SARNEN: «Schön, dass Sie auch da sind»

Seit 42 Jahren lebt der pensionierte reformierte Pfarrer Karl Sulzbach in der Schweiz. In Sarnen wurde sie kürzlich auch seine zweite Heimat.

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Karl Sulzbach in der reformierten Kirche in Sarnen. (Bild: Corinne Glanzmann / Neue NZ)

Karl Sulzbach in der reformierten Kirche in Sarnen. (Bild: Corinne Glanzmann / Neue NZ)

«Auch wenn ich 2008 das Schweizer Bürgerrecht erhalten habe, bleibe ich Deutscher», bekennt Karl Sulzbach. «Um die SVP nicht unnötig zu verärgern, verzichte ich auf den roten Pass und begnüge mich mit der Schweizer Identitätskarte.» Als Doppelbürger fühle er sich wohl. 1997 kam er in die Schweiz, um als Student noch den berühmten Basler Theologen Karl Barth kennen zu lernen. «Hängen geblieben» ist er dann ganz nach dem französischen Sprichwort «Cherchez la femme».

«Pfarrfrau werden»

Geboren ist Karl Sulzbach 1944 im kleinen Dorf Mandel (Kreis Bad Kreuznach, BRD). Seine Eltern waren Kleinbauern, welche auch Reben anpflanzten. Schon als Primarschüler erklärte der kleine Karl, er wolle Pfarrer werden. Doch dazu hätte er aufs Gymnasium müssen. Die Eltern konnten aber kein Studium finanzieren. Dass er dennoch in einem Internat das Abitur machen und später in Bethel, Heidelberg, Basel und Bonn das Theologiestudium aufnehmen konnte, verdankte er der Vermittlung durch den Ortspfarrer.

Während seines Studiums in Basel verbrachte er in den Semesterferien mit Schweizer Bundesstipendiaten aus der ganzen Welt drei Wochen in einem Skilager in Engelberg. Dort führte die Obwaldner Studentin Margrit Vogler in der zweiten Woche den Haushalt. Am Ende der Woche fragte er sie, ob sie sich vorstellen könne, Pfarrfrau zu werden. «Nein!» Doch was sie sich nicht vorstellen konnte, wurde wahr. Im Mai 1970 haben die beiden geheiratet, und sie wurde eine passionierte Pfarrfrau.

«Der ist auch neu hier»

Nach Abschluss des Theologiestudiums zog Karl Sulzbach mit seiner Frau nach Klosters-Serneus GR, wo er seine erste Pfarrstelle antrat. «Mir wurde bald klar, dass ich in der Schweiz meine innere Uhr anders richten musste», schmunzelt er. Einmal habe ein Mann auf den Pöstler gezeigt und bemerkt: «Der ist auch neu hier.» Als er nachfragte, erfuhr er, dass der Pöstler schon sechs Jahre im Dorf arbeitete.

Nach zwölf Jahren zog das Paar mit seinen zwei Buben nach Sarnen. Die evangelisch-reformierte Kirchgemeinde Obwalden hatte Karl Sulzbach zum Pfarrer gewählt.

Fassungslos an «Landsgemeinde»

Karl Sulzbach war eben vier Wochen in Obwalden, als er als reformierter Pfarrer die Einladung zur Landsgemeinde erhielt. «Ein Polizist wollte mich ohne Stimmkarte gar nicht in den Ring lassen, bis der Landschreiber die Sache klärte.» Dann das erste schockierende Obwaldner Erlebnis: Das Landvolk wählte den amtierenden Ständeratspräsidenten Jost Dillier ab. «Ich konnte einfach nicht fassen, dass kein einziger Parteikollege ihn begleitete, als er sich den Weg durch die Menge bahnte.»

Im Lauf der Jahre wurde dem fremden Pfarrer die Urdemokratie sehr lieb. «Es ist mir wohl in einem Land, in dem ich mehr als einmal Bundesräte ohne jeden Personenschutz im Zug angetroffen habe!»

«Positive Diskriminierung»

Karl Sulzbach war sich immer bewusst, nie «yyserä einä» sein oder werden zu können. Dennoch fühlte er sich während der 30 Jahre, die er in Obwalden lebt, akzeptiert und integriert. Wenn er an öffentlichen Anlässen teilnahm, hörte er die Leute oft sagen: «Schön, dass Sie auch da sind.» «Ich nannte dies positive Diskriminierung», lächelt Sulzbach. «Meinem katholischen Kollegen hat man das nie gesagt. Der gehörte einfach dazu.» Als evangelischer Pfarrer habe er in Obwalden eine gewisse Narrenfreiheit genossen: «Ich musste mich nicht kratzen, wo es Zwingli oder Luther gejuckt hat.»

Im Bündner Hirtenhemd

Bei den jährlichen Berggottesdiensten trug er ein Bündner Hirtenhemd, und in der Kirchgemeinde konnte er sowohl in der Jugendarbeit als auch mit neuen liturgischen Formen wie dem erlebnisreichen Ostermorgen oder dem fröhlichen Festgottesdienst an Auffahrt seine Vorstellungen verwirklichen.

Sein Handeln ist geprägt von der immer wieder neu zu stellenden, aber nie endgültig zu beantwortenden Frage: «Was dient dem Leben?»

Das kann etwas ganz Kleines sein. Er erzählt: «Einmal stand ich im voll besetzten Postauto auf und bot einem älteren Melchtaler Bergbauern meinen Platz an. ‹Mir macht es nichts aus, dass ich stehen muss›, kam die Antwort. ‹Aber mir!›, entgegnete ich - und schon sass er.»

Romano Cuonz / Neue NZ

Er liebt den weiten Blick über den See

Typisch für die Schweiz: «Der Staat funktioniert von oben und von unten her. Die Leute übernehmen viel Verantwortung und ergreifen selbst die Initiative.»

Merkmal der Schweizer: «Ihr Pragmatismus.»

Typisch für Sarnen: «Die Kirche ist nicht im Dorf.»

Lieblingsort: «Das Sarner Seefeld mit dem weiten Blick über den See bis in die Berner Berge.»

Lieblingsessen: «Kutteln, gratiniert und mit Kümmel, wie sie meine Frau kocht.»

Hobby: «Singen. In der Kirche, im Männerchor, überall, wo gesungen wird, sogar im Traum.»

Was fehlt mir in der Schweiz? «Mein heimischer Dialekt. Obwohl ich schon mit 14 Jahren von zu Hause wegging, habe ich ihn nie verlernt. Was merr gäre hodd un was merr gäre duud, velernd merr nidd. Isch kann eisch aach e Prerrisch halle, woder vesteeen däd, wenner misch vesteen däd.»