SACHSELN: Ein Industriepionier mit viel Idealismus

Caspar Arquint war nicht nur Gründer der Bio-Familia AG. Als sozialer Unternehmer war er weit über Obwaldens Grenzen hinaus bekannt.

Romano Cuonz
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Caspar Arquint ist im Alter von 91 Jahren verstorben. (Bild: Archiv Robert Hess / Neue OZ)

Caspar Arquint ist im Alter von 91 Jahren verstorben. (Bild: Archiv Robert Hess / Neue OZ)

«Nur mit dem Segen von Bruder Klaus, viel Gottvertrauen und der Mithilfe von zahlreichen guten Mitarbeitern konnte der Aufbau der Bio-Familia AG so gut gelingen», erklärte der Sachsler Industriepionier Caspar Arquint noch an seinem 90. Geburtstag. Nun ist er – im hohen Alter von 91 Jahren – verstorben. Mit Caspar Arquint verliert der Kanton Obwalden zweifellos einen seiner bedeutendsten Industriepioniere. Einen Firmengründer der ersten Stunde, dessen wirtschaftliches Handeln stets von hohen ethischen Prinzipien sozialer Marktwirtschaft geprägt war.

Freundschaft mit der Familie Hipp

Geboren wurde Caspar Arquint am 1. September 1922 als Sohn eines aus dem bündnerischen Tarasp ausgewanderten Ingenieurs und einer deutschen Mutter. Als Hitler die Macht übernahm, erkannten die Eltern die Gefahr des Nationalsozialismus. Sie schickten ihre Kinder in die Schweiz. Caspar Arquint doktorierte an der Universität Freiburg in Rechtswissenschaften, 1951 erwarb er das Zürcher Anwaltspatent.

Dass die Familie Arquint schliesslich nach Obwalden kam, war der Freundschaft mit der deutschen Industriellenfamilie Anna und Georg Hipp zu verdanken. Hipp – ein führender Hersteller von Kindernahrungsmitteln in Pfaffenhofen – hatte zusammen mit seiner Schweizer Gattin eine enge Verbindung zu Bruder Klaus und zum Aufgebothaus in Flüeli-Ranft aufgebaut. Dort trafen sie auf Caspar Arquint und seine Frau Elisabeth. Schliesslich vertraute Georg Hipp Caspar Arquint – im Zuge der Obwaldner Industrieförderung – den Aufbau einer Firma in der Schweiz an. «Weil wir sehr am Flüeli hingen und für unsere wachsende Kinderschar eine Heimat auf dem Lande suchten, sagten wir damals zu», bekannte Caspar Arquint später. Heute trauern 9 Söhne und Töchter, sowie 17 Enkel- und 4 Urenkelkinder um ihn.

Zündende Idee: Schweizer «Müesli»

Ab 1955 ging Caspar Arquint auf Reisen, um bei Hebammen, in Spitälern und Drogerien die Pfaffenhofener Kindernahrung anzupreisen. Jedoch: Deutsche «Bébé-Nahrung» vermochte hierzulande nie heimisch zu werden. Glücklicherweise war Caspar Arquint auch mit dem Bircher-Benner-Sohn Max Edwin Bircher befreundet. Gemeinsam entwickelten die beiden eine neue Idee. In Obwalden sollte ein typisch schweizerisches «Birchermüesli» mit biologischen Rohstoffen hergestellt werden. Mit finanzieller Unterstützung der Familie Hipp wurde dazu eigens eine kleine Fabrik gebaut. Man wagte das scheinbar Unmögliche. Ab 1959 trat das «Familia Bio-Birchermüesli» – mit vielen Spitzensportlern als treue Kunden – wortwörtlich einen Siegeszug rund um die ganze Welt an. Sogar zu Olympiasiegen und Weltmeistertiteln reichte es.

Humanität und Solidarität

«Der Titel ‹Familia› soll nicht ein blosser Firmenname bleiben, sondern auch dafür stehen, dass alle Mitarbeitenden stets eine grosse, harmonische Familie bilden, in der ein jeder als Mensch geachtet wird und mit Freude zur Arbeit kommt», lautete Caspar Arquints Wunsch. In der Tat: Humanität, Solidarität und die Verantwortung für Arbeitsplätze und Arbeitskräfte bestimmten stets sein Handeln. Ab 1980 gar über die von ihm geleitete Firma hinaus. Nachdem ein Streik in der Sarner Glasfabrik Häfeli das ganze Land aufhorchen liess, setzte Caspar Arquint alles daran, das Image der rückständigen Obwaldner Unternehmen zu korrigieren.

Pionierarbeit lohnte sich

Mit seinen Freunden Viktor Girtanner (Sarna Kunststoff AG) und Arthur Fries (Lignoform AG, Wilen) und anderen gründete er den Verein für industrielle Forschung und Entwicklung Obwalden (VIF). «Ziel des VIF ist es, Obwaldner Firmen mit Rat und Tat beizustehen, einer Rezession bereits heute zu begegnen, Arbeitslosigkeit zu verhindern und Arbeitsplätze zu sichern», sagte Caspar Arquint damals. Auswärtige Wirtschaftsfachleute neigten vorerst dazu, die Idee als Hobby einiger idealistischer Obwaldner Industrieller zu belächeln.

Doch schon 1983 zog man den Hut vor den Pionieren: Der VIF hatte mit hohen Mitgliederbeiträgen genügend Kapital geäufnet, um die traditionsreiche Lungerer Holzbau AG samt 85 gefährdeten Arbeitsplätzen vor dem Konkurs dauerhaft retten zu können. «Ein Musterbeispiel industrieller Zusammenarbeit, dank welcher in einer Randregion Arbeitsplätze erhalten blieben», kommentierte die Wirtschaftspresse.