SARNEN: Kanti greift ein hochaktuelles Thema auf

Den diesjährigen Fachbereichstag hat die Kantonsschule dem Thema Migration gewidmet. Michael Blatter beleuchtete den Begriff Heimweh.

Marion Wannemacher
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Der Surseer Stadtarchivar Michael Blatter bei seinem Vortrag in der Kantonsschule Obwalden. (Bild Corinne Glanzmann)

Der Surseer Stadtarchivar Michael Blatter bei seinem Vortrag in der Kantonsschule Obwalden. (Bild Corinne Glanzmann)

Marion Wannemacher

Kaum ein Fachbereichstag der Kantonsschule Obwalden (KSO) hatte je einen so aktuellen Bezug wie der diesjährige. Mit dem Thema Migration setzten sich gestern die rund 350 Schüler der KSO auseinander. «Es ist ein Thema, das unsere Geistes- und Sozialwissenschaften repräsentiert», hält Bernard Krummenacher fest, der an der Kanti Geschichte und Geografie unterrichtet und mitverantwortlich ist für den diesjährigen Fachbereichstag. «Enthalten sind die Fächer Geschichte, Geografie, Pädagogik, Psychologie, Wirtschaft und Recht sowie Ethik und Religion.»

Im Spiel selbst Flüchtling sein

Ebenso breit ist die Palette der Angebote für die Schüler: Migranten aus Eritrea und Tschetschenien berichten über ihre Flucht aus der Heimat, Vertreter der Caritas beantworten Fragen zur Migration, in einem Simulationsspiel können sich die Schüler in die Lage der Flüchtlinge versetzen. Und mittags gibt es von den Migranten zubereitetes Essen.

Der Blick mit der Kamera hinter die Mauern eines Schweizer Empfangszentrums im Filmprojekt «Die Festung» hat einen besonderen Link zur Aktualität in Obwalden – im Truppenlager auf dem Glaubenberg sind seit Anfang November Asylsuchende einquartiert. Auch die Schüler der KSO begegnen Flüchtlingen in ihrem Alltag. Klemens Vogler, Klasse 6a, aus Lungern erzählt: «Vor allem sehe ich sie nach der Schule am Bahnhof nach ihrem Deutschunterricht.» Ausserdem wohnten in seinem Quartier in einem Haus Flüchtlinge, zu denen er allerdings keinen weiteren Kontakt habe. Zum Thema Flüchtlingsströme hat der Maturand eine klare Haltung: «Die Situation ist sicher für beide Seiten unbefriedigend, aber ich glaube nicht, dass da irgendwelche Grenzzäune Probleme lösen. Es wird wohl auch in Zukunft Flüchtlingsströme geben.» Wirkliche Hilfe müsste aus seiner Sicht passieren, indem man grössere Organisationen unterstützt, anstatt nur Symptome zu bekämpfen. Information über die aktuellen Entwicklungen gehören für den Schüler zum Alltag. Er liest vor der Schule Zeitung und informiert sich übers Internet.

Flüchtlingsströme auch früher

Dass Migration schon immer ein Thema war, zeigt Michael Blatter, Stadtarchivar von Sursee, in seinem Referat zum Thema «Heimweh». Er zeigt auf, dass es Flüchtlingsströme schon immer gab: zum Beispiel, als im 17. Jahrhundert an die 5000 Franzosen von Frankreich nach Kanada gingen. Von 1500 bis 1800 sind 2,3 Millionen Europäer nach Amerika ausgewandert. Von 1800 bis 1914 gingen 50 Millionen von Europa in die ganze Welt, von 1920 bis 1940 waren es 7 Millionen von Europa nach Übersee. Durch die Anpassung und gar Umkehr der Löhne ergab sich eine Trendwende: Von 1970 bis 1990 kamen 8 Millionen Menschen nach Europa, von 1990 bis 2010 gar 27 Millionen. Heute lebe jeder zehnte Bewohner von Industrieländern nicht in seinem Geburtsland. Blatter macht unter den Schülern die Probe aufs Exempel: 3 von 23 Teilnehmern kommen aus andern Ländern – aus Schweden, Kanada und Deutschland.

Anhand prominenter Beispiele erläutert der Forscher den Begriff «Heimweh». Aus der Lebensbeschreibung von Melchior Hess von Sarnen, der von 1805 bis 1895 lebte und aus armen Verhältnissen stammte, wird deutlich, dass ihn das Heimweh zu seinem Landgut nach Schwarzenberg zog, anstatt sein materielles Glück in Neapel zu machen.

Heimweh als tödliche Krankheit

Blatter bezieht sich auf eine medizinische Dissertation aus dem 17. Jahrhundert, wonach Heimweh in der damaligen Zeit kein Gefühl, sondern eine Krankheit war, die sogar tödlich verlaufen könne. Von Heimweh befallen wurden – so glaubte man damals – Menschen «mit schwachem Geist», wenn sie beispielsweise in der Fremde eine Melodie aus der Heimat hörten.

Diese Haltung änderte sich nach dem Ersten Weltkrieg. «Danach ist Heimweh ein Gefühl, eine psychische Erkrankung», sagt der Referent. Blatter hält es mit dem Schriftsteller und «Dauermigranten» Carl Zuckmayer, der Folgendes riet: Man müsse so glücklich sein im Hier und Jetzt, wie es nur gehe, dann lohne es sich am nächsten Ort, nach dem letzten Heimweh zu haben.