Sarner Autorin arbeitet in ihrem Roman ein düsteres Kapitel auf

Der dritte Roman von Julia Koch sticht in ein Wespennest. Im Kriminalroman verbindet die 43-Jährige zwei Erzählstränge, die sich um die Geschichte des erfundenen Kinderheims Friedenfels ranken.

Marion Wannemacher
Drucken
Teilen

Jede Menge persönlicher Bezüge stecken in Julia Kochs aktueller Neuerscheinung. Lange fragte sich die Sarner Oberstufenlehrerin, ob sie als Aussenstehende dieses Buch überhaupt schreiben dürfe – und entschied sich nach gründlicher Recherche und dem Rat von Experten dafür. In «Sarner Feuerkind» geht es um ein trauriges Kapitel Schweizer Geschichte, um fürsorgerische Zwangsmassnahmen an Kindern in katholischen Heimen, die bis in die Siebzigerjahre teilweise mit unerbittlicher Strenge und Gewalt diszipliniert und drangsaliert wurden.

In ihrem Kriminalroman verquickt die 43-Jährige zwei Erzählstränge, die sich um die mysteriöse Geschichte des erfundenen Kinderheims Friedenfels ranken, das ehemals eine Kindererziehungsanstalt war. «Es reichte bis in die Siebzigerjahre aus, dass das Familieneinkommen zu niedrig war oder die Mutter wagte, abends zum Tanz zu gehen, um als Eltern der Kindererziehung für unfähig abgestempelt zu werden», sagt Koch. Durch die Erfahrungen eines persönlichen Kontakts kam sie mit der Thematik in Kontakt. Recherchen aus Dokumentationen ergänzten ihren Hintergrund. Ihre Bekannte wollte zwar anonym bleiben, ihr habe aber viel daran gelegen, dass Julia Koch das Erlebte thematisiere.

Die vierjährige Agnes spielt eine zentrale Rolle

Im Roman ist die Rede vom schweren Schicksal des vierjährigen Mädchens Agnes, das aus finanziellen Gründen der eigenen Mutter weggenommen wird und als Verdingkind im Waisenhaus katholischer Schwestern untergebracht wird. Das Waisenhaus wird Ende der 70er-Jahre aufgelöst und später unter gleicher Leitung als Institut für Töchter wieder eröffnet.

«Das ist harte Kost, wenn man selber eine glückliche Kindheit hatte. Ich brauchte zwischendurch immer wieder eine Pause.»

Im Buch bleibt Agnes auch als Erwachsene im Heim, um dort als billige Arbeitskraft ihr Leben zu fristen. Sie wird nicht nur Zeugin des Selbstmordes eines jungen Mädchens, sondern weiss auch um die dunklen Geschichten von Kindern des ehemaligen Waisenhauses. Wie auch in Julia Kochs zweitem Buch «Weibersterben» kommt die Puppenmacherin Clara von Grünenstein der Geschichte auf die Spur. Die Ereignisse gipfeln in einem dramatischen Ende des Romans.

Julia Koch, Autorin aus Sarnen Bild PD

Julia Koch, Autorin aus Sarnen Bild PD

Pd / Obwaldner Zeitung

Obwohl dieser in Obwalden spielt, ist es der Autorin wichtig, zu betonen, dass er keinerlei historischen lokalen Bezüge zur Handlung enthalte. Was Koch niederschrieb, hat sie selbst nur schwer verkraftet. «Das ist harte Kost, wenn man selber eine glückliche Kindheit hatte. Ich brauchte zwischendurch immer wieder eine Pause.»

Breite Palette von Misshandlungen

Die Palette der Misshandlungen reichte weit, wie ihre Recherchen ergeben haben: «Kinder, die in den Kleiderschrank gesperrt wurden, Bettnässer, die mit dem Schlauch abgespritzt wurden, solche, denen Pfeffer eingetrichtert wurde. Wieder andere erlitten Hörschäden durch Ohrfeigen, die das Trommelfell zum Platzen brachten.» Wer die erlittenen Misshandlungen später zur Sprache brachte, wurde als «Nestbeschmutzer» geächtet. So auch ihre Bekannte. Julia Koch selber hat beim Schreiben peinlich genau darauf geachtet, niemanden persönlich zu beschuldigen. Dennoch hält sie fest: «Das Buch zu veröffentlichen, hat mehr Mut gebraucht als bei den beiden anderen.»

Drei Romane hat die in Obwalden aufgewachsene Autorin mit deutschen Wurzeln in neun Jahren zu Papier gebracht. «Da kann ich meine eigene Welt entstehen lassen und gleichzeitig recherchieren, was mich fasziniert, ob historische Begebenheiten oder Neuzeitliches.» Wenn sie ein Buch abschliesse, entstehe ein Loch. Gibt es ein Gegenmittel? «Ein neues schreiben», sagt sie.

Der Roman «Sarner Feuerkind» von Julia Koch ist im Onlinehandel erhältlich (21.90 Franken).