SARNEN: «Höchst perfide Abzocke»: Polizei rechtfertigt sich

In der Nacht und am Wochenende wäre Tempo 80 auf dem kurzen A-8-Abschnitt eigentlich unnötig. Die Deponiezufahrt ist dann geschlossen. Stellt die Polizei gerade dann ihren Blitzer auf und zockt Autofahrer ab?

Adrian Venetz
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Die A 8 in Sarnen Richtung Luzern bei der Deponie Stuechferich (oben rechts): letzte Chance zum Überholen – aber ausgerechnet hier darf nur mit Tempo 80 gefahren werden. (Bild: Corinne Glanzmann (18. Januar 2017))

Die A 8 in Sarnen Richtung Luzern bei der Deponie Stuechferich (oben rechts): letzte Chance zum Überholen – aber ausgerechnet hier darf nur mit Tempo 80 gefahren werden. (Bild: Corinne Glanzmann (18. Januar 2017))

Adrian Venetz

adrian.venetz@obwaldnerzeitung.ch

Eine «arglistige, höchst perfide Abzockerfalle» seien Geschwindigkeitskontrollen an der A 8 in Sarnen Richtung Luzern. Dies schreibt uns ein Leser aus Cham. Gemeint ist der kurze Tempo-80-Abschnitt bei der Deponie Stuech­ferich. Lastwagen können hier via Pannenstreifen die Zu- und Ausfahrt der Deponie benutzen, die Tempobeschränkung wurde deshalb bei der Inbetriebnahme der Deponie von 100 auf 80 herabgesetzt.

Die Deponie ist nur werktags offen – folglich benutzen ausserhalb der Arbeitszeiten keine Lastwagen die Zufahrt. Tempo 80 gilt aber rund um die Uhr. Es sei deshalb besonders perfide, wenn die Polizei hier auch an Wochenenden und in der Nacht Tempokontrollen durchführe – gerade zu jenen Zeiten, wenn die Tempo-80-Beschränkung eigentlich unnötig wäre. Nicht zum ersten Mal erhält unsere Zeitung diesbezüglich Reklamationen von Autofahrern. In seiner Zuschrift verlangt besagter Leser aus Cham, die «unseriös erhobenen Bussen» seien rückwirkend «bei den willkürlich Betroffenen zu bereinigen». Der Tempo-80-Abschnitt sei eine «miese Schikane», zumal die Deponie mittlerweile ohnehin voll sei und «vorwiegend privaten Zwecken» diene. Für die A-8-Signalisation zuständig ist das Bundesamt für Strassen (Astra). Astra-Sprecherin Esther Widmer hält auf Nach­frage fest: «Die Tempo-80-­Begrenzung wurde im Juli 2012 im Bundesblatt publiziert. Es gab damals keine Einsprachen.» Die Tempo­beschränkung bei der ­Deponie gelte so lange, bis der ­Sicherheitsstollen des Sachsler Tunnels fertig gebaut und die ­Instandsetzungsarbeiten am ­Tunnel abgeschlossen seien. «Dies wird voraussichtlich Ende 2019 der Fall sein», so Esther Widmer. «Aus logistischen Gründen ist es praktisch unmöglich, das Tempo nur tagsüber und an Werktagen auf 80 zu beschränken. Die Signalisation müsste zweimal pro Tag von Hand umgestellt werden.» Pro Jahr erhalte das Astra «etwa eine Reklamation» wegen dieses 80er-Abschnittes. «Die meisten haben sich daran gewöhnt und halten die Geschwindigkeit ein», betont Esther Widmer.

2016 wurde nur werktags geblitzt

Für die Tempokontrollen ist nicht das Astra zuständig, sondern die Kantonspolizei Obwalden. Auch bei der Polizei hat man sich vereinzelt böse Worte von Autofahrern anhören müssen, die im 80er-Bereich geblitzt wurden. Allfällige Reklamationen kämen aber meistens von Autofahrern mit geringen Tempoüberschreitungen und entsprechend tiefen Bussen, sagt Marco Niederberger, Leiter der Verkehrs- und Sicherheitspolizei.

Ist es aber tatsächlich so, dass die Polizei hier mit Vorliebe nachts und an den Wochenenden einen «Blitzer» aufstellt? Keineswegs, wie Marco Niederberger deutlich macht. 2015 stand eine semistationäre Messanlage – der graue, gut ersichtliche Anhänger – tatsächlich während einer Woche im 80er-Bereich. Hier wurden Autos auch nachts und am Wochenende geblitzt. «Das führte schon zu einigen Reklamationen», erinnert sich Niederberger. Dabei ist die Situation aus rechtlicher Sicht völlig klar: Wo Tempo 80 signalisiert ist, gilt nun mal Tempo 80 – egal, ob die Deponie offen ist oder nicht. Trotzdem hat die Polizei im Jahr 2016 hier kein einziges Mal in der Nacht oder am Wochenende Tempokontrollen gemacht, wie Marco Niederberger nachweisen kann. Konkret gab es 2016 auf diesem Abschnitt drei Kontrollen:

  • Radarmessung (mobile Anlage) an einem Donnerstag von 6.30 bis 17 Uhr: 7278 gemessene Fahrzeuge, 652 Übertretungen, davon 13 Anzeigen an die Staatsanwaltschaft.
  • Messung mit Laserpistole an einem Montag von 14.15 bis 16.15 Uhr. Resultat: sechs Anzeigen an die Staatsanwaltschaft. «Hier wurden explizit nur die schnellen Fahrzeuge gemessen», sagt Marco Niederberger.
  • Radarmessung (mobile Anlage) an einem Dienstag von 6 bis 9 Uhr: 2864 gemessene Fahrzeuge, 83 Übertretungen, 2 Anzeigen an die Staatsanwaltschaft.

Wer regelmässig auf der A 8 von Sarnen Richtung Luzern unterwegs ist, kennt die Situation: Gerade in diesem zweispurigen 80er-Abschnitt bei der Deponie könnte man noch rasch etwas aufs Gas drücken und einen Lastwagen oder «Schleicher» überholen. Kurz danach gilt nämlich wieder Tempo 100 – aber die Strasse bleibt bis Alpnachstad einspurig. «Das Phänomen ist uns bekannt», sagt Marco Niederberger. Allerdings auch bekannt ist der Polizei, dass gerade diese Überholmanöver «in letzter Sekunde» zu gefährlichen Situationen mangels ungenügendem Abstand führen können. Neben den Tempomessungen gab es auch schon Kon­trollen, ob die Sperrfläche befahren wird. Tatsächlich erwischte die Polizei einige Sünder. Weil dies eine grobe Verkehrsverletzung ist, landeten sie direkt bei der Staatsanwaltschaft.