SACHSELN: Seine Guetzli führten ihn bis nach Paris

Er hat so viel erlebt, dass er ein Buch schreiben könnte. Morgen Sonntag wird «s Poscht-Felixe Simi» 90 Jahre alt. Simon Enz ist noch immer in Bewegung.

Marion Wannemacher
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Simon Enz backt auch heute noch fleissig Guetzli. (Bild: Josef Reinhard / Neue OZ)

Simon Enz backt auch heute noch fleissig Guetzli. (Bild: Josef Reinhard / Neue OZ)

Die braunen Augen unter den grauen buschigen Brauen sind hellwach. Ab und zu blitzen sie auf. Kein Wunder: Simon Enz hat den Schalk im Nacken. Seine 90 Jahre nimmt man ihm nicht ab. Er versorgt mit Hilfe der Tochter den Haushalt, seine Frau sitzt im Rollstuhl. Trübsal blasen die beiden bestimmt nicht. Ihre Lebenslust wird greifbar, wenn sie von ihren vielen Reisen erzählen und von ihrem bewegten Leben.

Lehre in Sarnen

Von der Essecke im dritten Stock in der Chuematt sieht man die Sachsler Hausberge und die Schwander Berge. Seit 2010 wohnen beide in Sachseln, nach fast 60 Jahren in Zürich wieder daheim. «Da drüben bin ich geboren», zeigt Ehefrau Marie-Louise auf das rot gestrichene Schindelhaus am Dorfplatz. Simon Enz stammt aus Giswil. «Mein Vater war Briefträger, alle nannten ihn ‹Poscht-Felix›. Eigentlich dachte ja mein Vater, ich werde auch Briefträger, aber der Posthalter brachte seinen eigenen Neffen unter.»

Der 20-jährige Simon entschied sich nach der Rekrutenschule für eine Kon-ditorlehre. In La Chaux-de-Fonds wollte er Französisch und das Bäckerhand-werk lernen. «Aber nur wer ein gutes Kontingent an Lebensmitteln hatte, durfte Lehrlinge ausbilden», erzählt Simon Enz. Es waren eben Kriegszeiten. In Sarnen bei Rey-Halter absolvierte er schliesslich eine Konditor-Lehre. Um Sprachen zu lernen, ging er ins Tessin, nach Montreux und arbeitete dann wieder in Sarnen.

Tanzpartnerin fürs Leben

An einer Älplerchilbi in Sachseln im «Rössli» lernte er Marie-Louise beim Tanzen kennen. Seine Frau erzählt: «Meine Schulkollegin musste heim und sagte mir, der Bruder vom ‹Enz-Lisy› brauche jemanden zum Tanzen.» Der Bruder, das war Simon. Fünf Jahre später heirateten sie, im August vergangenen Jahres feierten die beiden diamantene Hochzeit.

Nach der Hochzeit zügelten sie nach Zürich. Nur sechs Jahre später bekam Enz gesundheitliche Probleme und musste eine andere Arbeit annehmen: Er wurde Tramfahrer. Das kam seinem Kindheitswunsch Lokführer ziemlich nahe: «In Giswil wuchs ich ja hinter der Station auf. Manchmal half ich auch Kohlen schaufeln.»

Der «Cerberus» vom Rathaus

Seine vielleicht interessanteste Zeit im Berufsleben erlebte Enz aber als Auskunftsbeamter im Stadthaus in Zürich. Zu seinem Amt gehörte auch der Weibeldienst im Rathaus. «Wir mussten bei Anlässen repräsentieren.» Er begegnete Prominenten wie dem Bundespräsidenten Ludwig von Moos, Märlierzählerin Trudy Gerster und Schauspielerin Stephanie Glaser. Und auch der gebürtige Giswiler fand Beachtung: «In einem Artikel wurde ich einmal der ‹Cerberus vom Rathaus› genannt.»

Vieles erlebt

Einiges kann Simon Enz an Anekdoten erzählen. «Einmal fand ich gar eine Rauchbombe in einer Mappe. Zum Glück war die Gemeinderatssitzung schneller zu Ende, sodass nichts passierte.» Auch militante Vertreterinnen der Frauenbewegung erlebte Enz. «Die Frauen bestanden darauf, ihre Handtaschen bei sich zu behalten. Der damals amtierende Stadtpräsident übernahm die Verantwortung. Während der Sitzung warfen sie dann Sau­schwänzli und Schweinsaugen von der Tribüne.» Auch daheim bei Familie Enz war es nie langweilig. Ausser den drei eigenen Töchtern zog das Paar mehrere Pflegekinder mit auf. Der Wille, Verantwortung für andere zu übernehmen, hielt sich auch nach der Pensionierung: Enz ist bei Pro Senectute und war Vormund für zahlreiche Mündel.

70 Kilo Guetzli

Leckere Guetzli stehen auf dem Tisch. Er backt jedes Jahr fleissig und verschenkt viele davon. Bis vor zwei Jahren sind Simon und Marie-Louise Enz noch jedes Jahr auch zum Orden der Heilig-Geist-Schwestern nach Paris gefahren – bis vor wenigen Jahren mit dem eigenen Auto – und haben dort am Missionsbasar geholfen. «An die 70 Kilo Guetzli und 50 verschiedene Kuchen habe ich dort jedes Mal gebacken.»

Von vielen Reisen nach Mexiko, in die Karibik und nach Petersburg kann das rüstige Ehepaar erzählen. Die letzte grosse Tour ging vor zwei Jahren mit der «Queen Mary» nach New York. Und wie hält man sich so fit? «Nicht überessen – und Liegestütze», schmunzelt Simon Enz und freut sich auf die Pointe: «Ich mache im Liegen auf meinem Relaxsessel Sudoku und Kreuzworträtsel.»