Interview

So wirkt sich das Klima auf die Lawinengefahr aus

Eine Gleitschneelawine im Dezember überraschte die Bergbahnen Sörenberg. Sie hätten die Lage richtig eingeschätzt, sagt die Staatsanwaltschaft Obwalden. Lawinenwarner Lukas Dürr erklärt, was der Klimawandel in den Bergen bewirkt und warum Gleitschneelawinen schwer vorhersehbar sind.

Christian Glaus
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Nach einer Gleitschneelawine in Andermatt werden Verschüttete gesucht.

Nach einer Gleitschneelawine in Andermatt werden Verschüttete gesucht.

Bild: Urs Flüeler/Keystone (26. Dezember 2019)

Nach einem Lawinenniedergang auf die Skipiste Ende Dezember in Sörenberg eröffnet die Staatsanwaltschaft Obwalden kein Strafverfahren. Das Naturereignis sei nicht vorhersehbar gewesen (wir berichteten). Es habe sich um eine Gleitschneelawine gehandelt. Solche Lawinen würden eher im Frühling auftreten aber nicht Mitte Winter, sagt Staatsanwalt Jürg Boller und spricht den Klimawandel an. Führt dieser zu unberechenbaren Gefahren im Winter? Lukas Dürr, Lawinenwarner des Instituts für Schnee- und Lawinenforschung in Davos, gibt Auskunft.

Die Staatsanwaltschaft sagt, mit Gleitschneelawinen müsse man im Frühling rechnen, nicht aber mitten im Winter. Teilen Sie diese Einschätzung?

Lukas Dürr: Sogenannte warme Gleitschneelawinen treten häufiger im Frühling auf, wenn die Schneedecke von oben her durchfeuchtet wird. Sie folgen klar dem Tagesgang. Es gibt aber auch kalte Gleitschneelawinen, die im Winter auftreten. Diese entstehen dann, wenn beim Übergang vom Boden zur Schneedecke Wasser im Spiel ist. Diese Lawinen halten sich nicht an die tageszeitliche Erwärmung und sind deshalb besonders schwierig zu beurteilen. Gleitschneelawinen können kaum gesprengt oder durch Personen ausgelöst werden.

Was braucht es, damit eine Gleitschneelawine entsteht?

Sehr wichtig ist der Untergrund. Dieser muss glatt sein und ist typischerweise grasig oder felsig. Die Wärme spielt auch eine Rolle, diese muss aber nicht von der Sonne kommen. Wird im Herbst warmer und feuchter Boden eingeschneit, begünstigt dies den Gleitprozess.

Eine solche Situation gab es nun auch im Dezember?

Genau. Die Berge wurden eingeschneit, der Boden war aber noch relativ warm und verbreitet feucht.

Die Winter dürften aufgrund des Klimawandels milder werden. Verändert sich dadurch die Lawinengefahr?

Der Klimawandel wirkt sich sicher aus, auch wenn heute noch nicht alle Facetten im Detail erforscht sind. Was man sich vorstellen kann, ist, dass wärmere Winter zu vermehrtem Schneegleiten führen. Zudem können sehr intensive Niederschläge in Form von Schnee oder Starkregen auf eine bestehende Schneedecke zu sehr kritischen Situationen führen.

Wird künftig der Aufenthalt in den Bergen im Winter gefährlicher – etwa für Skifahrer?

Das kann man so generell nicht sagen. Die Gefährdung hängt sehr stark von der aktuellen Lawinensituation und dem Verhalten der Schneesportler ab. Nebst Perioden mit grosser Gefahr sind auch längere Perioden ohne Niederschlag und damit mit tiefer Gefahr möglich.

Braucht es künftig mehr Schutzbauten?

Die Schweiz ist mit dem Verbau gut aufgestellt. Gleitschneelawinen sind für die Sicherung der Infrastruktur aber eine grosse Herausforderung. Die Beurteilung ist schwierig. Es werden sich sicher etliche Gebiete überlegen, ob sie ihre Infrastruktur mit Verbauungen besser schützen können. Das ist aber nicht überall möglich. Man kann die Hänge nicht grossflächig verbauen.

Nun fällt in den Bergen viel Neuschnee, am Wochenende wird es sehr mild. Steigt damit die Lawinengefahr?

Wir hatten jetzt fast einen Monat lang schönes Wetter und es war gleichzeitig relativ mild. Die alte eingeschneite Schneeoberfläche ist kantig und locker. Das kann man sich vorstellen wie Zuckerkristalle, die sehr wenig Bindung untereinander haben. Das ist eine ungünstige Unterlage, der Schichtübergang ist kritisch. Das wird uns länger beschäftigen.

Was bedeutet das konkret für die nächsten Tage?

Die Gefahr von spontanen Lawinen wird rasch wieder abnehmen. Die Gefahr als Person eine Lawine auszulösen, dürfte aber länger anhalten. Dies betrifft besonders windgeschützte Geländebereiche, wo der eingeschneite Altschnee am ungünstigsten ist. Auch die Gleitschneelawinen dürften wieder zunehmen.

Das sind schlechte Nachrichten für Freerider...

Das Positive ist, dass es endlich wieder schneit. Ich würde aber zur Vorsicht mahnen im Umgang mit steileren Hängen. Hier besteht die Gefahr, dass man Schneebrettlawinen auslöst.

Wie beurteilen Sie die Lawinengefahr in der Zentralschweiz?

Im Moment ist sie erheblich – und das wird noch ein paar Tage so bleiben. Richtung Voralpen beruhigt sich die Lage schneller. Allerdings sind bereits am Wochenende wieder Niederschläge möglich und die Situation muss laufend neu beurteilt werden.

Die meisten Unfälle passieren, wenn die Lawinengefahr erheblich ist...

Das hat damit zu tun, dass bei noch grösserer Gefahr nur wenige Leute neben den Pisten fahren. Sie sind vorsichtiger. Erheblich klingt nicht so gefährlich. Doch man kann schon bei dieser Gefahrenstufe leicht Lawinen auslösen.

Zur Person

Lukas Dürr – Lawinenwarner
Lukas Dürr – Lawinenwarner
Lukas Dürr (43) arbeitet als Lawinenwarner beim Institut für Schnee- und Lawinenforschung in Davos. Seit 2006 ist er für das Institut tätig. Lukas Dürr hat an der ETH Zürich Forstwissenschaften studiert und arbeitete von 2002 bis 2006 hauptberuflich als Bergführer.

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