SARNEN: «Liäbi Griäss» aus der Côlonia Helvetia

Vor 125 Jahren gründeten vier Obwaldner Familien in Brasilien die Côlonia Helvetia. Den Geburtstag feierte man im Historischen Museum.

Romano Cuonz
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Maria Alvina Krähenbühl aus der Colônia Helvetia Brasilien freut sich über das Geschenk aus der Schweiz. Im Hintergrund (von links): Victor Bieri, Klara Spichtig und Rogé Eichenberger. (Bild Romano Cuonz)

Maria Alvina Krähenbühl aus der Colônia Helvetia Brasilien freut sich über das Geschenk aus der Schweiz. Im Hintergrund (von links): Victor Bieri, Klara Spichtig und Rogé Eichenberger. (Bild Romano Cuonz)

«Genau in diesem Augenblick feiern die Nachkommen der Obwaldner Auswanderer in Brasilien den 125. Geburtstag der Côlonia Helvetia, und ihre herzlich warmen Gedanken sind bei euch!» Dies sagte Maria Alvina Krähenbühl (Präsidentin der Sociedade Escolar São Nicolau de Flüe) am Sonntagabend um 18.15 Uhr im Heimatmuseum Obwalden. Die Brasilianerin mit Obwaldner Wurzeln sprach auf Portugiesisch und Deutsch zu einer grossen Anzahl Schweizer Freunden und Verwandten. 1888 seien die vier Obwaldner Familien Ambiel, Amstalden, Bannwart und Wolff unter grossen Strapazen nach Brasilien ausgewandert. Am 14. April 1844 hätten sie den Vertrag zum Erwerb eines grossen Stücks Land unterzeichnet und darauf die heute blühende Côlonia Helvetia gegründet. Allerdings: Bevor es die Obwaldner dort zu einem gewissen Wohlstand gebracht hätten, seien viele Durststrecken zu überstehen gewesen. Mit Erträgen aus ersten Ernten musste man Schulden abstottern. «Die damaligen Pioniere beteten abends den Rosenkranz, das tut in der heutigen Côlonia kaum mehr jemand», sagte Maria Alvina Krähenbühl, «aber trotz grossen Veränderungen haben wir unsere geistigen, volkskundlichen und kulturellen Verbindungen mit der alten Heimat nie vergessen.»

Der Austausch von Geschenken

Als Martin Ledergerber und Joël Kuster brasilianische Volkslieder darboten, sangen die Brasilianer, die mit einer Dreierdelegation in die Schweiz gekommen waren, aus ganzem Herzen mit. Später überreichte Maria Alvina Krähenbühl Klara Spichtig als Leiterin des Historischen Museums Obwalden eine Gedenktafel. In brasilianisches Zedernholz eingeschnitzt steht da: «COLONIA HELVETIA BRASIL – 125 ANOS – 1888 –2013.» Dazu werden mit zwei aneinandergebundenen Flaggen die herzlichen Beziehungen über den Ozean symbolisch dargestellt. Auch von den Schweizern gab es Geschenke: Victor Bieri als Präsident des Historischen Vereins Obwalden überreichte den Brasilianern rot-weiss verpackte Schweizer Schokolade.

Sonderausstellung als Geschenk

Das eigentliche Geschenk der Schweizer ist allerdings eine Sonderausstellung im Erdgeschoss des Museums. Sie trägt den Titel «Liäbi Griäss us Brasili». Gestaltet hat sie der Historiker und Kantonsschullehrer Rogé Eichenberger. «Ich durfte bei Besuchen in der Côlonia Helvetia die Herzlichkeit dieser Leute selber spüren und erfahren», sagte Rogé Eichenberger. Die Leute dort seien zwar stolz, Schweizer zu sein, auch würden einige noch Schweizerdeutsch sprechen, aber leben wollten sie heute nur noch in Brasilien. Den Spagat zwischen Migration und Erinnerung, zwischen Obwalden im Herzen und Brasilien als Alltagswirklichkeit, versucht Eichenberger mit einer vielschichtigen Ausstellung zu schaffen. Mit alten Briefen und Gegenständen in verschiedenen Vitrinen, aber auch mit der Präsentation von portugiesisch gesprochenen Video-Interviews wirft er zahlreiche Fragen auf. Beispielsweise: Wie haben diese Obwaldner Familien es geschafft, in Brasilien sesshaft zu werden? Wie leben sie heute, und welche Produkte stellen sie her? Welche Schwierigkeiten gab es vor 125 Jahren, und welche beschäftigen die damaligen Migranten heute? «Meine Ausstellung soll zum Mitdenken anregen, ich würde mir wünschen, dass sich Besucher dazu Notizen machen», sagte Eichenberger. Im Museum steht denn auch ein Schwarzes Brett, auf dem Besucher Impulse für spätere Diskussionen festhalten können.

HINWEIS

Historisches Museum Obwalden: Sonderausstellungen «Liäbi Griäss us Brasili» und «Schmalspur über den Brünig». Öffnungszeiten: Mittwoch bis Sonntag, 14 bis 17 Uhr (oder auf Anfrage).