SARNEN: «Umsteiger» Christoph Trummer lebt Bruder Klaus

Christoph Trummer lebt im Sommer in einer Hütte am Bach. Im Vorfeld zu 600 Jahre Bruder Klaus erzählt der «Umsteiger» Kantischülern von seinem Eremitenleben. Und wie es dazu kam.

Matthias Piazza
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Lebt heute als Einsiedler: Christoph Trummer vor der Kantonsschule Obwalden in Sarnen. (Bild: Matthias Piazza)

Lebt heute als Einsiedler: Christoph Trummer vor der Kantonsschule Obwalden in Sarnen. (Bild: Matthias Piazza)

Sein ganzes Gepäck und Geld wurden ihm gestohlen. Damals, vor rund vierzig Jahren in Mumbai (Indien), als er Anfang zwanzig die Welt erkunden wollte. Für die meisten Weltenbummler wäre dies wohl eine grosse Katastrophe gewesen. Nicht aber für Christoph Trummer. «Es war die beste Erfahrung meines Lebens», erzählte der sechzigjährige Berner Oberländer den staunenden Kanti-Schülern, die den gestrigen Tag ganz Bruder Klaus widmeten – mit Vorträgen, Workshops oder einem Besuch im Bruder-Klaus-Museum.

Trummer verzichtete darauf, bei der Botschaft um Unterstützung zu bitten. Schlug sich stattdessen allein durch. «Ich lebte auf der Strasse, suchte auf Komposthaufen nach Essbarem, manchmal gaben mir andere etwas ab», erzählte er. «Die Überlebensstrategien lernte ich von den Hunden, schlief nachts bei ihnen, das war zum Schreien schön.»

Diese Erfahrung in Indien vor bald vierzig Jahren habe ihn fundamental geprägt. Er kam zurück als anderer Mensch. Er, der ganz den Konventionen entsprechend nach der Schule eine Lehre als Elektriker und danach die Rekrutenschule absolviert hatte, löste sich von den gesellschaftlichen Zwängen und dem Streben nach Geld und Besitz.

700 Franken monatlich genügen ihm

Seine monatlichen Lebenshaltungskosten beziffert er auf etwa 700 Franken. Das Geld verdient er sich mit Gelegenheitsarbeiten, baut zum Beispiel Trockenmauern. Im Sommer lebt er in einer Hütte am Ufer der Engstligen im Berner Oberland, seiner Heimat, im Winter in einem über 400-jährigen kleinen Bauernhaus in Frutigen, das er zu günstigen Bedingungen mieten kann und selber ausgebaut hat, sein Wissen als Elektriker kam ihm da zugute. Das Übrige hat er sich selbst beigebracht.

Auf die Frage des amerikanischen Austauschschülers Nic Gonzales (17) aus New Mexico (USA), was ihn denn veränderte habe, meinte er, die Eindrücke und Erlebnisse in Indien. Zurück in der Schweiz, habe er sich gewundert, mit welchen Problemen man sich hierzulande herumschlage. «Diese Probleme sind absolut nichts gegenüber jenen in Indien.» Sein Appell an die Schüler: «Ich rate jedem, in jungen Jahren solche Erfahrungen zu machen, mich haben sie glücklich gemacht.» Nicht «so happy» über seinen neuen Lebensstil sei bei seiner Rückkehr seine Familie gewesen.

Er hat keine Angst vor dem Tod

«Gab es schon Situationen, bei denen Sie dachten, es sei aus?», war eine weitere Frage aus dem Publikum. «Ja, das gabs.» Oft sei er so weit von der nächsten Zivilisation entfernt gewesen, dass ein Unfall wie etwa ein offener Beinbruch den sicheren Tod bedeutet hätte. Eine Vorstellung, die ihm aber nicht Angst mache. «Wir sind hier einen kurzen Moment auf der Bühne. Irgendeinmal fällt der Vorhang, und wir ziehen unsere Kostüme aus», beschreibt er unsere Sterblichkeit.

Austauschschüler Nic Gonzales zeigte sich vom Einblick in das Leben eines Schweizer Eremiten beeindruckt. «Es ist interessant, eine andere Sichtweise zum Leben zu erhalten», zieht er über die eineinhalbstündige Begegnung Fazit. Besonders beeindruckt habe ihn die Aussage, dass Negatives wie auch Positives zum Leben gehöre, wie die Nacht zum Tag.

Matthias Piazza