Sarnen
Ein öffentliches Zeichen für alle «Sternenkinder»

Auf dem Sarner Friedhof hat Pfarrer Bernhard Willi am Sonntag ein Grabfeld für «Sternenkinder» im Rahmen einer Feier eingesegnet.

Marion Wannemacher
Merken
Drucken
Teilen

«Kleiner Sonnenstrahl, wir können es nicht begreifen, dass du nicht mehr bei uns bist. Wir haben tausend Fragen», liest Simone Röthlin, Sonntagsschullehrerin der Evangelisch-reformierten Kirchgemeinde Obwalden. Es sind die Gedanken einer unbekannten Mutter, die ihr Kind nie erleben durfte. Es ist tot zur Welt gekommen. Um den Tisch mit den bunten Tüchern und Schwimmkerzen in Schalen stehen vereinzelte Grüppchen. An die 30 Teilnehmer sind zur ökumenischen Gedenkfeier für die sogenannten Sternenkinder gekommen.

Der Kernser Bildhauer Christoph Scheuber (rechts) mit Pfarrer Bernhard Willi (links) von der Katholischen Kirche Pfarrei Sarnen und Pfarrer Michael Candrian von der Evangelisch reformierten Kirche Obwalden.

Der Kernser Bildhauer Christoph Scheuber (rechts) mit Pfarrer Bernhard Willi (links) von der Katholischen Kirche Pfarrei Sarnen und Pfarrer Michael Candrian von der Evangelisch reformierten Kirche Obwalden.

Bild: Marion Wannemacher (Sarnen, 3. Mai 2021)

Sie haben seit Sonntagabend auf dem Sarner Friedhof einen Ort zum Trauern. Die katholische Pfarrgemeinde Sarnen hatte einen Gedenkstein für Sternenkinder beim Kernser Bildhauer Christoph Scheuber in Auftrag gegeben. In Zusammenarbeit mit der politischen Gemeinde ist hinter der Pfarrkirche St. Peter und Paul ein Grabfeld gestaltet worden, in dessen Nachbarschaft neu auch Kindergräber Platz finden. Die Planung ergab sich mit der Umgestaltung des Friedhofs. Dort können künftig Sternenkinder unabhängig ihrer Konfession und ihrer Entwicklung in der Urne oder in einer Erdbestattung beigesetzt werden.

In der Aufbahrungshalle stehen junge Familien dicht beieinander – Paare im Grosseltern-Alter, einzelne ältere Frauen. Sabrina Imfeld, nichtmedizinische Geburtshelferin und Begleiterin von Eltern von Sternenkindern, fordert sie auf, für ihre verstorbenen Kinder oder für sich selber eine Kerze in einer ihnen entsprechenden Farbe anzuzünden. Michael Candrian, Pfarrer der Evangelisch-reformierten Kirchgemeinde Obwalden, spielt auf dem Piano einfühlsam ein Lied dazu mit dem Titel: «Du bisch äs Gschänk vom Himmel». Die Schalen füllen sich mit Kerzen. Jemand putzt sich die Nase.

Gedenkstein aus Jura-Kalkstein kommt auf dem Platz zur Geltung

Gemeinsam begibt sich die kleine Gemeinschaft zum Gedenkstein. Pfarrer Bernhard segnet den Stein, das Grabfeld und die Kindergräber ein. «Mitfühlender Gott, segne diesen Ort und erfülle alle mit Hoffnung und Zuversicht. Jedes Menschenkind sei bei Dir gehalten und geborgen, das bitten wir durch Jesus Christus, unseren Bruder und Freund.»

Der Bildhauer Christoph Scheuber freut sich über den Platz, auf dem seine Skulptur gut zur Geltung kommt. Er hat sich intensiv mit dem Thema befasst und den Kindern dieser Welt, die nie leben durften, ein Zeichen gesetzt. Auf dem Stein werden Sterne, Mond und eine angedeutete Erde sichtbar. «Ein Durchbruch durch den Stein verweist auf das Transzendentale des Themas. Der Jura-Kalkstein mit seiner sanften Tönung hat eine freundliche Anmutung», so Scheuber.

Öffentliches Zeichen ist wichtig

«Das Grabfeld hinter der Kirche ist an einem wunderschönen Platz. Es ist ein Zeichen der Würde für zu früh verstorbene Kinder», sagte Silvia Michel, Katechetin und Trauerbegleiterin. Auf ihre Initiative ging das Projekt zurück. Als Michel die Einladung zur Gedenkfeier bei sich als Status ins Whatsapp gestellt hatte, sprach sie eine Frau an, die selbst in ihrem Leben ein Kind verloren hatte. «Es ist so gut, dass ihr das macht.» Sabrina Imfeld findet: «Für Eltern ist es so wichtig, dass es einen Ort gibt, wo man hingehen kann und ein öffentliches Zeichen findet, dass das Kind da gewesen ist.»

«Heute habe ich das Erlebnis verarbeitet»

«Jetzt haben Sternenkinder ein würdiges Grab», freut sich eine ältere Teilnehmerin an der Gedenkfeier. Früher seien Sternenkinder einfach in Gräber zufällig Verstorbener beigelegt worden, habe man sich erzählt. «Wenn gerade niemand verstorben war, wurden sie einfach im Schacht ausserhalb der Friedhofsmauer entsorgt, weil sie ja nicht getauft waren. Da gehe ich selbst heute nur ungern vorbei.»

Ihr eigenes Sternenkind sei mit neun Monaten voll entwickelt gewesen. «Es war ein herziges Kind», betont die über 80-Jährige. «Es hatte die Nabelschnur zweimal um den Hals gewickelt. Sie wollten es mir gar nicht zeigen, aber ich habe drauf bestanden und bin heute noch froh. So wusste ich, dass es an sich gesund war. Als ich im achten Monat war, habe ich gespürt, dass da kein Leben mehr war und hatte Fieber. Ein Arzt in Luzern warf mir an den Kopf, das Kind sei tot, das könne er mir gleich sagen. Einen Kaiserschnitt lehnte er rundweg mit den Worten ab: ‹Ja, geht's noch?› Das Kind komme, wenn die Plazenta verbraucht sei. So hatte ich einen Monat lang eine sehr schwere Zeit. Aber der Alltag ging ja weiter mit Haushalt und Familie. Heute habe ich das Erlebnis verarbeitet. Ich freue mich, dass die Sternenkinder so einen schönen Platz und so einen schönen Stein mit Durchblick bekommen.» (mw)