Sarner Maturand ist auf der Spur des Bären

Um den Bären als Einwanderer geht es in Livio Tecchiatis Maturaarbeit. Zu Wort kamen Experten und Interessensvertreter.

Marion Wannemacher
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Livio Tecchiati mit 3000 bis 7000 Jahre alten Bärenschädeln aus den Sachsler Bergen und vom Pilatus.

Livio Tecchiati mit 3000 bis 7000 Jahre alten Bärenschädeln aus den Sachsler Bergen und vom Pilatus.

Bild: Marion Wannemacher (Sarnen, 11. Dezember 2019)

Das Thema Braunbär in Obwalden ist emotional belegt. Entsprechend traf die Präsentation von Livio Tecchiati auf Interesse. Der Maturand aus Sarnen hatte sich mit der «Einwanderungsproblematik des Braunbären in Obwalden» befasst. Aufmerksam auf das Thema war er bereits im Mai 2018 geworden. «Ich las einen Artikel in der Zeitung, dass der Bär in Engelberg ist.» Für ihn habe von vornherein fest gestanden, dass seine Maturaarbeit etwas mit Natur zu tun haben solle. Der Wolf habe ja schon genug Aufmerksamkeit. So wurde es der Bär.

Das Schicksal von Bruno dem ersten Bären, der 2006 nach Süddeutschland kam, als Risiko betrachtet und schliesslich abgeschossen wurde, diente dem 17-Jährigen als abschreckendes Beispiel. «Ich möchte mit meiner Arbeit ein Szenario wie in Süddeutschland verhindern», äussert er sich klar in seiner Maturaarbeit. Voraussetzung für das friedliche Zusammenleben von Mensch und Bär sei die Akzeptanz durch den Menschen.

«Wie will Obwalden dem Braunbären begegnen?»

In seiner Arbeit befasste sich Tecchiati ausführlich mit der Geschichte des Bären, mit seiner Verhaltensweise auch im Zusammenhang mit dem Menschen. Er informierte sich durch Sachbücher, aber auch Experten von WWF, den Biologen und Bärenspezialisten David Bittner und den Obwaldner Jagdverwalter Cyrill Kesseli.

Als Vorbild für seine Leitfragen diente ihm das Projekt «Ursina» vom WWF, das gemeinsam mit Interessenvertretern und betroffenen Personen aus dem Tessin und Graubünden für ein Zusammenleben von Mensch und Bär entwickelt wurde. Tecchiatis Leitfragen hiessen: «Wie will Obwalden dem durchstreifenden Braunbären begegnen?» und «Was denken Sie, wie man die Akzeptanz des Braunbären erhöhen kann?»

Gemeinsam mit Experten untersuchte er Probleme und Massnahmen, die mit dem Braunbären in die Schweiz kamen. Tecchiati erkannte als Gefahr, dass Nutztiere zur Nahrungsquelle werden könnten, Begegnungen mit dem Bären realistischer würden und vor allem, dass diese die natürliche Angst verlieren könnten. «Gegen all das gibt es aber Massnahmen», sagte er und schlug vor: «Elektrozäune, Herdenschutz, Verhaltensregeln und absolut kein Zugang zu Kompost und Abfall.»

Der Maturand interviewte ausgewählte Interessenvertreter wie Petra Rohrer-Stimming vom Vorstand des Landfrauenverbandes Obwalden, Wendelin Windlin, den Präsidenten des Imkervereins Obwalden, Nadja von Rotz, die Präsidentin des Obwaldner Patent-Jäger-Vereins sowie Urs Wallimann vom Verein Obwaldner Wanderwege.

Als klar gegnerische Stimme gegen eine Koexistenz mit dem Bären stuft er Petra Rohrer-Stimming als Vertreterin der Bauern ein. «Sie beschreibt ihre Gefühle bei der Rückkehr des Braunbären als Unwohlsein», fasst er seine Eindrücke in seiner Arbeit zusammen. «Sie sieht im Braunbären eine Gefahr für die Nutztiere, da sie in sein Beuteschema passen.» Eine Population würde die Bäuerin und Kantonsrätin mit politischen Massnahmen bekämpfen.

«Respekt vor der Unberechenbarkeit»

Wendelin Windlin vom Imkerverein hat nach eigenen Angaben «grossen Respekt vor der Unberechenbarkeit des Bären». Er ist der Meinung, dass der Bund nicht für alle Schäden aufkommen könne, dass aber auch nicht alles mit Geld beglichen werden müsse. Seine Haltung sei laut Livio Tecchiati jedoch neutral, im Gespräch wirke er der Problematik gegenüber offen, Akzeptanz dringe durch.

Urs Wallimann nehme nach Beobachtung des Maturanden eine klar zustimmende Haltung ein, die Rückkehr des Braunbären sieht er als gewisse Bereicherung. Wallimann halte die sorgfältige, langsame Aufklärung und damit das Vertrauen in die Natur für förderlicher als teure Massnahmen. Nadja von Rotz vom Jägerverein sieht nach eigenen Angaben keinen Grund zur Ablehnung, ihrer Meinung nach wisse man noch zu wenig über den Braunbären in Obwalden.

Der Bär ist «ein emotionales Thema»

Abschliessend zieht der Maturand vor allem als Resümee: «Ich habe die Befragten mit Fakten konfrontiert, aber sie haben ihre Meinung behalten. Es ist ein emotionales Thema.» Für ihn ist das Fazit aus seiner Maturaarbeit: «Fakt ist, der Bär gehört zu unserer Natur, das haben wir in den hundert Jahren vergessen. Man soll ihn nicht als Teddybär und auch nicht als Monster sehen, sondern als Bär!» Trotz aller Gegner des Grosswildtieres gibt sich der Maturand überzeugt: «Egal, ob wir ihn wollen, der Bär kommt zurück. Ein Umdenken in unserer Gesellschaft findet statt.»