wurde Markus von Rotz auf dem Seeplatz die symbolische «rote Karte» übergeben. Die seltsame Preisverleihung stand am nächsten Tag natürlich in der Zeitung. Vergessen hat er die Älplerchilbi in Buochs nie wieder.

Aus vier Berufen mach einen einzigen

Das Berufsbild des Journalisten hat sich in den letzten vier Jahrzehnten grundlegend verändert. «Ich habe noch das Zeitalter von Bleisatz erlebt, damals setzten Metteure die Seiten. Unterdessen sind vier Berufe verschwunden. Der Journalist macht alles selber: Er schreibt, fotografiert, gestaltet die Zeitung, liest Korrektur und ist für den Satz verantwortlich. Häufig sehe der Leser nicht, was dahinter stehe und beschwere sich über den Preis – dabei koste die Zeitung im Abo doch nur 1.80 Franken pro Tag. «Bei Genussmitteln oder elektronischen Konsumgütern beschwert sich niemand. Bei Ausgaben, um sich zu informieren und eine Meinung zu bilden, sind die Leute zurückhaltend. Wie willst du dir ohne Zeitung eine Meinung bilden zu gesellschaftlichen Trends und Diskussionen», gibt er zu bedenken. «Auf Facebook passiert das nicht, wo du immer wieder mit den gleichen Leuten redest.»

Journalist sein bedeutet heute unsicheren Zeiten entgegenzusehen. Die Zahl der Leser schwindet, am Geheimrezept, sich am Markt zu behaupten, wird herumstudiert. «Will ich noch fünf Jahre in der Unsicherheit leben, wie es weitergeht?», hat sich Markus von Rotz gefragt. Seine Devise fürs Berufsleben lautete immer: «Ich bin neugierig und gehe mit offenen Augen und Ohren durch die Welt.» Der Wechsel zum Informations- und Kommunikationsbeauftragten am Luzerner Kantonsspital nach 40 Jahren als Journalist ist krass. «Ich weiss noch nicht im Detail, wie mein neuer Arbeitgeber Öffentlichkeitsarbeit haben will und wie mein Job genau aussieht», gesteht er. Der Optimismus siegt, wie immer: «Etwas dazu zu lernen, hat noch niemandem geschadet.»