Sarnen
Ein Andenken mit vielen Facetten: Hanspeter Müller-Drossaart und weitere Künstler ehren Karl Imfeld

Karl Imfeld war einer der bedeutendsten Mundartautoren Obwaldens. Eine Hommage in Wort und Musik hat ihn nun generationenübergreifend gewürdigt.

Romano Cuonz
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«Das kirchliche Personal ist mit wenig Geschmack ausgerüstet. Von Kunst verstehen sie wenig!» Diese offenen kritischen Worte des früheren Kernser Pfarrers Karl Imfeld – zitiert von dessen langjährigem Begleiter und Freund Franz Enderli – erklären vieles. Vor allem, warum uns der geniale Obwaldner weit mehr als Mundartautor und Volkskundler denn als Seelsorger in Erinnerung bleiben wird. «Als Seelsorger konnte er zu wenig gut zuhören, er sprach und erzählte lieber selber und wusste auch stets genau, wo Brauch oft auch Missbrauch ist», erinnerte sich Enderli.

Mit dem früheren Laientheologen und Regierungsrat Franz Enderli kommt einer zu Wort, der Karl Imfeld gekannt hat wie kein anderer.

Mit dem früheren Laientheologen und Regierungsrat Franz Enderli kommt einer zu Wort, der Karl Imfeld gekannt hat wie kein anderer.

Bild: Romano Cuonz (Sarnen, 28. August 2021)

Am vergangenen Samstag aber musste Karl Imfeld für einmal – irgendwo dort oben im Himmel – zuhören. Zuhören und vielleicht auch verschmitzt lächelnd zur Kenntnis nehmen, wie sich gleich mehrere namhafte Künstler und Freunde im Theater Altes Gymnasium in Sarnen an ihn erinnerten. Und dazu neben seinen Worten auch noch neue, junge Töne beisteuerten – eine Hommage mit vielen Facetten. «Als Annäherung an einen besonderen Menschen, der viel offenlässt», wie Geri Dillier es formulierte. Er war es auch, der als Regisseur diese Hommage sehr einfühlsam gestaltete. Im Mittelpunkt der Veranstaltung stand Imfelds von Christof Hirtler überarbeitetes Obwaldner Mundartwörterbuch. Der Autor selber hatte daran noch bis zu den letzten Korrekturen mitgearbeitet, bevor er am 19. August 2020 verstarb.

Interview, Alphabet und Litanei

Einer, der Karl Imfeld in den letzten Lebensjahren sehr nahestand – ihn auch bewundert – ist der bekannte Schauspieler und Autor Hanspeter Müller-Drossaart. Zur Hommage komponierte er drei Texte und trug diese gleich selber vor, gekonnt und theatralisch. Zuerst führte er als Journalist ein fiktives Interview mit Karl Imfeld. Die Antworten stammen aus dessen Texten. Auf die Frage des «Schurnis», wie es um die Frömmigkeit der Gläubigen stehe, meinte Imfeld beispielsweise: «Äs gäb zwenig fromm Lyyt, sägids, jänu, nur Fruchtbaars cha sich vermeere!»

Hanspeter Müller-Drossaart und Franz Enderli (von rechts) erinnern sich an Mundartautor Karl Imfeld.

Hanspeter Müller-Drossaart und Franz Enderli (von rechts) erinnern sich an Mundartautor Karl Imfeld.

Bild: Romano Cuonz (Sarnen, 28. August 2021)

Ein eigentliches Kabinettstücklein bot Müller-Drossaart mit einem fabulierten «Klang-Woord-Alfabeet» aus dem Obwaldner Wörterbuch. Einzelne Vokabeln wurden zu musikalischen Kaskaden. Beim «S» tönte es so: «Sälige Sackermoscht syyferli syyffäle, Schmyrsäipfi schmirze, Spertler siliäre und midem Sidi-Barrani dure Sylväschter schlurgge!» Schliesslich zollte der Schauspieler seinem verstorbenen Freund auch noch mit seinen Worten Lob. «Ä Lytanyy fire Kari» war es. Und die tönte dann etwa so: «Mid Chryyz und Fahne gahd me hyt nimme. Dr Glaibe a eppis gressers als mier sind, chläbt vertrochned zwischet de Kreditcharte im Portmonee. Verloore schtellid mier grad zleid und ztrotz dr neo-liberal Giggel-Chamme: Mier chenid alls älläi.»

Am sichtbarsten aber zeichnete der Laientheologe und frühere Landammann Franz Enderli die Konturen des scharfzüngigen und für fromme «Churer Bistümler» oft allzu ehrlich parlierenden Karl Imfeld. Eindrücklich schilderte er ihn als Kindernarr: «So wie Kinder Kari verehrten, so liebte er die Kinder. Für sie schrieb er dann auch die wunderschöne Geschichte vom ‹Wetzsteimandl›.» Und Enderli brachte es auf den Punkt: «Kari war ein Pfarrer, wenig interessiert an Dogmatik und Kirchenrecht – seine Liebe galt den Geschichten.»

Feine Töne zu musikalischer Sprache

Wenn ein Dichter seine Sprache klingen lässt, so wie Karl Imfeld es tut, mit Harmonie und Dissonanzen, mit Pianissimi und Forti, ist es nicht ganz einfach, zu dieser Kunst mit Gesang und Musikinstrumenten noch etwas hinzuzufügen. Weil es aber Geri Dillier ein besonderes Anliegen war, das Erbe von Karl Imfeld auch an die nächste Generation weiterzugeben, kam es zu gleich zwei Kompositionsaufträgen an junge Musiker. Die Uraufführungen ihrer Werke sorgten für Freude. Allen vieren – den Sängerinnen und Instrumentalisten – gelang es, Imfelds Worte behutsam, einfühlsam und vor allem differenziert zu rezitieren und zu untermalen. Es entstand Ergänzung und nicht Konkurrenz.

Christoph Blum und Johanna Schaub glänzten mit einer Uraufführung.

Christoph Blum und Johanna Schaub glänzten mit einer Uraufführung.

Bild: Romano Cuonz (Sarnen, 28. August 2021)

Christoph Blum und Johanna Schaub benutzten mehrere Instrumente mit Bedacht und grossem Können. Sie setzten sie einmal kratzig, einmal fein virtuos ein, so wie die gesungenen Worte daherkamen. Der lautmalerischen und variantenreichen Obwaldner Mundart Karl Imfelds nahe kamen Jul Dillier und Antonia Gasser. Dass die beiden bei ihrer Annäherung eine «Betruf-Follä» oder eine Kuhglocke benutzten, war stimmig. Lautmalerische Geräusche wie sie eben Wörter in der Obwaldner Sprache oft beinhalten. Neu, jung, jedoch ohne zur Sprache in Konkurrenz zu treten.

Antonia Gasser und Jul Diller präsentierten ihre Komposition.

Antonia Gasser und Jul Diller präsentierten ihre Komposition.

Bild: Romano Cuonz (Sarnen, 28. August 2021)

Den Schlusspunkt zur vielfältigen Veranstaltung setzten zwei junge Obwaldner, die Karl Imfeld in seinen letzten Lebensjahren oft besucht und ihm viel zugehört hatten: Der Ingenieur Yves Gubelmann und der Fotograf Maximilian Lederer. In einem Video zeichneten sie, in knappster, sich oft in Verwischung auflösender Bildsprache auf, wie sich Karl Imfeld bis zuletzt gegen das Unvermeidbare aufgebäumt, weitererzählt und mit seinem «Ferrari» (einem motorisierten Elektromobil) bis zu Bruder Klaus ins Flüeli gefahren war. Nochmals haben wir uns an einen grossen Obwaldner erinnert: Er fehlt uns.