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SARNEN: Während Tournee reist das Heimweh mit

Florian Abächerli führt im Reisegepäck nicht nur sein Waldhorn, sondern auch tolle Erinnerungen mit. Der Berufsmusiker bespielte im Fernen Osten unlängst die renommiertesten Konzertbühnen.
Primus Camenzind
Wieder daheim: Florian Abächerli (35) auf seinem Balkon in Sarnen. (Bild: PD)

Wieder daheim: Florian Abächerli (35) auf seinem Balkon in Sarnen. (Bild: PD)

Interview: Primus Camenzind

redaktion@obwaldnerzeitung.ch

Nach einer fulminanten, zweiwöchigen Tournee mit dem weltberühmten Lucerne Festival Orchestra geniesst der 35-jährige Giswiler wieder seine Familie und die beschauliche Umgebung. Im Gespräch mit unserer Zeitung gibt er seine Eindrücke aus Tokio, Kawasaki, Kioto, Seoul und Peking wieder.

Florian Abächerli, haben Sie einige Tage nach Ihrer Rückkehr schon wieder festen Boden unter den Füssen?

Zu Hause komme ich jeweils schnell wieder an. Ich denke natürlich an die Superkonzerte der vergangenen zwei Wochen zurück, aber meine Familie macht diese Erinnerungen wieder zur Nebensache.

Sie sind häufig auf Tournee, sei es mit dem Luzerner Sinfonieorchester (LSO) oder mit dem 21st Century Symphony Orchestra. Was war anders auf der zurückliegenden Konzertreise?

Ich habe mit dem LSO schon vor 10 Jahren in denselben Konzerthäusern gespielt. Nicht zu vergleichen ist hingegen das Repertoire, welches wir jetzt mit dem Lucerne Festival Orchestra, dem LFO, im Programm hatten: lauter sogenannte Hauptwerke, welche in anderen Orchestern für mehrere Konzerte ausreichen müssen. So kamen wir richtig auf Trab! Hotel, Konzert, Hotel, Flug in die nächste Metropole – und dasselbe wieder von vorne.

Ein Blick zurück: Wie kam es zu Ihrer Berufung in dieses als eines der weltbesten Sinfonieorchester geltende Ensemble?

Zum eigentlichen Orchester gehöre ich seit vier Jahren. Vieles hatte auch mit Glück zu tun. Seit meiner Militärdienstzeit kenne ich Ivo Gass, den Solohornisten des LFO. Die Bläser des Orchesters hatten am Lucerne Festival einen Auftritt und es fiel ein Hornist aus. Gass rief mich an, weil er wusste, dass ich in der Nähe von Luzern wohne. Ich musste – oder durfte – bei einem Bläserkonzert im Rahmen des Lucerne Festivals sofort einsteigen und habe scheinbar einen guten Job gemacht. Die Jahre darauf war ich bei diesen Bläserkonzerten bereits gesetzt. Und irgendwann hiess es, ich sei auch im LFO willkommen. Natürlich wollte der inzwischen leider verstorbene Gründerdirigent Claudio Abbado schon noch wissen, wer neu dabei war. Er pickte sich also das frische Gesicht aus Obwalden heraus und liess mich an einer Probe eine heikle Stelle alleine vorspielen. Der weltberühmte Dirigent war ebenfalls zufrieden, und seither gehöre ich fest zum Stamm des Lucerne Festival Orchestra.

Entschieden hat also der grosse Maestro Claudio Abbado?

Genau, denn ich habe erlebt, dass neue Musiker nach nur einer ­Probe gleich wieder von der Bildfläche verschwunden sind.

Man hört immer wieder, dieses Orchester sei einzigartig. Woran liegt das?

Zum einen sicher an den bisherigen beiden Dirigenten: an Claudio Abbado und seit 2016 an seinem Nachfolger Riccardo Chailly. Der aktuelle Dirigent lässt uns genügend musikalischen Freiraum und führt das Ensemble trotzdem klar und souverän. Dazu kommt die Tatsache, dass in diesem Orchester kein einziges Mitglied «dienstmüde» ist und seine Zeit bis zur Pensionierung absitzt. Das kommt bei festen und subventionierten Orchestern – genauso wie in der Wirtschaft – auch vor. Alle sind hier hochprofessionell und mit viel Herzblut dabei, und das erzeugt eine einmalige Qualität. Diese wird uns auch immer wieder von Kolleginnen und Kollegen berühmter Orchester wie den Berliner Philharmonikern und anderen attestiert.

Kurz gesagt ein äusserst homogenes Ensemble?

Richtig. Obwohl jedes grosse Orchester eine gewisse Hierarchie besitzen muss – Dirigent, Stimmführer, Solisten, Musiker –, ordnet sich jeder unter. Wir sind «ein Orchester der Freunde». Zu Beginn kam ich vor lauter Respekt fast auf den Knien an die Proben. Mittlerweile bin ich menschlich längst auf Augenhöhe mit all diesen Leitfiguren. An meinem Geburtstag, der mitten in die Asien-Tournee fiel, gaben mir die Blechbläser sogar ein Ständchen!

Wie unterscheidet sich das klassische Publikum in Asien von den Konzertbesuchern bei uns?

Wenn der letzte Ton eines Konzertes gespielt ist, bricht im Fernen Osten – wie übrigens auch in den USA – die helle Begeisterung aus. Und beim Künstlerausgang bildet sich eine geduldige, lange Schlange von Menschen, welche auf den Dirigenten warten und – mit dem Konzertprogramm in der Hand – auch von den Musikern Autogramme haben möchte. Wir haben es in dieser Tournee sogar erlebt, dass mitten in einem Werk – es war bei «Zarathustra» von Richard Strauss – frenetisch applaudiert wurde.

So eine Tournee mit weit über hundert Orchestermitgliedern und Tausenden von Reisekilometern benötigt ja auch eine gewaltige Logistik. Spürt man da was davon?

Seit Jahren reisen beim LFO zwei bestens erprobte Orchesterwarte aus Bayern mit. Für dieses Orchester dürfen wir unsere persönlichen Instrumente als Handgepäck in der Kabine mitführen. Die grossen Instrumente sind im Cargoraum verstaut. Es ist bewundernswert, dass schliesslich alles zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort bereit ist – eine gewaltige und äusserst professionelle Leistung der Tournee-Organisation. Das riesige Instrumentarium muss für den Transport überseetauglich verpackt sein.

Sie waren als Musiker schon in vielen Ländern und Metropolen unterwegs. Bleibt da touristisch und gesellschaftlich überhaupt was hängen?

Ehrlich gesagt, auf der eben beendeten Asienreise habe ich nicht viel mitbekommen, was Land und Leute, Kultur und Sehenswürdigkeiten anbetrifft. Sagen wir es so: Wir sind beruflich tätig! Hin und wieder reicht die Zeit für einen touristischen Hotspot. Und für ein gutes Essen oder einen Drink mit befreundeten Orchestermitgliedern reicht es allemal. Es gibt auch beim Luzerner Sinfonieorchester Gastspiele irgendwo ausserhalb der Schweiz, wo wir nur den Konzertsaal und das Hotelzimmer sehen.

Konzerte, Erfolg, Begeisterung: Vermissen Sie das in diesem Ausmass beim alltäglichen Konzert- und Theaterbetrieb in Luzern nicht?

Etwas haben Sie vergessen: Heimweh! Das kommt bei mir im Laufe einer solchen Tournee eben auch auf. Die zwei Wochen waren in dieser Beziehung recht hart. Meine junge Familie, die Frau und der eineinhalbjährige Sohn Aaron ... – trotz der künstlerischen Herausforderung kann ich auf regelmässige wochenlange Konzertreisen gut verzichten. Ich wiederhole mich: Es gehört zum Beruf.

Man kennt Sie als Menschen mit Bodenhaftung. Sie gehen auf die Jagd, sind mit Modellflugzeugen unterwegs und musizieren gerne mit Laienmusikern.

Auch das macht echt Spass! Aber das Musizieren zusammen mit Amateuren ist nicht ohne. Von einem Profi erwartet man alles, nur keinen Fehler auf dem Ins­trument. Da kann schon Druck entstehen, den wir unter Berufsmusikern sonst kaum spüren. Blasmusik im Dorf, das ist für mich wie Freizeit – und mein Waldhorn ist dabei!

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