SARNEN: «Regen ist eine Abwechslung»

Diego Caroca aus Chile absolviert in Sarnen ein Austauschjahr. Scheinbar alltägliche Dinge sieht er in einem anderen Licht.

Lukas Tschopp
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Austauschschüler Diego Caroca geniesst in seinem neuen Zuhause einen schönen Blick über das Dorf Sarnen. (Bild Corinne Glanzmann)

Austauschschüler Diego Caroca geniesst in seinem neuen Zuhause einen schönen Blick über das Dorf Sarnen. (Bild Corinne Glanzmann)

Im Hause Schumacher in Sarnen hängen derzeit überall kleine Post-it-Zettel – an der Kühlschranktüre, am Balkonfenster oder an der hölzernen Decke im Wohnzimmer. «Kühlschrank, [der]» steht da drauf, oder auch «Fenster, [das]» und «Dach, [das]». Es ist nicht etwa so, dass Carola und René Schumacher Mühe haben, sich in ihrer Muttersprache richtig auszudrücken. Auch ist es nicht ihre Absicht, den Deutschkenntnissen ihrer drei Kinder im Alter zwischen vier und neun Jahren auf die Sprünge zu helfen.

Lernkärtchen für Deutsch

Seit Mitte August dieses Jahres beherbergt Familie Schumacher vielmehr einen sechsten Mitbewohner, den 17-jährigen Diego Caroca aus Chile. Diego absolviert an der Kantonsschule in Sarnen ein Austauschjahr, um die Schweiz kennen zu lernen um neue, wertvolle Erfahrungen zu sammeln – und um Deutsch zu lernen. Darum also die Zettel. «Der Deutschkurs zu Beginn meines Aufenthalts in Luzern hat mir dabei schon sehr geholfen», erzählt Diego Caroca am Küchentisch der Schumachers. Er spricht vorwiegend Englisch, wirft aber immer wieder ein Wort auf Deutsch ein, manchmal sogar ganze Sätze. Um sprachlich möglichst viele Fortschritte zu machen, hat sich Diego selbst Lernkärtchen gebastelt, wo er Begriffe aus dem Alltag in spanischer und deutscher Sprache aufgeschrieben und mit kleinen Zeichnungen visualisiert hat: «Diese Kärtchen lerne ich, wenn ich im Unterricht nicht mitkomme.»

Muffins zum Geburtstag

Vor allem die Fächer Deutsch oder Geschichte bereiten Diego noch Mühe, da er die Zusammenhänge aufgrund der Sprachhürde inhaltlich nur schlecht erfassen kann. Umso mehr freut er sich, wenn er in Mathematik oder in seinem Schwerpunktfach PAM (Physik und Anwendungen der Mathematik) fleissig mitdenken und mitrechnen kann. Die Ziffern sind in Sarnen schliesslich dieselben wie in Iquique, jener Hafenstadt im Norden Chiles, wo er aufgewachsen ist. In Iquique, westlich der Atacama-Wüste gelegen, mit ihren rund 350 000 Einwohnern ist Regen eine Seltenheit, die Temperaturen schwanken zwischen 13 und 25 Grad. Als es hierzulande im September zeitweilig aus Kübeln goss und manch einer unter dem Regenschirm über den launischen Petrus schimpfte, hat Diegos Herz höher geschlagen: «Für mich war das Regenwetter eine überraschend schöne Abwechslung.»

Seit zwei Monaten lebt Diego Caroca nun schon in Sarnen. In dieser Zeit machte er nicht bloss meteorologische, sondern auch zwischenmenschliche Unterschiede zwischen Chile und seinem Gastland aus. «In Lateinamerika scharen sich die Mitschüler um einen Austauschstudenten aus einem fremden Land – sie reagieren emotional, wollen ihn möglichst rasch kennen lernen und alles von ihm wissen.» An seinem ersten Schultag an der Kantonsschule sei es weniger emotional zu- und hergegangen, die Schülerinnen und Schüler seien hier distanzierter. Umso grösser war die Überraschung, als ihm seine Klasse zum Geburtstag selbst gebackene Muffins aufgetischt hat: «Das war wunderbar. Und lecker!»

Die pünktlichen Schweizer

Diego Carocas Erfahrungen bestätigen auch das gängige Stereotyp des pünktlichen Schweizers: «Hier sind alle so pünktlich. Wenn du mit jemandem einen Termin vereinbarst, so kannst du sicher sein, dass die Person zur abgemachten Zeit am Treffpunkt wartet. Wenn du in Chile beispielsweise um 15 Uhr abmachst, weiss jeder, dass man sich um 15.30 Uhr trifft.» Die Pünktlichkeit sei für ihn allerdings keine Belastung, sondern eine willkommene Umgewöhnung, die letztlich mehr Struktur biete.

Mit dem Velo in Kerns verfahren

Trotzdem musste Diego in seinen Bemühungen, der hiesigen Pünktlichkeit gerecht zu werden, schon Abstriche machen: So hat er nach dem Deutschkurs in Luzern schon mal den Zug zurück nach Sarnen verpasst. Und als er sich mit dem Velo von Sarnen nach Kerns zu einem Geburtstagsfest aufmachte, habe er sich in Kerns hoffnungslos verfahren, sodass ihn seine Gastmutter abholen musste, wie er schmunzelnd eingesteht.

In der Engenlohstrasse unterhalb von Ramersberg gelegen, bietet Diegos neues Zuhause einen wunderbaren Blick auf das Sarner Dorf, den See und die gegenüberliegenden Berge, deren Spitzen bereits in ein weisses Schneegewand gekleidet sind. Schon jetzt freut sich Diego Caroca auf den bevorstehenden Schnee: «Hier erzählen alle vom Ski- und Snowboardfahren. Das will ich unbedingt ausprobieren!» Zur Sicherheit hat er sich schon mal mit Handschuhen und zusätzlichen T-Shirts eingedeckt.