STALDEN: Theater wirkt als Gralshüter des Schwander Dialekts

Hans Berwert ist heute 86. Ob in der Schule, im Militär, als Ratsherr oder auf der Bühne: Der Schwander Dialekt war ihm stets heilig.

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Hans Berwert vor der Pfarrkirche Schwendi. (Bild Romano Cuonz)

Hans Berwert vor der Pfarrkirche Schwendi. (Bild Romano Cuonz)

Mit dem Schwander Dialekt sei das so eine Sache, sagt der Mundartforscher und Autor des «Obwaldner Mundart-Wörterbuchs» Karl Imfeld. Und er begründet: «Ihn separat darzustellen, ist fast nicht möglich, er ist zu stark mit dem übrigen Seegebiet und zum Teil mit Kerns verknüpft.» Und trotzdem besitzt dieser Dialekt, den man auf dem Sonnenberg oberhalb Sarnen spricht, gegenüber jenem im Hauptort einige recht hörfällige Merkmale. Karl Imfeld dazu: «In den Hanggebieten östlich und westlich des Sarnersees, einschliesslich Giswil, wird das mittelhochdeutsche ou zu oi und uo zu io.»

In der Tat: Wenn der am «4. Brachmanet 1929» in Stalden geborene frühere Kaufmann und Postauto-Halter Hans Berwert von seiner Schulzeit erzählt, tönt das so: «Miär Schwanderbiobä sind bim Fanger-Leerer id Schiol. Är hed sogar äs Biächli gschribä und oi dichted.» (Siehe auch Box). Der rüstige Schwander Senior Hans Berwert erzählt gerne von früher. Wie er in jungen Jahren im Büro oder im Laden gearbeitet, aber auch Schweine gefüttert habe. Und er ist mächtig stolz, dass er im Kollegi, im Welschen und später als Geschäftsmann, Bürger-, Gemeinde-, Bezirks- oder Kantonsrat seine ureigene Schwander Mundart immer getreulich beibehalten hatte. «Im Militär hatten die Zürcher grosse Freude, wenn wir unseren Dialekt redeten», sagt er zurückblickend. Ja, die alte Mundart habe sich eben in der Schwendi bis heute unverfälschter erhalten als etwa unten im Tal, ist Berwert überzeugt. Dafür gebe es verschiedene Gründe.

Lehrer kämpfte für die Mundart

Der frühere Pfarrer und Mundartforscher Karl Imfeld stellt in Bezug auf den heutigen Sarner Dialekt unter anderem fest: «Die Schule ist auf Lehrer und Lehrerinnen von auswärts angewiesen, auch Elternteile brachten ihren Dialekt von auswärts mit. In Sarnen ist der Obwaldner Dialekt bei Kindern nur noch dünn vertreten.» Dass dies in der Schwendi noch jahrelang anders geblieben ist, war mitunter ein Verdienst des langjährigen Dorfschullehrers Josef Fanger. Hans Berwert erzählt: «Ich kann mich erinnern, dass wir mit Lehrer Fanger zu fünft ins Studio Bern fuhren und im Schwander Dialekt von Wildbächen berichteten.» Damals habe er seine eigene Mundart erstmals auch aus dem Radioapparat gehört.

Als Hans Berwert dann siebzehnjährig war, fragte ihn Lehrer Fanger, ob er im Kirchenchor mitsingen wolle. Mit seiner Zusage entdeckte Berwert eines seiner Hobbys. «Später sang ich im ‹Schwander-Cheerli› mit, und da gefiel es mir besonders gut», berichtet er. Am liebsten habe er das Jodellied «Im Schlierätal», das eine betagte Sängerin in Schwander Mundart gedichtet habe. Eine eigentliche Schwander Hymne! «Ja, wir wollten stets im Schwander Dialekt singen», beteuert Hans Berwert. Dann trällert er vor sich hin: «Iär Bärgä wissid wärli nid, was dert im Tal fir Sorgä gid, was firn äs Glärm, was firn äs Gschteer, was firn äs G’sprängg nach Gäld und Ehr.»

Als sogar der Papst «schwanderte»

Einer der wichtigsten Gründe dafür, dass sich der Schwander Dialekt allen neuen Tendenzen zum Trotz hält und halten wird, ist das weitherum als Geheimtipp gehandelte «Schwander Theater». Hans Berwert – selber einer der passioniertesten Laiendarsteller – ist auch da Lehrer Fanger dankbar. «Ihm verdanken wir, dass es wieder ein Schwander Theater gibt», sagt er. Fanger, einer der Gralshüter des Schwander Dialekts, war stets besorgt, dass auf den Bühnen im «Rössli» und später in der Turnhalle nur lupenreine einheimische Mundart gesprochen wurde. Selbst als in Stalden das berühmte amerikanische Stück «Am Tag als der Papst gekidnappt wurde» unter dem Titel «Äi Tag Fridä» auf die Bühne kam, sprachen sowohl Papst Albert IV (Hans Berwert) als auch der Entführer Samuel Leibowitz (Walti Bienz) und seine Frau Sarah (Marie-Theres von Wyl, eine Dialektkennerin), wie ihnen der «Schwander-Schnabel» gewachsen war.

Sie nennen ihn das «Päpstlein»

«Noch heute besuchen Jahr für Jahr zahlreiche Zuschauerinnen und Zuschauer aus der ganzen Schweiz das Landtheater, weil sie den Schwander Dialekt so sehr mögen», schwärmt Hans Berwert. Ihn, den kleinen Mann, das «Päpstlein», wie ihn einige Kollegen heute noch nennen, hat man auf der Bühne auch sonst in vielen Rollen beklatscht: Etwa als Direktor, Pfarrer oder Trämliführer. Vorab, weil er prächtig spielte, aber nicht minder auch wegen seiner farbigen Sprache. Er selber sagt es gerne so: «Schwandere chani giod, ich bi ja oi fascht immer nur i dr Schwendi gsii.»

Dass ihm dieses Jahr seine Enkelin aus dem Schwapfala (Schwander Pfarreilager) eine Karte in urchigstem Schwander Dialekt geschickt hat, erfüllt Hans Berwert mit grosser Hoffnung, dass die schöne Mundart auch weiter bestehen wird.

Romano Cuonz

Hinweis

In unserer Sommerserie «Wie redsch dui?» trafen wir verschiedene Leute aus Ob- und Nidwalden, die den Dialekt ihrer Gemeinde mit Stolz und Freude pflegen. Folgende Beiträge sind erschienen: Heidy Gasser aus Lungern (15.7.), Josef Hess aus Engelberg (25.7.), Schüpferi-Meitli aus Buochs (29.7.), Felix Stöckli aus Stans (7.8.), Ida Knobel aus Wolfenschiessen (12.8). Heute erscheint der letzte Beitrag, es folgt noch ein Interview mit der Linguistik-Professorin Helen Christen. Unsere Abonnenten finden alle Beiträge der Serie unter www.obwaldnerzeitung.ch/serien