SACHSELN: «Ein Meisselwechsel ist halt kein Kindergeburtstag»

Eine riesige Tunnelbohrmaschine frisst sich derzeit durch den Sicherheitsstollen des A-8-Tunnels. Inzwischen ist die Hälfte geschafft. Ein Augenschein.

Philipp Unterschütz
Drucken
Teilen
Maschinenmeister Peter Eschler (vorne) mit Mechaniker Roland Eder vor dem Bohrkopf mit den Rollenmeisseln. (Bild Corinne Glanzmann)

Maschinenmeister Peter Eschler (vorne) mit Mechaniker Roland Eder vor dem Bohrkopf mit den Rollenmeisseln. (Bild Corinne Glanzmann)

«Die Unterhaltsarbeiten behindern uns nicht, sie machen die Leistung erst möglich», bringt es Bauführer Dominic Stadlin auf den Punkt. Wir stehen direkt hinter dem über 4 Meter grossen Bohrkopf der Tunnelbohrmaschine (TBM), die mittlerweile mit über 2600 Metern die Hälfte des Sicherheitsstollens für den A-8-Tunnel in Sachseln ausgebrochen hat. Es ist eng – dafür aber nicht laut, heiss oder feucht. Kein Wunder, die Maschine gibt keinen Mucks von sich. Der Vortrieb ruht, der 120 Tonnen schwere Koloss bekommt von den Mechanikern und TBM-Fahrern seine «Streicheleinheiten».

Der Platz zum Arbeiten ist begrenzt. (Bild: Corinne Glanzmann / Neue LZ)
7 Bilder
Die neuen Rollenmeissel werden mit einem Seilkran zum Bohrer transportert. Ein Rollenmeissel wiegt rund 150 Kilogramm. (Bild: Corinne Glanzmann / Neue LZ)
Volle Konzentration ist bei der Arbeit an der insgesamt 120 Tonnen schweren Tunnelbohrmaschine geboten. (Bild: Corinne Glanzmann / Neue LZ)
Die Wartung beim insgesamt über 4 Meter grossen Bohrkopf der Maschine ist notwendig, damit der Bohrer das Gestein planmässig durchbrechen kann. (Bild: Corinne Glanzmann / Neue LZ)
Bis die Mineure bei der Maschine angelangen, ist es ein weiter Weg. (Bild: Corinne Glanzmann / Neue LZ)
Die Wartung ist Knochenarbeit und schweisstreibend. (Bild: Corinne Glanzmann / Neue LZ)
A8-Sicherheitsstollen (Bild: Corinne Glanzmann (Neue LZ))

Der Platz zum Arbeiten ist begrenzt. (Bild: Corinne Glanzmann / Neue LZ)

Bei den Mechanikern fliesst der Schweiss, sie verrichten Knochenarbeit. 1,2 Meter haben sie die TBM zurückgezogen, damit sie durch die «Mannslöcher» im Bohrkopf ganz nach vorne kommen und von dort die Rollenmeissel wechseln können, die den Fels mit einem Druck von bis zu 550 Tonnen ausbrechen. Uns erlauben die Mineure trotz Zeitdruck und engsten Platzverhältnissen einen exklusiven Einblick in die Zone, die sonst nur für die Vortriebsmannschaft zugänglich ist.

Neue Beisser für den Steinfresser

Etwa 150 Kilo schwer ist jeder Rollenmeissel. Sieben der 30 Stück auf dem Bohrkopf tauschen die Mineure bei unserem Besuch diese Woche aus. «Die Schneidringe aussen auf den Meisseln haben gelitten in einer Zone, die wir vor kurzer Zeit durchquert haben», erzählt Stadlin. Es sei weiches Gestein gewesen, durchsetzt mit harten Brocken. Das habe zu einer «schlagenden Beanspruchung» geführt. Teilweise würden sie wegen der Lagermechanik auch präventiv gewechselt. «Defekte Meissel könnten im schlimmsten Fall zu längerem und damit kostspieligem Vortriebsunterbruch führen.» Bis die neuen Rollenmeissel (die ausgebauten werden neu aufbereitet) vor dem Bohrkopf eingesetzt werden können, haben sie eine hindernisreiche Reise durch die Engen der Maschine hinter sich. «Ein Meisselwechsel ist halt kein Kindergeburtstag», meint TBM-Fahrer Willy Fillafer in breitestem Kärntner Akzent, während er schwitzend einen Meissel, der an einem kleinen Seilkran hängt, vorbeischiebt.

Die Tunnelbauer in Sachseln können zufrieden sein, die Strecke liegt grösstenteils in eher weichem Gestein. Es gibt nur wenig Quarz, der mit seiner abrasiven Wirkung zu einem grösseren Verschleiss der Abbauwerkzeuge führt. «Wir mussten bis jetzt acht Meissel wechseln, mit den heutigen sieben also insgesamt nur 15», sagt Stadlin. Trotzdem ist man vorsichtig, man will keinen Stillstand riskieren. Alle 7,2 Meter wird die Maschine bis 50 Zentimeter zurückgezogen, und von vorne werden die Meissel kontrolliert, bei Bedarf wird gewechselt.

«Man muss auf der Hut sein»

Zuständig für Wartung und Unterhalt des Riesenbohrers ist der Maschinenmeister Peter Eschler. Er trägt die Verantwortung, dass die TBM immer die angestrebte Leistung von momentan 30 Metern täglich schafft. Jetzt ist er vor dem Bohrkopf daran, die Meissel zu wechseln. «Man muss schon auf der Hut sein, es ist neben der Montage und Demontage der Maschine eine der gefährlicheren Arbeiten. Wenn man sich hier einen Finger einklemmt, ist er weg.» Die engen Platzverhältnisse vor dem Bohrkopf beeindrucken ihn nicht sonderlich, er meint sogar, das sei viel Platz verglichen mit den knapp 50 Zentimetern, die sie bei den üblichen Kontrollen während des Vortriebs hätten. Dann sei es hier auch viel wärmer. Nicht ungefährlich ist auch der Arbeitsplatz, liegt doch vor dem Bohrkopf die einzige Stelle, wo noch keine Felssicherung angebracht ist. Von Tunnelbauern hört man oft, dass sie stolz seien, täglich an Orte vorzudringen, wo kein Mensch vor ihnen war. Ein Mythos? «Es wird halt zum Alltag», lächelt Eschler. Er denke nicht mehr daran. «Als ich allerdings im Gotthard bei Kilometer 10 vor dem Bohrkopf stand, war das schon ein spezielles Gefühl.»

Schneller geht es gar nicht mehr

Und bis jetzt haben Eschler und sein eingespieltes Team gemeinsam mit den Vortriebsmannschaften hervorragende Arbeit geleistet. Nach der üblichen Einstellungsphase der TBM nach Baubeginn im vergangenen Sommer ist die tägliche durchschnittliche Vortriebsleistung stetig gestiegen. Momentan liegt sie bereits bei 20 Metern. Der letzte Tagesrekord wurde vor zwei Wochen mit 40,2 Metern aufgestellt. Der Wochenrekord liegt bei 170 Metern. «Wir könnten in 16 Stunden, also während zwei Schichten, sogar bis 60 Meter erreichen», erklärt Dominic Stadlin. Man könne aber maximal 40 Meter täglich machen, weil die ausgebrochene Strecke ständig auch mit Spritzbeton gesichert werden muss. Gegen Ende 2019 soll der Tunnel fertig sein. Er kostet 140 Millionen Franken.
 

Philipp Unterschütz