Interview

 Sarner Coiffeur spricht über die Coronakrise – und warnt vor Selbstversuchen mit Kamm und Schere

Wie für viele andere Coiffeurgeschäfte in der Schweiz gilt auch für den Salon «Fanger Hair and more» in Sarnen seit drei Wochen: Laden zu! Geschäftsleiter Guido Fanger übt sich in Gelassenheit, auch wenn dies beim Thema Kurzarbeit nicht ganz einfach ist.

Adrian Venetz
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So sieht Coiffeur Guido Fanger sonst nur seine eigenen Kunden: von hinten und im Spiegel.

So sieht Coiffeur Guido Fanger sonst nur seine eigenen Kunden: von hinten und im Spiegel.

Bild: Adrian Venetz (Sarnen, 4.April.2020)

Guido, du bist mein Coiffeur und mein Nachbar. Wir duzen uns auch in der Zeitung, ok?

Selbstverständlich.

Vor drei Wochen hast du den Laden schliessen müssen. Wie geht’s dir?

Es geht mir gut, danke. Ich hatte noch nie so lange Ferien (lacht). Aber richtige Ferien sind es natürlich nicht. Ich achte darauf, dass ich einen Tagesrhythmus habe, morgens früh genug aufstehe. Aber klar: Man halt viel Freizeit, man denkt viel nach. Es ist nicht ganz einfach.

Inwiefern?

Als selbstständiger Unternehmer ist man sich gewohnt, an Lösungen zu arbeiten. Es gibt immer etwas zu tun. Das ist nun anders. Ich kann einfach nichts machen, keine Lösungen präsentieren. Es fällt mir nicht ganz leicht, mit dieser Situation umzugehen.

Was ging dir damals durch den Kopf, als klar war, dass du schliessen musst?

Ich habe in den Tagen zuvor schon gedacht, dass diese Situation eintreten könnte. Aber dass es dann so schnell ging, überraschte mich. Ich hatte eher damit gerechnet, dass der Betrieb langsam reduziert wird.

Ich hatte Glück: Ausgerechnet am Samstag vor dem «Lockdown» hatte ich noch einen Termin bei dir...

Ja, das hast du gut geplant (lacht). Andere hatten weniger Glück. Als am Montag klar wurde, dass wir schliessen müssen, lief das Telefon natürlich heiss. Kunden riefen an und fragen: «Ich kann diese Woche trotzdem noch kommen, oder?» Und wir mussten dann sagen: Leider nein, es ist strikt verboten.

Und dann hast du Kurzarbeit beantragt?

Mein erster Gedanke war: Ich kündige allen Mitarbeiterinnen und stelle sie danach wieder ein. Und dann kam eben das Thema Kurzarbeit. Aber das war gar nicht so einfach. In unserer Branche ist Kurzarbeit eine völlig neue Situation. Grosse Firmen mit über 1000 Mitarbeitern wissen, wie das funktioniert. Aber Kurzarbeit bei Coiffeursalons? Noch nie da gewesen!

Ist der administrative Aufwand hoch?

Er ist nicht zu unterschätzen. Vor allem am Anfang. Man muss sich erst mal schlaumachen, wo all die Dokumente zu finden sind. Und dann waren die Websites und Telefonlinien überlastet. Etwas schade finde ich, dass ich bis heute keine Rückmeldung auf den Antrag erhalten habe. Das geht offenbar auch anderen Gewerbetreibenden in Obwalden so. Es wäre schön, wenn man kurz eine Meldung erhalten hätte, dass das Gesuch angekommen ist und geprüft wird. Aber man hört gar nichts. Das führt etwas zu Unruhe.

Aber die Situation ist aushaltbar?

Ja. Es ist aber schon etwas «gfürchig» zu sehen, wie nur noch Rechnungen reinkommen und kein einziger Franken mehr eingenommen wird.

Du führst gemeinsam mit deiner Tochter Jil drei Geschäfte in Sarnen, Alpnach und Luzern mit insgesamt 15 Mitarbeiterinnen. Wie haben sie reagiert?

Sie haben gut reagiert und mich wenn nötig bei administrativen Aufgaben weiter unterstützt. Aber natürlich war da auch eine grosse Unsicherheit. Plötzlich wird man einfach nicht mehr gebraucht. Etwas schwierig ist die Situation mit den beiden Auszubildenden. Sie sind eigentlich mitten in den Vorbereitungen für die Lehrabschlussprüfung. In diesen Tagen sollte der Entscheid fallen, wann die Lehrabschlussprüfungen stattfinden.

«Für viele Menschen hat die Frisur mit den Selbstbewusstsein zu tun. Man fühlt sich einfach besser, wenn man gut frisiert ist.»

Oft hört man, wie wichtig es nach der Krise sei, das Gewerbe zu unterstützen, vor allem Gastrobetriebe. Bereits werden Gutscheine verkauft. Aber wie ist das bei einem Coiffeur? Ich kann ja nicht sagen: Ich möchte Guido unterstützen, ich geh jetzt dreimal pro Woche zu ihm.

Das kannst du schon, aber es wäre bei dir nicht sehr sinnvoll (lacht). Bei dieser Obwaldner Gutschein-Aktion fürs lokale Gewerbe habe ich auch mitgemacht. Aber ich merke teilweise, dass es den Leuten fast etwas zu viel wird mit all diesen Gutscheinen. Es ist zwar schön, wenn die Leute Goodwill zeigen fürs lokale Gewerbe. Aber wenn man dann 20 bis 30 Gutscheine daheim hat, frage ich mich schon, wie sinnvoll das ist. Ich hoffe und glaube aber, dass die Krise wieder vermehrt den Blick auf das Lokale richtet, dass man beim Einkaufen an die Region denkt. Viele Menschen realisieren plötzlich: Ich kriege gute Produkte ja auch beim Hofladen in der Nähe. Und vielleicht merken auch die jungen Leute, dass man nicht alles online bestellen muss.

Ich bin ein langweiliger Kunde: einfach alle sechs Wochen die Haare schneiden und fertig. Für andere Kunden ist der regelmässige Coiffeurbesuch aber sehr wichtig, oder?

Für viele Menschen hat die Frisur mit dem Selbstbewusstsein zu tun. Man fühlt sich einfach besser, wenn man gut frisiert ist. Wenn man sich im Spiegel nicht mehr gefällt, drückt das auf die Stimmung. Auch der soziale Austausch, auf den wir in den Coiffeursalons sehr grossen Wert legen, fehlt plötzlich. Für viele Leute ist es tatsächlich ein einschneidendes Erlebnis, wenn sie nicht mehr zum Coiffeur gehen können.

Wie bleibt man im Kontakt mit den Kunden?

Ich führe viele Telefongespräche, vor allem mit älteren Kundinnen. Oft helfen einfach einige tröstende Worte oder einige Tipps zur Haarpflege. Es gibt Kundinnen, die seit Jahren mehrmals pro Woche zu uns kommen. Die haben nicht mal ein Shampoo daheim. Für jüngere Kunden gibt es die sozialen Medien. Unsere Angestellten machen zum Beispiel Videos auf Facebook und zeigen, was sie mit ihren Haaren machen.

Die Haare selber schneiden oder von jemanden im gleichen Haushalt schneiden lassen – eine gute Idee?

Das ist in den seltensten Fällen eine gute Idee. Höchstens vorsichtig die Spitzen schneiden. Alles andere endet meistens in einer Katastrophe (lacht).

Bei vielen Männern ist die Bartpflege ein grosses Thema. Wie reagieren sie auf geschlossene Coiffeursalons?

Sie nehmen es eher mit Humor. Auf unserer Facebook-Seite können sie zeigen, wie sich ihr Bart verändert. Das ist witzig.

Heute war ich in der Gemüseabteilung in der Migros. Da laufen die Leute kreuz und quer aneinander vorbei, greifen in die Tomaten und in die Rüebli, bedienen die Waage...

Ja, da staunte ich auch schon, dass dies noch möglich ist.

Denkst du bei solchen Szenen nicht: «Na toll, aber ich darf nicht mal einen einzigen Kunden im Laden die Haare schneiden.»

Ja, manchmal macht man sich schon so Gedanken. Gerade weil wir sonst schon grossen Wert auf die Hygiene legen. Und auch die Leute verstehen das nicht. Heute hat mich ein Kunde auf dem Dorfplatz angesprochen: Er dürfe doch sicher kurz vorbeikommen und sich die Haare schneiden lassen. Aber ich darf nicht. Nicht mal wenn ich Mundschutz und Handschuhe tragen würde. Andererseits habe ich Verständnis für die Massnahmen. Ich versuche, gelassen zu bleiben.

Viele Leute mögen die negativen Meldungen rund um das Coronavirus gar nicht mehr hören. Hat die Krise auch etwas Positives?

Ich spüre derzeit immer wieder, dass sich die Leute nach Gesellschaft sehnen. Man ruft einander an, fragt, wie es dem andern geht. Man möchte sich austauschen.

Zeigt uns die Coronakrise auf, wie wertvoll uns soziale Kontakte sind, die wir im Alltag als selbstverständlich ansehen?

Genau. Und ich hoffe sehr, dass diese Einsicht nach der Krise länger anhält als nur ein paar Tage oder Wochen – das Bewusstsein, wie sehr wir unser Team bei der Arbeit schätzen, wie sehr wir das Zusammensein schätzen. Wie sehr wir einander schätzen.