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SACHSELN: Nach der Diagnose gabs Erleichterung

Vor drei Jahren erhielt Willi Studach die Diagnose Alzheimer. Für den damaligen Staatsarchivar eine Erleichterung. Jetzt wusste er, was mit ihm «nicht stimmte». Er lernte damit zu leben.
Marion Wannemacher
Willi Studach unterwegs am Sarnersee in Sachseln. (Bild Marion Wannemacher)

Willi Studach unterwegs am Sarnersee in Sachseln. (Bild Marion Wannemacher)

In Willi Studachs Wohnzimmer stapeln sich zwei Büchertürme: Kunstbildbände von Otto Dix und Gustav Klimt, das «Handbuch der Kulturwissenschaften», ein Roman von Ernst Jünger, ein Sachbuch über eine Methodik zum schnelleren Lesen. Hier wohnt einer, der Bücher liebt. Sie sind sein Leben. Studiert hat er Germanistik, Kunstgeschichte, Publizistik und Geschichte, promoviert über «Die Sprache des Weissen Buches von Sarnen» an der Uni Zürich. Schon in seiner Schulzeit begeisterten ihn die Klassiker. Auch heute vergeht für den 63-Jährigen kein Tag ohne Lesen.

Vor rund drei Jahren ergaben Tests am Kantonsspital Luzern die Diagnose Alzheimer. Für ihn, der 25 Jahre als Vollblut-Staatsarchivar für Obwalden gearbeitet hatte, das berufliche Aus. Studach kann sich noch genau an den Tag erinnern, als er spürte, dass etwas mit ihm «nicht stimmt». Beim Gespräch mit ihm in seiner Wohnung in Sachseln waren auf seinen Wunsch Nachbarin und Freundin Ursula Eckenstein sowie Bruno Rohrer, Präsident der Alzheimervereinigung Ob- und Nidwalden, dabei. Letzteren kennt er von der Schulzeit her.

Wie haben Sie festgestellt, dass Sie Alzheimer haben?
Willi Studach:
Es ist ein komisches Ge-fühl gewesen, ich sei nicht mehr da. Ich habe mir ja oft im Leben die Frage gestellt: Wer bin ich, was mache ich? Und dann bin ich eines Morgens aufgewacht und habe gedacht, wo bin ich jetzt da? Das fing an, mir Angst zu machen. Ich dachte, naja, ich muss einfach aufstehen, vielleicht hab ich zu lang geschlafen. Es blieb aber. Ich sagte mir, ich muss versuchen, mich normal mir gegenüber zu geben, als ob das nicht wäre. Dann hab ich ein Buch geholt, das ich immer gelesen hab, um in mir zu hören: «Heute ist kein guter Tag.» Das Erlebnis hab ich meiner Schwester und dir, Ursula, erzählt.

Ursula Eckenstein (nickt): Ja, und einmal sind wir miteinander essen gewesen, als es mit der Speisekarte nicht mehr funktioniert hat. Wir haben am Anfang ganz viel drüber geredet und beschönigen auch jetzt noch nichts. Von deinem Wesen her ist mir lang nichts aufgefallen, du warst für mich einfach der zerstreute Professor. Du bist in deiner Welt gewesen.

Wie kam es zur Diagnose?
Studach:
Wenn ich das noch richtig im Kopf hab, kam das von meiner Arbeits-stelle. Mein damaliger Chef hat gesagt, er könne mir nicht zuschauen, er merke, dass das, was von mir komme, zwar immer noch gut sei, aber lang nicht mehr so wie früher. Er schrieb meinem Hausarzt einen Brief, den hat er mir davor zu lesen gegeben. Nachher bin ich nach Luzern in die Neurologie im Kantonsspital gekommen zu x Untersuchungen, bis die Diagnose dann klar gewesen ist.

Brach da eine Welt zusammen?
Studach:
Komischerweise nicht. Wendet sich an Ursula Eckenstein: Hast du das Gefühl gehabt?

Eckenstein: Nein, ich glaube, du warst erleichtert, das war für dich eine Bestätigung.

Wie sind Sie mit damit umgegangen?
Studach:
Ich habs niemandem auf die Nase gebunden, aber wenn mich jemand drauf angesprochen hat, hab ichs schon gesagt. Im Dorfladen habe ich von mir aus erzählt, dass mein Gedächtnis nicht mehr so gut funktioniert, und gefragt, ob sie mir helfen könnten, wenn ich Hilfe brauche. «Selbstverständlich», war die Antwort.

Bruno Rohrer:Und wenn dich jemand gefragt hat: «Ist das schlimm?»

Studach:Das Wort schlimm würde ich für die Zeit nach den Untersuchungen nicht benutzen. Ich hab mich immer wieder gefragt, was ist jetzt los mit mir? Der Arzt hats mir vom Medizinischen her erklären können. Für mich ist es einfach etwas gewesen, das nicht mehr stimmt. Bis heute ärgert mich zum Beispiel, dass ich nicht mehr so schnell lesen kann wie früher. Man kann mit allem leben, wenn man damit auskommt. Aber ich hab seitdem ganz viel gute Leute kennen gelernt.

Also gibt es auch Positives durch die Krankheit?
Studach:
Ja, ich hab mich vielen Leuten geöffnet, was ich früher nicht gemacht habe. Ich bin aufmerksamer auf Menschen zugegangen. Im Grunde bin ich ein Einzelgänger, der Menschen braucht, die sich mit ihm austauschen. Aber ich konnte früher ganz gut ein paar Monate für mich sein, wobei ich früher schon Freunde hatte. Ich bin nicht jemand ganz anderer geworden, aber ich hab gemerkt, dass es ganz wichtig ist, mit Leuten umzugehen. Und dann kommt dazu, dass mir die Krankheit keine Angst macht.

Sie hatten auch nie das Gefühl «warum ich?» Sie sind ja früh an Alzheimer erkrankt.
Studach:
Nein. Das ist Zufall. Ich bin mir aber bewusst, dass ich ganz vieles, was meine Gesundheit betrifft, Leuten verdanke, die ganz locker mit mir umge-gangen sind und gesagt haben: «Wie du es gemacht hast, das hat mich wahnsinnig gefreut. Kann ich für dich etwas machen?» Das gibt Sicherheit. Die Leute, die wissen, dass ich krank bin, gehen mir nicht aus dem Weg.

Gibt es etwas, das Sie absolut nicht leiden können?
Studach:
Ich habs wahrscheinlich noch nie erlebt, aber wenn man mich so verhätscheln würde – Mitleid, das würde mich stören. Das kann man dann kurz vorm Sterben haben, aber nicht jetzt.

Was hat sich durch die Diagnose bei Ihnen geändert, wie war das Ende Ihres Berufslebens?
Studach:
Bevor mein Chef mit mir geredet hat, hab ich selbst gemerkt, dass ich nicht auf dem Niveau arbeiten konnte, das ich gewohnt war. Das hab ich ihm gesagt. Er bot mir 20 Prozent an. «Das gibts bei mir nicht», habe ich entschieden. «Die 20 Prozent brauch ich wahrscheinlich für mich zum Lesen.»

Sie machen den Eindruck, mit Leib und Seele Archivar gewesen zu sein, ist Ihnen dieser Schritt nicht sehr schwergefallen?
Studach:
Ja das ist so. Es ist ein Beruf, bei dem man mit vielen Leuten zusammenkommt, das hab ich immer geliebt, ihnen zu zeigen, was es für Material hat für Matura- und Studienarbeiten. Es hat sich herumgesprochen, dass ich mithelfe, wenn jemand kein Thema weiss. Junge Leute, die mit ihren Fragen und Entdeckungen zu mir kamen, sind für mich etwas vom Schönsten gewesen. Die waren so begeistert von etwas, das mich auch begeistert hat.

Was ist mit Ihnen passiert, als Sie plötzlich den ganzen Tag Zeit hatten?
Studach:
Nicht viel. Für ein Buch brauch ich jetzt vielleicht eine Woche Zeit. Aber ich hätte mir auch sonst vorgenommen, wenn ich nicht krank geworden wäre, alles etwas herunterzufahren und vielleicht was Neues zu machen. Aber geschrieben hätte ich schon noch.

Haben Sie Wünsche und Träume?
Studach:
(Er überlegt.) Ich hab als Herzenswunsch, dass meine Freunde erhalten bleiben, nicht nur, weil sie mir helfen.

Ursula Eckenstein: Darf ich noch was dazu sagen? Dein Wunsch ist ja auch, dass du so lang wie möglich mit Unterstützung in deiner Wohnung bleiben kannst. (Studach nickt zustimmend.)

Was macht Sie so richtig glücklich in Ihrem jetzigen Leben?
Studach:
Wenn ich rassig laufen kann. Was mir auch wahnsinnig wichtig ist: mit den Freunden zusammen zu sein, auch wenns mich anstrengt. Wir gehen auch zusammen in die Ferien.

Machen Sie sich Gedanken über Ihre Zukunft?
Studach:
Ganz wenig. Einmal stirbt jeder, hab ich mir irgendwann zurechtgelegt, als ich Goethe gelesen habe. Und ich denke, ich habe keine Angst. Wenn es jetzt hiesse: «Morgen musst du sterben.» Was soll da schlecht sein, wenn ich keine Schmerzen hätte? Es könnte ja auch ein schöner Flug sein in eine andere Existenz.

«Fan der Spitex»

mw. Willi Studach hat sich ein ganzes Netzwerk aufgebaut, um den Alltag zu meistern. Am Morgen hilft ihm eine private Spitex im Haushalt, bezieht ihn auch ein. Hilfe anzunehmen, sei für ihn ein Prozess gewesen. «Jetzt bin ich Fan der Spitex», sagt er. Unterstützung findet er vor allem bei seiner Schwester. Sie umsorgt ihn und ist bei Fragen für ihn da. Der Bruder wickelt die finanziellen Dinge ab. Eine ganz wichtige Rolle spielen Freunde: Hans und Rita Kobi aus Bern, Ursula Eckenstein in der Nachbarschaft. «Das ist Gold wert», sagt Studach. Mittags isst er unter der Woche im «Engel». Wenn er dort nicht ankäme, würde die Schwester das erfahren.

Im praktischen Alltag können es Kleinigkeiten sein, die dem gebürtigen Sarner zu schaffen machen: Ein Hemd anziehen, die Uhr ablesen, sich auf beiden Seiten im Gesicht gleich gut rasieren, sich an Verabredungen zu halten oder auf den Namen einer wichtigen Person in seiner Umgebung zu kommen. Das Fortschreiten der Krankheit merkt er an vielen kleinen und grösseren Dingen im Alltag: Noch vor drei Jahren konnte er um den See laufen. Motorische Störungen machen sich vermehrt bemerkbar.

Sie erhalten den Alzheimerpreis

pd. Menschen mit Demenz sollen aktiv am sozialen Leben teilhaben können. Das brauche Informationen und Wissen, um Verständnis und Toleranz zu fördern und ein Umdenken in der Bevölkerung zu erzielen, sagt Margrit Freivogel, Geschäftsstellenleiterin der Alzheimervereinigung Obwalden-Nidwalden. Diese vergibt zum Welt-Alzheimertag vom kommenden Montag zwei Preise. «Die Fokus-Preisträger 2015 setzen mit ihrem offenen Verhalten und ihrem Engagement ein starkes Zeichen. Willi Studach (siehe Interview) wurde durch die frühe Demenzerkrankung vorzeitig aus dem Berufsleben geworfen. Die Journalistin Marion Wannemacher (Mitarbeiterin unserer Zeitung) gibt Betroffenen, pflegenden Angehörigen und Fachleuten mit ihren Berichten, Porträts, Interviews eine Stimme.» Mit ihrer kompetenten Arbeit schlage sie Brücken und baue Ängste vor der Krankheit ab. 116 000 Menschen in der Schweiz leben mit Alzheimer oder einer Form von Demenz, über 1000 in Ob- und Nidwalden. Zusätzlich sind über 600 000 Menschen täglich damit konfrontiert als Angehörige, Freiwillige, Fachleute.

HINWEIS
Die Preisübergabe ist öffentlich: Donnerstag, 24. September, 19 bis 21 Uhr, im Pfarrhofsaal in Kerns. Nach einem Input-Referat von Dr. med. Bruno Rohrer, Präsident Alzheimervereinigung Obwalden-Nidwalden, über den «Weg zu einer demenzfreundlichen Gesellschaft» hält Regierungsrat Franz Enderli die Laudatio. Eintritt frei, Kollekte

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