SARNEN: Karate: Wenn der Kampf zur Kunst wird

Klaus Ming wurde als Karateka zum 7. Dan graduiert. Weltweit gehören nur eine Handvoll Kämpfer oder Funktionäre diesem erlauchten Kreis an.

Primus Camenzind
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Karateka Klaus Ming im Trainingsraum des Dojo des Karate Do Obwalden in Sarnen. (Bild Corinne Glanzmann)

Karateka Klaus Ming im Trainingsraum des Dojo des Karate Do Obwalden in Sarnen. (Bild Corinne Glanzmann)

Primus Camenzind

Wir treffen uns mit dem 59-jährigen, gebürtigen Lungerer vor dem «Dojo» (Trainingsraum für japanische Kampfkünste) im Sarner Industriequartier. Ein traditioneller japanischer Torbogen ziert den Eingang zum grosszügigen, verspiegelten Übungsraum. «Wer hier durchschreitet, legt den Alltag ab und unterzieht sich gewissen Regeln des Karatesports», betont Klaus Ming, von Beruf Sekretariatsleiter der Staatskanzlei Obwalden. Auch wir von der Zeitung legen wenigstens unser Schuhwerk ab, während der Gastgeber einige kurze Rituale zelebriert, noch bevor er das Karate-Gi, die traditionelle Bekleidung, überzieht. «Shihan» Ming ist – wie es die Regeln vorsehen – barfuss. Sein Titel bedeutet Lehrmeister oder Vorbild und gilt als hohe, vom IFK (International Federation of Karate) verliehene Würde.

Ganzheitliche Kampfkunst

«Karate ist zum einen Sport. Weil wir jedoch das traditionelle Karate betreiben, steckt noch eine ganze Philosophie dahinter: die Schulung von Körper und Geist durch Meditationsübungen», erklärt unser Gastgeber. «Dadurch wollen wir den Zustand erreichen, an nichts anderes mehr zu denken. Und erst wenn dieser Zustand erreicht ist, beginnt das Training», führt er weiter aus. Nach der Lektion passiere dasselbe nochmals, «damit wir von der körperlichen und geistigen Belastung gelöst in den Alltag zurückkehren», so Ming.

Es ist demnach nicht nur die sportliche Betätigung, welche den Shihan seit 1974 motiviert, Karate zu betreiben. «Natürlich suchte ich als Jugendlicher vorerst den reinen Kampfsport. Wenn ich einen Kopf grösser und 50 Kilo schwerer wäre, hätte es aus mir einen Schwinger gegeben», erzählt Ming mit leichtem Schmunzeln. «Ich habe glücklicherweise die ‹Kampfkunst› Karate gefunden. Sie ist so ganzheitlich, reichhaltig und umfassend, dass ich nach 40 Jahren längst noch nicht alles beherrsche.»

Eine besondere Motivation schöpft er zudem aus der Tatsache, dass es ihm gelungen ist, in den vergangenen Jahrzehnten viele zum gemeinsamen Trainieren ins Dojo zu bringen. Seit 1981 ist Ming Trainer und seit langem auch Technischer Leiter von Karate Do Obwalden (KDO), einem 200 Mitglieder starken Verein mit zusätzlichen Stützpunkten in Sachseln, Giswil und auch in Hergiswil.

Viel Zeit und körperliche Belastung

Wie bewältigt der verheiratete Vater von zwei inzwischen erwachsenen Söhnen den enormen Zeitaufwand und die körperliche Belastung, die ihm Karate abverlangt? Das sei enorm schwierig, antwortet Ming: «Organisation, Zeitmanagement und Prioritäten setzen», lautet sein Rezept. «Ich will trotzdem nicht gleichzeitig auf 10 Hochzeiten tanzen», schränkt der zu 100 Prozent beim Kanton Obwalden angestellte Karateka ein. Keinesfalls der Beruf, aber einige Hobbys hätten dabei eindeutig das Nachsehen. «Ich brauche auch keine Ausgleichssportart zu betreiben, denn Karate beschäftigt die gesamte Muskulatur des Menschen auf optimale Art.» Und wenn er gelegentlich joggen geht, so tut er dies, «um ausreichend an die frische Luft zu kommen», sagt er.

Seine körperliche Fitness stellt Klaus Ming beim Fotoshooting unter Beweis. Ob «Kihon» (Grundschule des Karate), «Kumite» (kämpferische Verteidigungs- und Angriffstechnik) oder «Kata» (choreografische und stilistische Formen) – seine Übungen vor der Kamera sprechen eine deutliche Sprache. «Ich habe über all die Jahre extrem auf meinen Körper gehört und mir Mühe gegeben, ihn nicht zu extrem zu belasten, obwohl ich oft an die Leistungsgrenzen gehen musste», meint der Kunstkämpfer dazu. Er habe gesunde Gelenke, hält er überdies mit Genugtuung fest.

Obwohl KDO kaum Nachwuchsprobleme hat, stellt der prominente Repräsentant dieses Vereins unverblümt klar: «Karate ist schwierig, setzt viel Wissen voraus, und die Erfolgserlebnisse stellen sich nicht so schnell ein wie bei manch anderen Sportarten.» Der Grund, weshalb rund 90 Prozent der Karatekas nicht an Wettkämpfen teilnehmen, findet Ming in der Tatsache, dass bei Karate vor allem das Ganzheitliche besonders reizvoll ist. «Allerdings – und das stellen wir in ganz Europa fest – ist es auch für uns schwierig, an die Jugendlichen im Alter von 15 Jahren und mehr heranzukommen. Sie haben alle schon vorgespurt und sind bei anderen Sportarten.»

Der Shihan selber hofft, dass er Karate noch weitere Jahre betreiben kann. «Ich merke natürlich auch, dass mir Grenzen gesetzt sind, denn die körperliche Leistungsfähigkeit baut ab – ein ganz natürlicher Vorgang.»

Wertschätzung von ganz oben

Was meint Klaus Ming zu seiner kürzlichen Graduierung zum 7. Dan durch Hanshi Steve Arneil, Träger des 10. Dan (höchste Graduierung) und Präsident der IFK? «Es ist seine Wertschätzung meiner Arbeit im KDO, im Schweizerischen Verband und im Weltverband. «Mein Einsatz und mein Engagement fürs Kyokushinkai-Karate sind ausserordentlich. Ich bin mir jedoch bewusst, dass dies ohne entsprechendes Umfeld nicht möglich ist. Ich danke allen, die mich auf meinem Weg begleitet und unterstützt haben», meint der Obwaldner Shihan. Er tritt international seit 1989 hauptsächlich als Schiedsrichter in Erscheinung.

Bernhard Wyrsch, Präsident von KDO, bringt es in einer schriftlichen Mitteilung an unsere Zeitung auf den Punkt: «Hinter dieser Graduierung zum 7. Dan, steht ein enormes Engagement für unseren Verein, der IFK Schweiz und allgemein für das Kyokushinkai-Karate, welches mit Worten fast nicht auszudrücken ist und unseren grössten Respekt verdient.» Wyrsch lobt darin ausserdem die fachlichen und menschlichen Kompetenzen von Klaus Ming.