SACHSELN: Wirt hält Dorfleben in Fotos fest

Im Nachlass des «Bahnhof»-Wirts Alfons Rohrer befinden sich 14000 Dias. Sein Enkel Heinz Anderhalden hat den Schatz gehoben und in einem Buch Alltag und Leben eines Dorfes dokumentiert.

Romano Cuonz
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Drei Generationen freuen sich über das fotografische Vermächtnis des Sachsler «Bahnhof»-Wirts Alfons Rohrer: seine Frau Hilda Rohrer (links), sein Enkel Heinz Anderhalden und seine Tochter Alice Anderhalden-Rohrer. Bild: Romano Cuonz (Sachseln, 10. Februar 2017)

Drei Generationen freuen sich über das fotografische Vermächtnis des Sachsler «Bahnhof»-Wirts Alfons Rohrer: seine Frau Hilda Rohrer (links), sein Enkel Heinz Anderhalden und seine Tochter Alice Anderhalden-Rohrer. Bild: Romano Cuonz (Sachseln, 10. Februar 2017)

Romano Cuonz

redaktion@obwaldnerzeitung.ch

Der Obwaldner Grafiker Heinz Anderhalden steht in der bis auf den letzten Platz gefüllten Wirtschaft des Sachsler Gasthauses Bahnhof. In seinen Händen hält er ein Buch. Zeigt es all den vielen Leuten. Sagt dann: «Dieses Buch, das schon nach kurzem abgegriffen ist und Eselsohren hat, ist für mich etwas ganz Besonderes, etwas Persönliches.»

Wohl wahr: Heinz Ander­halden ist der Enkel des schon fast legendären Sachsler Wirts, Feuerwehrkommandanten, ­Jägers, Schafzüchters, Alpsenns und Schützen Alfons Rohrer (1925–1998). Ihm ist das Foto­album «Heimat», das eben im Scheidegger & Spiess Verlag erschienen ist, gewidmet.

Eher zufällig beim Aufräumen entdeckt

Alfons Rohrer führte zusammen mit seiner Frau Alice während rund 50 Jahren das Gasthaus Bahnhof, eine klassische Dorfbeiz. «Als Wirt und überaus aktiver Bürger stand Grossvater ­Alfons Rohrer im Zentrum eines regen Treibens im und um das Gasthaus herum, ausserdem war er ständig im Tal unterwegs», erinnert sich Heinz Anderhalden. Ganz ungewöhnlich aber sei, dass Alfons Rohrer das örtliche Geschehen – einmal mehr und einmal weniger professionell – mit seiner Nikon-Kamera festgehalten habe. «Als ich der Gross­mutter beim Aufräumen eines Schrankes half, entdeckte ich die 14000 Bilder meines Grossvaters», erzählt Anderhalden. Im selben Moment habe er sich erinnert, wie er in seiner Kindheit Grossvater immer mit einer Kamera in der Hand gesehen und erlebt hatte. «Und da wusste ich, dass ich einen Schatz gefunden hatte», sagt der Grafiker.

Bald schon sei er daran ­gegangen, die Dias zu digitali­sieren. Weil solche Bilder beim ­Betrachter unmittelbar nostalgische Gefühle auslösen, zu einer Auseinandersetzung mit der persönlichen Vergangenheit und den eigenen Erinnerungen führen, scheute Heinz Anderhalden keine Mühe und keinen Preis. Er wollte den einmal entdeckten Schatz mit der Öffentlichkeit teilen: in Form eines schön gestalteten Buches. In Deutsch und in Französisch sollte es erscheinen.

Namhafte Stimmen zum Buch

Einen sehr feinfühlig literarischen Text unter dem Titel ­«Heimat, sagt man» steuert die Schwyzer Autorin Martina Clavadetscher zum Buch bei. Bezeichnend ihre ersten Zeilen: «Diese Tage damals, weisst du noch? Da haben wir doch – das war doch da – als der Alfons ...»

Als Sachverständige setzt sich Silvie Henguely, wissenschaftliche Mitarbeiterin für die Fotostiftung Schweiz in Winterthur, mit dem Buchprojekt auseinander. Ihr Urteil: «In einer Zeit, in der eine Abkehr von den grossen Themen sowie eine Begeisterung für Autobiografien beobachtet werden kann, und das, was von der Norm abweicht, ebenso seinen Platz im Kulturbereich hat, eröffnet populäre Amateurfotografie ein weites, urbar zu machendes Feld.»

Zu vielen der 242 Abbildungen weiss dann der Obwaldner Wildhüter Hans Spichtig – Alfons Rohrer war für ihn ein väterlicher Freund gewesen – Geschichten und Anekdoten zu erzählen. Das Vernissagepublikum ist begeistert. Später halten alle das Buch in der Hand. Und jetzt erst beginnen die Gespräche. Oft genauso, wie es Martina Clavadetscher in ihrem Text sagt: «Ich erinnere mich genau, was haben wir doch ...» Mit jeder Seite werden neue Erinnerungen wach. Zu ­Bildern mit den Feuerwehrmännern vor einem brennenden Hüttchen oder später beim «Schoppen» in der Beiz. Zu ­Bildern von Schützen und Älplern, von Holzfällern und Erstkommunikanten. Oder zu den Fotos eines von der Beizdecke herunterhängenden Gämsbocks samt Zweig im Maul und den ­frischen Blutwürsten bei der Metzgete. Die vielen Kinder und die schönen Schafe erst, und all die Männer mit Schnauz und Bart ... ein Fotoalbum eben!

Hinweis

Alfons Rohrer: «Heimat», ein Fotoalbum. Verlag Scheidegger & Spiess. Das Buch ist im Handel erhältlich und kostet 49 Franken.