SCHWYZ/OBWALDEN: «Die Zivilgesellschaft muss wieder mehr an die Säcke»

Jeder dritte Zentralschweizer engagiert sich freiwillig. Doch traditionellen Vereinen gehen zunehmend die Mitglieder aus. Was hilft dagegen? Der Geschäftsleiter der Schweizerischen Gemeinnützigen Gesellschaft gibt Antwort.

Interview Christian Hodel
Merken
Drucken
Teilen
Lukas Niederberger, Geschäftsführer der Gemeinnützigen Gesellschaft. (Bild: Coralie Wenger)

Lukas Niederberger, Geschäftsführer der Gemeinnützigen Gesellschaft. (Bild: Coralie Wenger)

Im Durchschnitt gibt es in jeder Gemeinde in der Zentralschweiz 50 Vereine. Über 8600 sind es – vom Chüngel-Züchterverein über Feldmusiken und Sportvereine bis hin zu Rittervereinigungen. Doch viele Verantwortliche klagen über dasselbe Problem: Ihnen gehen die Mitglieder aus. Was heisst das für die Gesellschaft?

Am Donnerstag führt die Schweizerische Gemeinnützige Gesellschaft (SGG) auf Flüeli-Ranft eine Tagung über den Wandel des Gemeinsinns durch. Der in Rigi Klösterli lebende Geschäftsleiter der SGG, Lukas Niederberger (52), sagt, wie man mehr Freiwillige gewinnen kann und wieso Sparmassnahmen der Kantone auch eine Chance sind.

Lukas Niederberger, engagieren Sie sich in Ihrer Gemeinde freiwillig?

Ich bin im Kanton Schwyz Mitglied im Kurverein Rigi und in der Grünen-Partei. In einem Dorfverein, etwa einem Sportverein oder Chor, aber nicht. Das spare ich mir für meine Pensionierung auf. So gesehen geht es mir wie vielen.

Was meinen Sie damit?

Viele wohnen heutzutage an einem anderen Ort, wo sie arbeiten oder die Freizeit verbringen. Die Frage stellt sich: Wo fühle ich mich zugehörig, und wo engagiere ich mich?

Ist das der Grund, warum Vereine einen Mitgliederschwund beklagen?

Das ist mit ein Grund. Ein weiterer unter vielen anderen ist, dass heute viel mehr Menschen berufstätig sind als vor 20 Jahren. Typische Freiwillige in einem Dorfverein oder bei der Nachbarschaftshilfe waren früher Frauen zwischen 25 und 60 Jahren. Heute gehen die meisten von ihnen einer Erwerbsarbeit nach.

Wie kann man trotz hohem beruflichem Engagement Freiwillige gewinnen?

Potenzial sehe ich vor allem bei der Generation 60 plus. Gemeinden könnten jährlich analog den Jungbürgerfeiern einen Apéro für die Älteren organisieren und auf die Freiwilligenarbeit oder die Vereine im Dorf aufmerksam machen. Aber auch die Unternehmen sind gefordert.

Warum sollen diese Interesse an Freiwilligenarbeit haben?

Grossbanken stellen Mitarbeitern schon jetzt teils bis zu 20 Prozent der Arbeitszeit zur Verfügung, damit sie sich im Milizsystem, etwa als Gemeinderat, engagieren können. Der Vorteil für Unternehmen ist, dass sie darauf hoffen können, dass der Angestellte in ihrem Sinne politisiert und Einfluss auf Gesetze nimmt. Kommt hinzu, dass die jüngere Generation bewusst Arbeitgeber wählt, bei denen sie Erwerbsarbeit, Familienarbeit und Freiwilligenarbeit unter einen Hut bringen kann. Nur sehr traditionelle Firmen sehen die verschiedenen Tätigkeitsbereiche noch immer als Konkurrenz.

Inwiefern wirken Freiwillige wirklich selbstlos?

Freiwilligenarbeit ist immer ein Geben und Nehmen. Man engagiert sich und bekommt Freude oder das Gefühl zurück, dass man gebraucht wird. Studien zeigen zudem, dass sich vor allem jüngere Freiwillige auch darum engagieren, um sich persönliche Kompetenzen anzueignen.

Und was hilft gegen Mitgliederschwund?

Traditionelle Organisationen, etwa Musik- oder Sportvereine, müssen umdenken. Es gibt Chöre, die proben bereits nicht mehr das ganze Jahr, sondern suchen ihre Sängerinnen und Sänger für ein einziges Konzert. Freiwilligenarbeit muss heute viel spontaner und flexibler sein als vor einigen Jahrzehnten.

In der Tagung der SGG geht es um den Wandel des Gemeinsinns. Was hat sich verändert?

Gemeinsinn, die Voraussetzung für Freiwilligenarbeit, ist nicht mehr selbstverständlich. Er muss neu gefunden werden. In den letzten 100 Jahren haben wir viele Aufgaben dem Staat übertragen, die früher von der Familie und der Zivilgesellschaft ausgeführt wurden. Jetzt merken wir, dass der Staat nicht alles bewältigen kann, auch finanziell nicht. Die Zivilgesellschaft muss wieder mehr an die Säcke. Nehmen wir das Beispiel Betreuung und Pflege: Der Staat wird nie im Stande sein, allen älteren Menschen oder Pflegebedürftigen umfassend gerecht zu werden.

In der Schweiz ist der Anteil jener, die Freiwilligenarbeit leisten, von 40 Prozent im Jahr 2000 auf 33 Prozent im Jahr 2013 gesunken. In Deutschland um 10 Prozent gestiegen – was machen die Deutschen besser?

In Deutschland gibt es einen staatlich finanzierten Freiwilligendienst. Jugendliche können mit Staatsgeldern ein freiwilliges soziales oder ökologisches Jahr machen. Ich finde, dass Freiwilligenarbeit Bestandteil der Zivilgesellschaft ist und primär nicht staatlich organisiert sein soll.

Kantone müssen an allen Ecken sparen. Was heisst das für die Freiwilligenarbeit?

Einerseits gibt es weniger Geld für die Institutionen, die sich engagieren. Andererseits ist es eine Chance, selber zu handeln und nicht auf die Hilfe vom Staat zu hoffen. Schwierige Situationen können das solidarische gesellschaftliche Engagement fördern.

Interview Christian Hodel

christian.hodel@luzernerzeitung.ch

Hinweis

Die Tagung über den Wandel des Gemeinsinns findet am Donnerstag, 8. Juni, ab 9.30 Uhr im Hotel Paxmontana in Flüeli-Ranft statt. Kosten: 60 Franken inklusive Lunch. Anmeldung unter: info@sgg-ssup.ch oder per Telefon: 044 366 50 30.