Sie hatte Obwaldner Wurzeln: Leonor Amstalden ist 98-jährig verstorben

Sie war prägend für die «Obwaldner Kolonie in Brasilien». Nun ist «Tia Leonor» für immer verstummt.

Mike Bacher
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Am vergangenen Donnerstagabend ist in Brasilien Leonor Amstalden im Alter von 98 Jahren verstorben. Mit «Tia Leonor», was übersetzt «Tante Leonor» bedeutet, ist eine wichtige Trägerin der Obwaldner Kultur und Geschichte in der bekannten Colônia Helvetia verstummt.

Leonor Amstalden hat ihr Leben der Colônia Helvetia verschrieben.

Leonor Amstalden hat ihr Leben der Colônia Helvetia verschrieben. 

Bild: PD

Leonor Amstalden wurde am 24. März 1922 geboren. Ihr Grossvater Benedikt Amstalden-Ambiel war 1881 mit zahlreichen anderen Obwaldnern nach Brasilien ausgewandert und zählte 1888 zu den Gründervätern der Colônia Helvetia im Bundesstaat São Paulo. Die Familie Amstalden prägte die Geschichte der «Obwaldner Kolonie in Brasilien» massgeblich.

Lehrerin in der «Obwaldner Kolonie»

Zu den ersten Errungenschaften der Colônia zählte die eigene Schule «Nicolau de Flue», in welcher bis zum Zweiten Weltkrieg auf Deutsch unterrichtet wurde. Die politischen Umstände sowie die zunehmende zeitliche Distanz zum Wegzug aus der alten Heimat trugen dazu bei, dass sich in der jüngeren Generation der ausgewanderten Obwaldner zunehmend die portugiesische Sprache durchsetzte. Während des Zweiten Weltkriegs, der das Misstrauen der brasilianischen Behörden gegenüber allem Deutschen zusätzlich schürte, liess sich Leonor im nahen Campinas zur Primarlehrerin ausbilden.

1942 wurde die damals junge Frau die erste weltliche Lehrerin der Colônia. Als Lehrerin trug sie wesentlich dazu bei, die Hürde der portugiesischen Sprache und der brasilianischen Kultur zu überwinden. Mit ihrem Bildungsstreben dürfte sie auch ein Vorbild für zahlreiche junge Frauen aus der Colônia gewesen sein, die in den folgenden Jahren ein Studium in Angriff nahmen.

Das Schwinden der Obwaldner Identität

Nach neunjähriger Unterrichtstätigkeit studierte Leonor in Rio de Janeiro Soziale Arbeit. Ab 1952 arbeitete sie im Sozialdienst von Valinhos, wo sie sich für die Alphabetisierung der Armen und der Frauen einsetzte. Von 1963 bis 1978 war Leonor Amstalden in der Abteilung für landwirtschaftliche Entwicklung des Sekretariats für Landwirtschaft in Campinas tätig. Anschliessend engagierte sie sich nicht nur in der Pfarrei, sondern wirkte auch als rechte Hand ihres bischöflichen Bruders, insbesondere im Bereich der Verwaltung.

Leonor Amstalden war zudem stets sensibilisiert für die Herkunft der Bewohner der Colônia Helvetia. Leonor gehörte nach dem Krieg zu einer Reisegruppe, welche Obwalden einen Besuch abstattete. Die neuen Kommunikations- und Transportmittel erleichterten es zunehmend, den Kontakt über den Atlantik wieder neu zu beleben. Auf Obwaldner Seite trug der kürzlich verstorbene Franz Sigrist, ein ferner Verwandter von Leonor, dazu bei, dass Gästen aus Brasilien ab den 1970er-Jahren stets eine Unterkunft am Sarnersee offen stand.

Neu erwachtes Bewusstsein

Im Rahmen dieses neuen Kontakts wuchs das Interesse und der Stolz an den eigenen Wurzeln. Dieses neue Bewusstsein fand auch Ausdruck in der Schaffung des Traditionsfests «Festa da Tradição», welches seit 1977 jährlich am Wochenende um den 1. August gefeiert wird. In den letzten Jahren erreichte es teilweise um die 10'000 Besucher. Leonor Amstalden gehörte zu den Initiatoren dieses Anlasses und wirkte während Jahren an dessen Planung mit.

Mit ihrem grossen Wissen über die Geschichte und Kultur der Kolonie war sie ebenso an vorderster Front bei der Realisierung des Lokalmuseums dabei wie beim 100-Jahr-Jubiläum 1988, an dem auch eine stattliche Delegation aus Obwalden teilnahm. Im gleichen Jahr war sie Herausgeberin des Geschichtswerks über die Colônia Helvetia. «Tia Leonor» blieb zeitlebens unverheiratet – ihre Liebe galt dem Wirken für die Menschen.

Dieses Wirken erschöpfte sich auch im fortgeschrittenen Alter nicht. 2017 wurde sie von der Stadt Indaiatuba für ihr aussergewöhnliches Engagement geehrt. Die Nachfahren der Obwaldner Auswanderer sind heute noch sehr zahlreich in Brasilien vertreten, wenn auch die wenigsten von ihnen noch auf dem Gebiet der eigentlichen Kolonie in der Landwirtschaft tätig sind. Für viele Menschen, welche nur noch am Wochenende aus der Grossstadt São Paulo zurückkehren, verkörperte Leonor das Engagement und den generationenübergreifenden Zusammenhalt. Mit sehr vielen Familien der Obwaldner Nachfahren stand sie in einer verwandtschaftlichen Beziehung. Durch ihren unermüdlichen Einsatz und das jahrzehntelange Schaffen wurde sie gleichsam zur Symbolfigur für die Geschichte und die Gegenwart des Obwaldner Erbes, das sie ins 21. Jahrhundert weitertrug.