SARNEN: Wenn der Dirigent zum Fechter wird

Ganz ungewohnt – poppig, rockig und jazzig – spielt die Feldmusik in ihrem heurigen Winterkonzert auf. Dazu begibt sie sich samt Tänzerin und «Klopi» auf eine parodistisch witzige Odyssee.

Romano Cuonz
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Beim Winterkonzert hielt sich eine brillante Feldmusik im dunklen Hintergrund. Im Rampenlicht standen die Tänzerin Sarah Keusch und der Dirigent Martin Streule, die sich gar einen Fechtkampf lieferten. (Bild: Romano Cuonz (Sarnen, 15. Januar 2017))

Beim Winterkonzert hielt sich eine brillante Feldmusik im dunklen Hintergrund. Im Rampenlicht standen die Tänzerin Sarah Keusch und der Dirigent Martin Streule, die sich gar einen Fechtkampf lieferten. (Bild: Romano Cuonz (Sarnen, 15. Januar 2017))

Alle Vorstellungen, Erwartungen und Gewohnheiten, die man sich als Besucher von Konzerten der Feldmusik Sarnen im Verlauf der Jahre angeeignet hat, musste man dieses Jahr über den Haufen werfen. Beim Auftritt unter dem an sich schon seltsam anmutenden Titel «Klopis Tagebuch» war so ziemlich alles umgekehrt.

Das fing schon damit an, dass das Orchester im Zuschauerraum verteilt und das Publikum darum herum platziert war. Das gewaltige Blasmusikkorps, das sonst gerne im Rampenlicht steht, blieb bis zum Schlussapplaus im Dunkeln. Die Scheinwerfer richteten sich exklusiv auf drei Personen: auf den theatralisch begabten Leiter Martin Streule, der für die Sarner ein schräg-witziges Szenario ausgeheckt hatte. Auf die Tänzerin Sarah Keusch, die es inszenierte. Und auf den Erzähler Klopi III, einen direkten Nachfahren des Zyklopen aus Homers Odysseus. Anmerkung: Klopi gibt an diesem Abend das Epos ziemlich frei nach Homer wieder.

Gewöhnungsbedürftig, aber lustig

Gleich zu Beginn, als der Roboter Klopi seine Stimme synthesizermässig und groovig dumpf ertönen liess, mochte sich der eine oder die andere im Publikum fragen, was denn dieser Klamauk eigentlich solle. Dummerweise – und dies ist gleich auch die kritischste Anmerkung zum durchaus drolligen Experiment – hatte man das tolle Spiel technisch nicht bis zur letzten Konsequenz betrieben: Mindestens die Hälfte des Publikums – jene, die links und rechts von der Bühne oder gar oben sassen – bekam von Klopis Geschichte praktisch gar nichts mit. Wirklich schade! Sie war nämlich, je nach humanistisch-klassischem Standpunkt des Zuhörers, voll Humor, Ironie oder Satire. Etwa, wenn Odysseus auch einmal im knallroten Gummiboot paddelte oder mit Athene und den Sirenen ziemlich à jour flirtete. Apropos: Das wild- burleske Spiel ging gar so weit, dass Leiter und Konzeptionist Martin Streule das Blasorchester mehrmals Dirigenten aus dem Ensemble oder gar sich selbst überliess. Derweil beschäftigte er sich theatralisch mit der Tänzerin und Klopi. Mit der Tänzerin trug er – bewaffnet mit dem Taktstock – gar einen Fechtkampf aus. Auf so vieles durfte man sich an diesem Abend neu einlassen, und wer dies schaffte, konnte höchst amüsante Stunden geniessen. Mindestens die Leute mit den richtigen Plätzen. Diese kamen nämlich auch noch in den Genuss einer dramaturgisch ansprechenden Solotanzdarbietung von Sarah Keusch. Die choreografisch erfahrene Tänzerin setzte im anspruchsvollen Zusammenspiel zwei Sachen gleichzeitig um: die bekannten Musical-Melodien und die parodistische Reise in die für einmal nicht gar so entfernte Antike. Bei all dem Drum und Dran – ja manchmal schien dabei des Guten schon etwas gar viel zu sein – läuft man Gefahr, die Hauptsache zu vergessen. Die Blasmusik nämlich. Dieses auch an so einem speziellen Abend souveräne Korps. Männer und Frauen, die mit einmaliger Experimentierfreude, bewundernswerter Beweglichkeit und dem nötigen Mut musikalisches Neuland betreten und so eine solche Show überhaupt erst möglich machen!

Die Feldmusik bewies ihre Dynamik und Musikalität

Martin Streule verlangte dem Orchester viel ab. Aber er traute es ihm eben auch zu. Seine Worte: «Ich wusste immer: Wenn ich wieder einmal ein Blasorchester dirigiere, dann eines auf dem Niveau dieser Musik, ich wusste um die Offenheit der Musikantinnen und Musikanten.» Nun, eigentlich waren ja die Melodien bekannt. Ja, teils äusserst populär: Georges Gershwins «Porgy and Bess», Leonard Bernsteins «Westside Story», Andrew Lloyd Webbers Erfolgsstücke «Phantom Of The Opera» und «Cats» oder «Les Misérables» von Claude-Michel Schönberg. Indessen: Die ständige Interaktion zwischen Musik, Tanz und Raum, die ganze Dramaturgie auch, forderten das Ensemble. Dazu musste es sich auf ein neues rhythmisches Empfinden mit poppigen, rockigen und jazzigen Passagen einstellen. Die Feldmusik schaffte all dies mit der ihr eigenen Dynamik und Musikalität.

Und wie sagte es doch Leiter und Konzeptionist Martin Streule: «Wir wollten etwas schaffen, woran sich die Leute noch lange erinnern werden.» Dieses Ziel hat die Sarner Feldmusik auf jeden Fall erreicht. Ob Erinnerung im Guten oder nicht, werden letztlich alle, die es gesehen haben, für sich entscheiden müssen.

Romano Cuonz

redaktion@obwaldnerzeitung.ch