SACHSELN: Sie verstehen sich via Kartonröhrli-Funk

Duos aus Künstlern und Bewohnern der Stiftung Rütimattli haben Kunst geschaffen. Viel Spass dabei hatten Adrian Hossli und Veronika Abächerli.

Marion Wannemacher
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Eine absolut spannende Begegnung erlebten beim Projekt Adrian Hossli und Veronika Abächerli. (Bild Marion Wannemacher)

Eine absolut spannende Begegnung erlebten beim Projekt Adrian Hossli und Veronika Abächerli. (Bild Marion Wannemacher)

Marion Wannemacher

Veronika Abächerli hat schon gepackt. Unter dem Fernseher in ihrem Zimmer in der Wohngruppe Silberbogen steht ihr Rucksack parat. Ihre Vorfreude ist riesengross. «Wir bauen zusammen unsere Installation in Sachseln auf», erklärt Adrian Hossli. Auch er freut sich darauf gewaltig, wie er sagt.

Kunstlehrer trifft «Idealschülerin»

Die Zeit mit Veronika «werde ich nie vergessen», bekennt der Obwaldner Kunstschaffende. An mehreren Halbtagen arbeiteten Obwaldner Künstler mit Bewohnern der Stiftung Rütimattli gemeinsam an Kunstprojekten (siehe Kasten). Bei Adrian Hossli und Veronika Abächerli wurden fünf intensive ganze Tage daraus. «Einmal sagte Veronika: ‹Heute gibts um halb sechs kein Znacht, wir schaffen bis um acht›», erzählt Hossli. «Veronika wollte nur noch im Atelier essen, wir nahmen alles mit hinüber.» Für den ehemaligen Kunstlehrer eine «Idealschülerin», wie er sagt. So etwas habe er in seinen 30 Jahren Lehrtätigkeit nicht erlebt.

Ganz zu Anfang ihrer Begegnung schleppte Hossli einen Haufen Schachteln und Röhrli herbei. «Da drin kann ich wohnen», stellte Veronika fest, die in ihrer Wohngruppe dafür berüchtigt ist, dass sie manchmal über Nacht ihre ganze Zimmereinrichtung auf den Kopf stellt. Los ging es mit dem Bauen. Schachtel auf Schachtel, viereckige Löcher für die Fenster, eine Aufklapptür zum Hineinschlüpfen, alles bunt bemalt. Ein Haus für sie und eins für Adrian Hossli, es kamen Anbauten dazu, es uferte aus. Er musste sie stoppen: «Das Objekt wäre sonst nicht mehr durch die Tür gegangen, geschweige denn in den Ausstellungsraum.»

Privatsprache nur für sie

Von Anfang an stimmte die Chemie zwischen den beiden. «Irgendwann haben wir angefangen, durch Kartonröhren miteinander zu reden und haben das dann auch so durchgezogen. Das ist unser ‹Funk», erzählt der 72-Jährige. Vorführen möchte Veronika ihr Funksystem nicht, auch nicht fürs Bild. Das ist eine Sache nur zwischen ihnen beiden. Als er einmal mit dem Velo ankam, holte sie ihres hervor und sie fuhren ein paar Ehrenrunden miteinander. Das wurde zum Begrüssungsritual.

Auf Augenhöhe sollten sich die Künstler untereinander begegnen, so die Idee des Projekts. Im Fall von Adrian Hossli und seiner Partnerin ein gelungenes Unterfangen: «Sie hat mir genau gesagt, was sie will und was nicht. Ich war ihr Handlanger. Ich hab versucht, sie nicht zu beeinflussen.» Ob das Kunst ist, was beide geschaffen haben? «Ja, schon», findet der Obwaldner Kulturpreisträger. «Aber eine, die sich verselbstständigt. Zwischen uns lief das sicher nicht mit dem Bewusstsein, ‹Kunst› zu machen. Für mich ist das freie Kreation, aus dem unmittelbaren Moment heraus entstanden, im Beuys’schen Sinn» vielleicht als Teil der «Sozialen Plastik» zu verstehen.» Hosslis klares Fazit: «Ein wunderbares Erlebnis! Veronika hat mir sicher ebenso viel gegeben wie ich ihr.»

HINWEIS

«Kunst & Kunst» in der Galerie «Alte Krone» in Sachseln. Vernissage am Donnerstag, 2. April, um 16.30 Uhr. Die Ausstellung ist vom 3. bis 6. und am 11. und 12. April je von 11 bis 16 Uhr und vom 7. bis 10. und am 14. und 15. April von 18 bis 21 Uhr geöffnet.

Im Tandem gearbeitet

mw. «Kunst & Kunst» heisst eine Ausstellung von acht Duos in der Galerie Alte Krone in Sachseln. Mehrere Halbtage haben acht Obwaldner Künstler im Tandem mit Bewohnern der Aussenwohngruppe und der Wohngruppen der Behindertenstiftung Rütimattli gemeinsam je ein Kunstwerk erarbeitet: Darunter waren Thomas Birvé mit Franz Niederberger, Charlie Lutz mit Alois Matter, Maya Reinhard mit Ricarda Limacher, Stefan Rogger mit Monika Flück, Heinz Anderhalden/Christoph Amrein mit Erika Zumstein, Beppi Baggenstoss mit Nicole Schacher und Andrea Röthlin mit Niklaus Spichtig. Gearbeitet wurde teils in den Ateliers der Künstler oder im Rütimattli.

«Jeder der angefragten Künstler hat sofort zugesagt», erzählt Durens von Deschwanden, Initiantin und Leiterin der Tagesstätte in der Stiftung. «Wichtig war mir, dass das gemeinsame Schaffen auf Augenhöhe funktioniert. Eine Beziehung musste möglich sein, sonst wäre eine Alibiübung daraus geworden.»