Spendenaktion
Luzerner Trailrunner will es wissen: Zu Fuss von Sargans nach Montreux in sechs Tagen

Robert Hammig sieht aus, als könnte er schnell laufen. Doch was er sich vorgenommen hat, ist mehr als anstrengend. Zu Fuss will er quer durch die Schweiz joggen. Sein Weg führt auch durch Nidwalden, Obwalden und Uri. Mit seinem Lauf unterstützt er die Spendenaktion des Luzerner Rappers Freeze.

Kristina Gysi
Drucken

Dicke Wolkenfetzen hängen zwischen den Bergkuppen, die Glocke des Engelberger Klosters hat gerade 15 Uhr geschlagen. Es regnet. Philippe Fries sitzt in seinem Rollstuhl unter dem schützenden Dach eines Auto-Unterstands. Er wartet dort schon seit eineinhalb Stunden auf seinen Kumpel, Robert Hammig. «Noch fünf Minuten», sagt Fries.

Langstreckenläufer Robert Hammig durchquert auf seiner mehrtägigen Route auch die Urschweiz.

Langstreckenläufer Robert Hammig durchquert auf seiner mehrtägigen Route auch die Urschweiz.

Bild: Kristina Gysi (Engelberg, 5. August 2021)

Und dann endlich kommt Hammig um die Ecke gelaufen. Ein hagerer, athletisch gebauter Mann, die Haare zu einem kurzen Pferdeschwanz zusammengebunden. Er trägt Walking-Stöcke bei sich und einen kleinen, leicht aussehenden Rucksack mit Taschen an den Tragriemen. Darin stecken zwei Wasserflaschen und ein paar plastikverpackte Salami-Stängel. Hammig keucht nicht. Obwohl er seit dem Morgengrauen 40 Kilometer im Eiltempo zurückgelegt hat.

Von Unterschächen her kam er nach Altdorf und rannte entlang des Urner Stierenbachs, der in die Aa mündet, bis nach Engelberg. Auch Nidwalden soll er noch queren, am untersten Zipfel beim Trübsee. Tagesziel ist das Hotel Bonistock. Für den Trailrunner ist das nur eine kleine Etappe seiner 354 Kilometer langen Reise von Sargans nach Montreux. Alles zu Fuss in gerade mal sechs Tagen. Da bleibt nur eine Frage – wieso?

Gelder werden gemeinnützigen Organisationen gespendet

«Mir geht es gut. Ich bin gesund und habe ein tolles Umfeld», sagt Hammig. Er wolle jenen Menschen etwas zurückgeben, die im Leben ein schwereres Los gezogen haben. Deshalb sei er Teil dieser Spendenaktion, die Philippe Fries ins Leben gerufen hat. Der Lauf entlang der Fernwanderroute «Via Alpina» ist der zweite, den er im Sinne des guten Zwecks auf sich nimmt. Beim ersten Mal sind rund 13'000 Franken zusammengekommen. Dieser Erfolg soll sich nun wiederholen und zwei gemeinnützigen Organisationen zugutekommen.

Von links: Cindy Kronenberg (Verein vergewaltigt.ch), Philippe Fries alias Freeze (freezemusig.ch), Jeanne Bessire (Cutohof.ch) und Robert Hammig (the.trailrunner.ch).

Von links: Cindy Kronenberg (Verein vergewaltigt.ch), Philippe Fries alias Freeze (freezemusig.ch), Jeanne Bessire (Cutohof.ch) und Robert Hammig (the.trailrunner.ch).

Bild: PD

Einerseits ist das der Cutohof. Ein Begegnungs- und Erlebnisort, der für Menschen mit und ohne Beeinträchtigungen sonderpädagogisches Reiten, berufliche Integration und die Ausbildung von Pferd und Reiter anbietet. Für Fries, der aufgrund einer Krankheit seit 2018 im Rollstuhl sitzt, hat dies einen persönlichen Hintergrund: «Ich selbst bin in einer hippotherapeutischen Behandlung.» Die Spendenbeiträge sollen es dem Cutohof ermöglichen, neue Anlagen zu bauen, die den heutigen Anforderungen entsprechen.

Andererseits soll die Plattform vergewaltigt.ch Spendenbeiträge erhalten. Lanciert durch die Surseerin Cindy Kronberg ist die Website eine Anlaufstelle für Opfer sexueller Gewalt. Kronberg selbst wurde vor sechs Jahren vergewaltigt, nun bringt sie das Thema an die Öffentlichkeit und möchte andere betroffene Menschen unterstützen. Fries, ebenfalls aus Sursee, hat durch die Luzerner Zeitung von der Plattform erfahren. «Ich bin fasziniert davon, wie Cindy mit ihrem Schicksal umgeht», so Fries. Um die gemeinnützige Vereinsarbeit umzusetzen, braucht es Menschen, die vollzeitig und professionell arbeiten. Fries möchte mit der Spendenaktion finanzielle Unterstützung bieten.

Anderen Menschen helfen, zurück ins Leben zu finden

Angefangen hat alles mit einem Lied. Mit «Vo gheie und flüüge» kämpfte sich Philippe Fries alias Freeze 2019 zurück ins Leben. Nachdem das Schicksal ihn in den Rollstuhl gesetzt hatte. Die Diagnose: Multiple Sklerose. «Entweder man zerbricht daran oder man lernt, damit klar zu kommen», so der Rapper. Er schaffte letzteres. Der Track «Vo gheie und flüüge» und die damit verbundenen Spendenaktionen sollen nun anderen Menschen helfen, ebenfalls den Weg zurück ins Leben zu finden.

Philippe Fries, Rappername Freeze, sitzt seit 2018 im Rollstuhl. Heute hilft er anderen Menschen, trotz ihrem schweren Schicksal im Leben wieder Fuss fassen zu können.

Philippe Fries, Rappername Freeze, sitzt seit 2018 im Rollstuhl. Heute hilft er anderen Menschen, trotz ihrem schweren Schicksal im Leben wieder Fuss fassen zu können.

Bild: Kristina Gysi (Engelberg, 5. August 2021)

Und so kommt es, dass Robert Hammig für den guten Zweck einmal quer durch die Schweiz rennt. Ohne eine gute Portion persönlichen Ehrgeizes wäre das wohl kaum möglich. Phasen, in denen ihn die Motivation verlässt, gebe es aber immer wieder. «Etwa alle zehn Minuten», sagt Hammig und lacht. Gerade bei diesem Wetter. «Die Temperaturen sind optimal, aber der ganze Regen müsste nicht sein.» Die Strecken seien schlammig, die zähe Masse ein ermüdendes Hindernis. Am Morgen kam ihm ein Schneefeld in die Quere. «Ich rutschte mehrmals einige Meter den Hang hinunter und musste mich wieder hochkämpfen.» Die Strecke des Läufers versinnbildlicht so auch den Lebenskampf, den jene Menschen ausfechten, die von den Spenden der Aktion profitieren sollen.

Der Läufer schenkt sich auf der Terrasse der Bänklialp das zweite Glas Cola ein. Morgens um 10 Uhr war er noch in Altdorf und posierte vor dem Telldenkmal. Eine Strecke, die mit dem Auto 42 Minuten dauert, legte er in rund fünf Stunden zu Fuss zurück. Ohne die unvorhergesehenen Listigkeiten der Berglandschaft wäre er wohl noch schneller gewesen. Doch daran ist sich der Trailrunner gewohnt. Er wählt bewusst nie den bequemsten Weg, wagt sich in die Höhe über felsige Bergwege. «Es ist einfach schön, wenn man stundenlang keinen anderen Menschen sieht», so Hammig. Für ihn sei das Freiheit.

Seit sechs Jahren rennt Hammig so viel und oft er kann. «Das kann ich am besten», sagt er. Zwischen 10 und 17 Stunden ist er für diesen Lauf unterwegs. Täglich. Schlafen kann er in vorgebuchten Hotels, denen er vorab Wechselkleider inklusive Rücksendecouvert für die gebrauchten Sportsachen geschickt hat. Regenerieren ist nicht, wenn er bis Montag in Montreux sein will. Zu wissen, für wen und was er das alles macht, treibt ihn an. Was tut er als erstes, wenn er sein Ziel in der Westschweiz erreicht hat? «Mich in Fötus-Stellung zusammenkauern und weinen», witzelt Hammig. «Nein, dann gibt es erst einmal ein grosses Bier.»

Alle weiteren Informationen zur Spendenaktion sind hier zu finden.

Aktuelle Nachrichten