SARNEN: Vom Saulus zum Paulus im Nahostkonflikt

In seiner Jugend tötete Taysir Abu Saada Juden. Heute leitet er Entwicklungsprojekte zur Versöhnung. Besucher seines Vortrags zeigten sich ergriffen.

Marion Wannemacher
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Taysir Abu Saada signiert nach dem Vortrag sein Buch. (Bild Marion Wannemacher)

Taysir Abu Saada signiert nach dem Vortrag sein Buch. (Bild Marion Wannemacher)

Mucksmäuschenstill ist es im Saal der Freien Evangelischen Gemeinde (FEG) in Sarnen. Da steht einer am Rednerpult, der einen radikalen Wandel in seinem Leben vollzogen hat. «Taysir Abu Saada erzählt aus seinem sehr bewegten Leben», kündigt ihn Hannes Aeschlimann, Pastor der FEG Obwalden, an.

Auf Englisch erzählt der 74-Jährige seine Geschichte, neben ihm Rolf Rupp von der christlichen Organisation Hilfe für Mensch und Kirche, HMK, die sich für verfolgte Christen und notleidende Menschen engagiert und den Vortrag organisiert. Rupp übersetzt Satz für Satz, was Taysir Abu Saada zu erzählen hat.

Kollegen nannten in «Schlächter»

Mit 17 trat Taysir, genannt «Tass» der Fatah bei, der stärksten Fraktion innerhalb der PLO. In ihm hat sich Wut gegen die Juden aufgestaut. «Ich habe mich entschieden, für mein Land zu kämpfen», erzählt er. Was genau er in dieser Zeit erlebt hat, umschreibt Saada nur allgemein. Seine Kollegen hätten ihn damals als «butcher», als «Schlächter» beschrieben. Immer höher stieg er auf in der Hierarchie des Militärs, bis er von Fatah-Grüner Jassir Arafat persönlich ausgewählt wurde für eine Ausbildung als Heckenschütze. «Es wurde ein Haufen Blut vergossen», sagt Saada kurz.

Durch bessere Ausbildung noch effektiver gegen Israel zu kämpfen, dies ist 1974 seine Motivation für die Einwanderung nach Amerika. Die Heirat mit einer Amerikanerin sichert ihm das Bleiberecht. Saada studiert Wirtschaft und internationalen Handel und verdient sein Geld als Tellerwäscher in einem Restaurant. Dort lernt er Charlie Sharp, einen Gast, kennen und 19 Jahre später durch ihn Jesus Christus.

Anderer Blick auf Nahostkonflikt

Tass Saada entscheidet sich für ein Leben mit Jesus. Ein Bibelstudium ändert seine Einstellung zu Israel: «Ich begriff, dass Gott das Land den Juden gegeben hat.» Aber auch die «Fremden» sollten darin einen gleichwertigen Teil des Landes bekommen, stehe in Hesekiel 47. Fazit Saadas heute: «Gott ist ein gerechter Gott.»

«Vom Saulus zum Paulus» – diesen Vergleich verwendet Taas Saada selbst und erzählt von der erstaunten Frage einer Vortragsbesucherin vor wenigen Tagen in einem anderen Ort der Schweiz, die wissen wollte, ob er so selbstverständlich davon ausgehe, allein durch die Gnade der Vergebung Jesu Christi errettet zu sein. Daran glaube er fest, lautete seine Antwort.

Seit 2003 ist Saada zurück in seiner Heimat. Statt wie früher Jugendliche als Soldaten auszubilden, hat er mit seiner Familie – seine Frau Karen habe übrigens zu ihm gehalten und ihm vergeben – HMK-Entwicklungsprojekte aufgebaut und leitet sie: einen Kindergarten in Jericho und einen Versöhnungskindergarten für jüdische und palästinensische Kinder in Jerusalem, Englisch und Computerkurse für Jugendliche sowie Start-up- und Einkommenshilfen. Gelder, die über eine Eier- und Hühnerfarm, den Betrieb eines Restaurants und über ein Trinkwasser-Brunnenprojekt hereinkommen, sichern diese Vorhaben.

Ob er von seiner Familie oder von der Hamas verfolgt werde, wollte einer der Zuhörer wissen. Saada bestätigte, dass er mehrfach habe um sein Leben bangen müssen. Als er die Eltern besuchte, habe er zu seinem Bruder gesagt: «Gib mir 15 Minuten, ich will noch Mutters und Vaters Kopf küssen, dann kannst du mich umbringen.» Den bewaffneten jüngeren Bruder küsste Tass auf die rechte Seite seines Halses – in seiner Kultur das Zeichen für Unterordnung. Der Vater entliess ihn mit den Worten: «Ich glaube, Allah hat dich für einen besonderen Weg berufen.»