Sarnen
Von 6000 zu 60'000 Büchern: Kantonsbibliothek Obwalden blickt auf 126 Jahre Betrieb zurück

Obwaldens Kantonsbibliothek feiert 125 und ein Jahr seines Bestehens – unter anderem mit einer Lesung «ums Huis ume» von Hanspeter Müller-Drossaart.

Romano Cuonz
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Kantonsbibliothekar André Sersa (links) und Bildungsdirektor Christian Schäli schauen auf 126 Jahre Obwaldner Kantonsbibliothek zurück.

Kantonsbibliothekar André Sersa (links) und Bildungsdirektor Christian Schäli schauen auf 126 Jahre Obwaldner Kantonsbibliothek zurück.

Bild: Romano Cuonz (Sarnen, 19. Juni 2021)

«1895 öffnete unsere Kantonsbibliothek im Erdgeschoss des Alten Kollegi ihre Tore», sagte Landammann Christian Schäli an der Jubiläumsfeier zu den 125 plus einem Jahr, seit denen die Kantonsbibliothek Obwalden besteht. Im gleichen Jahr hätte in Paris die erste Kinovorführung durch die Gebrüder Lumière stattgefunden, und in Kerns habe man erstmals Strom produziert. Für das ländliche Obwalden sei zu dieser Zeit eine Bibliothek ein keineswegs selbstverständliches Gemeinschaftsprojekt gewesen.

Weil die Eigenmittel des Kantons dafür niemals ausgereicht hätten, schickte die damalige Bibliothekskommission Briefe in die ganze Schweiz. Immer in der Hoffnung, auf diese Weise Bücher oder Geldmittel zu erhalten. «Das Ergebnis», so Schäli, «war überwältigend». Von überall her seien Bücher und Geld gekommen. Ständeräte, Nationalräte, Regierungsräte, Professoren, Anwälte, Pfarrer, ja sogar ein ausländischer Prinz hätten das Unterfangen unterstützt. So konnte man Benutzerinnen und Benutzern schon am Eröffnungstag im «Alten Kollegi» sage und schreibe 6000 Bücher anbieten.

Lange musste man sich mit Provisorien begnügen

«Heute sind wir im Grundacherhaus ein fünfköpfiges Team und bieten unserem Publikum 60’000 Bücher und Medien zur Auswahl an», ergänzte Kantonsbibliothekar André Sersa. Allerdings: Bevor das stattliche und charmante Sarner Herrschaftshaus mit zwölf Räumen und vier Stockwerken Sitz der Kantonsbibliothek wurde, musste man während 80 Jahren mit immer wieder neuen Provisorien vorliebnehmen. 1910 wurden die Bücher aus dem «Alten Kollegi» in den Neubau der Kantonalbank an der Bahnhofstrasse gezügelt. Wie dann die Obwaldner 1928 in der «Alten Kaserne» im Unterdorf das Historische Museum einrichteten, fanden dort auch die Bücher Platz. Zur Legende wurde die erste Obwaldner Kantonsbibliothekarin und Historikerin Zita Wirz.

Ab den 1990er-Jahren gab es Hörbuch-CDs, und die Ausleihe wurde über EDV automatisiert. Immer mehr galt nun die Obwaldner Kantonsbibliothek auch als wichtiger Begegnungsort: mit verschiedenen Lesungen und Veranstaltungen für Erwachsene und auch Kinder. Viel Beachtung verdienten sich etwa Pia Rysers fachkundig und fantasievoll gestaltete Präsentationen im eigens dafür geschaffenen Veranstaltungsraum. Zum Jubiläum durfte Kantonsbibliothekar André Sersa mit viel Befriedigung feststellen: «Mit unserem Angebot zur Sprach- und Leseförderung und mit der Vermittlung von Informations- und Medienkompetenz bilden wir eine wichtige Brücke vom analogen ins digitale Zeitalter.»

Zum Geburtstag gibt's Ob- und Nidwaldner Mundart

Wie Bildungsdirektor Christian Schäli betonte, ist auf dieser Welt noch kein Mensch so alt geworden wie die Obwaldner Bibliothek. In der Tat: 126 Jahre sind ein schönes Alter. Eines, das auch gefeiert sein wollte. Dazu lud die Kantonsbibliothek neben ihrem Lesepublikum drei Gäste ein. Kinderbuch-Illustrator Diego Balli ermunterte Kinder dazu, mit ihm ebenso fantastische wie liebenswerte Drachen zu zeichnen. Am Ende des Tages füllte die Drachenwelt einen ganzen Raum. Denkmalpfleger Peter Omachen erzählte und erläuterte die spannende Geschichte des Grundacherhauses, das von Landammännern erbaut und von ganzen Generationen wichtiger Sarner bewohnt worden war.

Bibliothekar André Sersa, Autor Diego Balli und Bildungsdirektor Christian Schäli zeichnen mit kleinen Leserinnen und Lesern.

Bibliothekar André Sersa, Autor Diego Balli und Bildungsdirektor Christian Schäli zeichnen mit kleinen Leserinnen und Lesern.

Bild: Romano Cuonz (Sarnen, 19. Juni 2021)

Zum Publikumsmagnet wurde ein Spaziergang «ums Huis ume» mit Schauspieler und Autor Hanspeter Müller-Drossaart. «Er spricht und schreibt im Obwaldner, Nidwaldner und Urner Dialekt, ist also mehr als nur bilingue», kündete der Obwaldner Kulturbeauftragte Marius Risi den von Bühne und Bildschirm bekannten Gast an. Und diesem Ruf wurde Müller-Drossaart, der in Obwalden und Uri aufgewachsen ist und eine Nidwaldner Mutter hatte, mit seiner Lesung mehr als gerecht.

Aus dem Vollen geschöpft

Er schöpfte in der Bibliothek, die auch kleine und grosse, volkstümliche und literarische Mundartwerke hortet, aus dem Vollen. Er trug, ebenso witzig kommentiert wie mit fundiertem Hintergrundwissen gespickt, Mundarttexte von Autorinnen und Autoren vor, die teils schon fast vergessen sind. Aber auch Unvergesslichen wie Julian Dillier, Karl Imfeld oder Hedwig Egger von Moos ob dem «Chabisstäi» und Walter Käslin, Josef von Matt oder Otti Baumgartner aus Nidwalden, lieh der Schauspieler seine Stimme. Ein derart farbiges Puzzle von Unterwaldner Mundarttexten – und dazu passenden Geschichten – hat man bislang bestimmt noch nie zu hören bekommen.

Hanspeter Müller-Drossaart trug Mundart-Texte aus Ob- und Nidwalden vor.

Hanspeter Müller-Drossaart trug Mundart-Texte aus Ob- und Nidwalden vor.

Bild: Romano Cuonz (Sarnen, 19. Juni 2021)

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