SACHSELN: Er erhält seltenes Traditionshandwerk am Leben

Karl Amstutz ist Sattler und Polsterer. Kein einfacher Broterwerb in der heutigen Zeit. Doch seine Arbeit ist seine Leidenschaft. Und die blieb, obwohl er auch schon ans Aufhören dachte.

Marion Wannemacher
Merken
Drucken
Teilen
Karl Amstutz beim Restaurieren einer Truhe: Er komme gerne ins «Feuer», sagt er selber. (Bild: Marion Wannemacher (Sachseln, 7. März 2017))

Karl Amstutz beim Restaurieren einer Truhe: Er komme gerne ins «Feuer», sagt er selber. (Bild: Marion Wannemacher (Sachseln, 7. März 2017))

Marion Wannemacher

redaktion@obwaldnerzeitung.ch

Karl Amstutz war noch nicht mal sieben Jahre alt, als er irgendwann in der Sattlerwerkstatt seines Grossonkels stand und diesem sagte: «Wenn du mal nicht mehr bist, mache ich weiter!» Geschirrsattlerei, Leder und Werkzeug, das ist von klein auf seine Welt. «Es gab keine andere Wahl, das wollte ich», sagt der heute 52-Jährige. In der Werkstatt an der Edisriederstrasse riecht es nach Leder und Leim. Am Eingang sind handgefertigte Sättel ausgestellt, über die der Besucher gerne mit der Hand streicheln möchte, so weich und fein wirkt das Leder. Über der Werkbank hängen sauber aufgereiht verschiedenste Werkzeuge. «Für mich ist es eine wunderschöne Bude», sagt Amstutz und breitet die Arme aus. Im Moment hat er genügend Aufträge: Einzelstücke von Sesseln und Stühlen zu polstern, Bezugsarbeiten für Stuhlkissen. Auf dem Werktisch steht eine etwa dreihundertjährige Truhe aus dem Bündnerland, die mit punzierten Lederornamenten geschmückt ist. Sie muss behutsam restauriert und benutzbar gemacht werden. Die Füsse sind wurmstichig und faulen durch, das Futter muss geflickt, einzelne Ornamente ersetzt werden. Vielseitig sind seine Aufträge.

Zweites Standbein hilft beim Überleben

«Der Arbeitsvorrat reicht nie lange», weiss der geborene Sachsler aus Erfahrung. Er muss 30 bis 50 Prozent auswärts arbeiten. «Mein zweites Standbein ist die Auslieferung für ein Luzerner Möbelhaus, das sein Lager in Sarnen hat.» Karl Amstutz führt die Sattlerei von Leo Ming aus Kerns in der dritten Generation weiter. Sein Vater Karl Amstutz senior übernahm die Werkstatt samt Inventar vom Onkel und eröffnete in Sachseln unweit der Kirche eine eigene Sattlerei und Polsterei. «In den Achtzigern ging im Militär beispielsweise das Handwerk in die Kleinindustrie über», erinnert sich Karl Amstutz junior. Hatte der Betrieb zuvor noch Effektensäcke und Rucksäcke fürs Militär gefertigt, fielen diese Aufträge nun weg. «Wer sich in der Sattlerbranche auf den Reitsport spezialisierte, konnte sich in diesem Bereich einen Namen aufbauen», nennt Amstutz ein Beispiel für eine Überlebensstrategie in einer aussterbenden Branche. Der Vater setzte dagegen auf Bodenbeläge, Vorhänge und Bettwaren.

Als er 1998 starb, teilten die Brüder Ruedi und Karl den Betrieb auf: Ruedi übernahm Bodenbeläge und Vorhänge, Karl, der in Menzingen eine Lehre als Sattler und Tapezier (Polsterer) absolviert hatte, führte die Polsterei, Sattlerei und den Vertrieb der Bettwaren fort. «Ich musste lernen, dass die Zeiten wirklich andere sind. Es ist eines der ältesten Handwerke.» Arbeitsstunden sind in der Schweiz teuer. Der Macherlohn für ein Pferdegeschirr aus Billiglohnländern wie Tschechien oder Polen ist konkurrenzlos günstig.

Mehrfach stand das Aufgeben zur Diskussion

Mehrfach war Amstutz kurz davor aufzugeben. Besonders traf ihn, dass seine Eltern das schwere Hochwasser von 1997 noch miterleben mussten. «Als ich vor der zerschlagenen Scheibe des Geschäfts am Dominiweg stand, kamen mir die Tränen.» Als 2005 ein weiteres Hochwasser den Dorfkern überschwemmte, stand für ihn das Weiterführen des Betriebes ernsthaft in Frage.

Karl Amstutz hat weitergemacht. An der Edisriederstrasse 61. Wenn er arbeitet, komme er leicht ins «Feuer», sagt er von sich selbst. Die Zeit ist sein ständiger Gegner, denn um bezahlbar zu sein, muss er seine Aufträge so schnell wie möglich abschliessen. Karl Amstutz ist Perfektionist, Schlamperei gibt’s nicht. Wenn ihm nach Abschluss seiner Arbeit etwas nicht gefällt, macht er diese von vorn. Ohne sie dem Kunden zu berechnen.

Nachhaltigkeit bei handgefertigten Produkten

Er legt handgefertigte Portemonnaies auf den Tisch. 175 Franken kostet ein solches Einzelstück. «Mir ist bewusst, dass es auch gute günstige für vielleicht 50 Franken aus der Massenpro­duktion gibt.» Sparen kann der Kunde vielleicht erst nach zehn Jahren. Denn so lange hält ein Geldbeutel von Karl Amstutz mindestens. Und er ist individuell auf die jeweiligen Ansprüche abgestimmt. «Es ist Wertschöpfung aus der Region für die Region», sagt Amstutz. Eine seiner Leidenschaften ist die Entwicklung eines Prototyps für einen Kummet für Freizeit- und Sportpferde. Die Anforderungen sind hoch. Er muss sich der Pferdeschulter anpassen, symmetrisch sein, aber das Material darf trotzdem nicht nachgeben.

Modern und Alt begegnen sich

Das Geschoss teilt sich der Sattler und Polsterer mit der «Buitig», die modernste Geräte gegen Miete zur Verfügung stellt. Sogar einen 3D-Drucker. Ein Anachronismus: hüben neueste Technik, hier altes Handwerk. Empfindet er das als paradox? «Nein, das ist der Lauf der Zeit. Ich habe Jahre gebraucht, die Entwicklung in meiner Branche zu akzeptieren. Ja, ich mache das, ich nehme die Herausforderungen an. Es ist wohl die Freude an meinem Beruf, die Leidenschaft, dass ich mich selbst zurückstellen kann.»