SARNEN/STALDEN: Wo sich Arbeit und Romantik treffen

Auf den Alpsommer freut sich die Familie Langensand-Zumstein bereits im Winter. Den Szenenwechsel gibt es allerdings nicht zum Nulltarif.

Primus Camenzind
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Sie bewirtschaften die Alp Ebenmatt: René Langensand und seine Gattin Tanja Langensand-Zumstein – mit den beiden Kindern Alina und Marc. (Bild: Primus Camenzind)

Sie bewirtschaften die Alp Ebenmatt: René Langensand und seine Gattin Tanja Langensand-Zumstein – mit den beiden Kindern Alina und Marc. (Bild: Primus Camenzind)

Auf halbem Weg zum Glaubenbergpass öffnet sich dem Betrachter ein faszinierendes Panorama: In der Tiefe der obere Teil des Sarnersees und die Giswiler Ebene, gegenüber die Sachsler Berge, weiter südlich ein winziger Teil des Lungerersees. Und sozusagen als «Sahnehäubchen» präsentieren sich im Hintergrund einige Viertausender der Berner Hochalpen – Wetterhorn, Schreckhorn und andere schneebedeckte Riesen. Kurz gesagt, wir befinden uns auf der Ebenmatt, auf exakt 1000 Meter Meereshöhe. Die sonnendurchflutete Alp strahlt durch das harmonische Klingen der Kuhglocken nicht nur wohltuende Wärme, sondern auch willkommene Ruhe aus.

Auf der Veranda des stattlichen Gebäudes empfangen uns die Gastgeberin Tanja (35 Jahre) mit Töchterchen Alina (31/2) und Marc (10 Monate). «Mein Mann René ist noch am Grasen, der wird auch gleich hier sein», gibt die Hausherrin zu verstehen. Die Ehefrau des Älplers vermisst auf der Ebenmatt keinen Komfort: «Ich bin durch unsere Lebensumstände grundsätzlich unkomplizierter geworden. Eigentlich haben wir hier alles Notwendige – einfach auf viel kleinerem Raum. Auch ein Geschirrspüler und eine Waschmaschine fehlen nicht», sagt sie, die zwei separat eingerichtete Haushalte führt. «Zu zügeln gibt es ‹mit Kind und Kegel› im Frühling und Herbst trotzdem noch genug.»

Bankangestellte und Zimmermann

Auch ihren erlernten Beruf Kaufmännische Angestellte im Bankfach vermisst Tanja Langensand nicht. «Ich bin ja bestens ausgelastet, einerseits als Mutter von zwei Kindern, im Haushalt und ausserdem mit der Vermarktung von Alpkäse. Wenns für den Ehemann ab und zu stressig wird, etwa beim Heuen oder wenn des Wetters wegen Zeitdruck aufkommt, macht sie sich auch auf dem Feld nützlich. «Wir sind glücklich, in solchen Momenten auf die Hilfe von Angehörigen und Freunden zählen zu können – etwa bei der Betreuung der Kinder», betont sie.

Älpler René arbeitet von Anfang November bis Ende März als Zimmermann auf dem Bau. «Ich bin meinem Chef dankbar, dass er mich jedes Jahr im Frühling ziehen lässt und im Herbst wieder beschäftigt», bekräftigt der inzwischen Dazugestossene. Der Bauernberuf wurde ihm «in die Wiege gelegt». Abgesehen davon, dass sein Vater Landwirt gelernt hat, gab es in Renés Jugend noch «verschiedene Onkel», denen er auf ihren Höfen zur Hand ging. «Ich war auch öfters auf der Alp und habe das Metier so kennen gelernt», erklärt er. «Als dann die Ebenmatt im Besitze der Familie Zumstein aktuell wurde, haben Tanja und ich uns entschlossen, diese Aufgabe zu übernehmen – heuer bereits in der dritten Saison.»

Abwechslungsreiche Arbeitstage

René Langensand klagt nicht und ist überzeugt, dass sich die Alpwirtschaft auf der Ebenmatt auch in finanzieller Hinsicht rechnet. «Dies nicht zuletzt dank der Beitragszahlungen», erwähnt er. «Dafür leisten wir Landschaftspflege, sei es an den Hecken, wenn wir die Weiden sauber halten, damit gutes Gras nachwachsen kann, oder wenn wir dafür sorgen, dass der Waldrand nicht auswuchert. All dies schätzen auch auswärtige Gäste, die nebenan in der Feriensiedlung Stockenmatt Urlaub machen», ist Langensand überzeugt. Sie kommen ab und zu vorbei, um Alpkäse zu kaufen oder das Vieh zu bestaunen. «Meine Arbeit ist deshalb auch für den Tourismus von einer gewissen Bedeutung», bekräftigt der Älpler.

Weil die Käseunion als professionelle Vermarkterin Vergangenheit ist und ihm die Zeit fehlt, stellt René auch nicht mehr während der ganzen Saison, sondern nur noch drei Wochen lang Käse her. Der Tag ist auch so noch lange genug. «Aus den Federn gehts normalerweise um 4.30 Uhr, und es kann schon vorkommen, dass erst um 21 Uhr Feierabend ist», lässt er verlauten. Auch darüber beklagt er sich nicht: «Dafür bin ich unabhängig, verrichte eine abwechslungsreiche Arbeit und kann mir den Tag selber einteilen.» Ein Morgenessen oder eine Mittagspause dürfe deshalb ruhig ein- bis eineinhalb Stunden dauern.

Echte Lebensqualität

«Die Zusammenarbeit innerhalb der Familie und das Glück, dass mein Mann im Sommer am Heranwachsen der Kinder tagtäglich teilnehmen kann, bedeuten für uns echte Lebensqualität», bekräftigt Tanja Langensand. «Der Umgang mit den Tieren und der Natur reizt und befriedigt mich immer wieder», ergänzt ihr Ehemann. Obwohl, auch das Winterhalbjahr hat für die Familie ihre Reize. «Da gibt es hin und wieder freie Wochenenden für uns alle, was hier oben natürlich nicht möglich ist», nennt die Gastgeberin ein Beispiel.

«Wenn ich Anfang April hier oben die Vorbereitungen treffe, beobachten darf, wie die Natur allmählich erwacht und das Gras zu duften beginnt, kommt in mir eine positive Unruhe auf. Ich kann es dann kaum erwarten, dass es auf der Ebenmatt endlich richtig losgeht», umschreibt René Langensand die immer wiederkehrende Vorfreude auf den Alpsommer.

Inzwischen kommt das Vieh der Alphütte näher. Es hat die Weide abgegrast und spürt, dass schon bald die Rückkehr in den Stall erfolgt, das Melken ansteht und es nachher nochmals frisches Gras zu futtern gibt. Für unsere Gastgeber ruft wieder die Arbeit, wir verabschieden uns mit starken Eindrücken.

Entstanden aus Kleinbetrieben

Wo heute auf 1000 Meter über Meer ein Alpwirtschaftsbetrieb angesiedelt ist, kämpften früher drei kleine Bauernbetriebe ganzjährig um ihre Existenz. Das Weideland war zu feucht und der Futterertrag kaum ausreichend. Der Grossvater der heutigen Älplerfrau Tanja Langensand-Zumstein, ein wohlhabender Sarner Bauer, kaufte die drei Betriebe, legte diese zusammen, entwässerte das Gelände mittels Drainage und liess ein stattliches Gebäude mit Stall und Wohnung erstellen.

Vorwiegend Milchwirtschaft

Vor Jahren noch waren auf der Ebenmatt zwei bis drei Arbeitskräfte beschäftigt. Seit 2011 bewirtschaften René und Tanja Langensand die Alp von Anfang April bis Mitte Oktober. In unmittelbarer Umgebung der Alphütte liegen 17 Hektaren betriebseigenes Weideland, etwas höher gelegen 4 weitere Hektaren Pachtland. Mit derzeit 34 Kühen wird Milchwirtschaft betrieben, dazu kommt ein Stier, und auf dem oberen Stück Land weiden 10 bis 15 Stück Galtvieh von befreundeten Landwirten. Es handelt sich um Kühe, denen für die ersten siebeneinhalb Monate ihrer neun Monate dauernden Trächtigkeit die Milch unterbunden wird. In den ersten drei Wochen der Saison produziert das Paar auch Alpkäse und Butter für den Eigenbedarf und eine private Käuferschaft.

cam

In unserer Sommerserie «Meine Alp» stellen wir in loser Folge Älpler oder Alpen mit einem besonderen Hintergrund vor. Alle Folgen finden Sie unter www.obwaldnerzeitung.ch/serien