STALDEN: Wo Wein zu Lebenswasser wird

Dass in Obwaldner Kirchen am Stephans- und am Johannestag roter und weisser Wein gesegnet wird, ist ein fast schon vergessener Brauch. In der Schwendi wird er noch gepflegt.

Romano Cuonz
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Pfarradministrator Joseph Brunner segnet die Weine. (Bild: Romano Cuonz (Stalden, 28. Dezember 2016))

Pfarradministrator Joseph Brunner segnet die Weine. (Bild: Romano Cuonz (Stalden, 28. Dezember 2016))

Romano Cuonz

redaktion@obwaldnerzeitung.ch

Es hört sich gar seltsam an, wenn der Schwander Pfarradministrator Joseph Brunner während der Messe zu den Gläubigen sagt: «Was ist das für ein Leben, wenn man keinen Wein hat, der doch von Anfang an zur Freude geschaffen wurde!» Nun gut: Im Grunde genommen sind es ja gar nicht seine Worte, die er da ausspricht, sondern die des jüdischen Lehrers Jesus ben Sirach. Die Lebensweisheiten dieses Mannes finden sich gar in der Bibel, wenn man sich die Mühe nimmt, das Alte Testament genau zu studieren.

Warum aber zitiert Joseph Brunner den biblischen Text in der Kirche Stalden? Der Grund ist ein sehr alter kirchlicher Brauch: die Weinsegnung am Stephans- und am Johannestag. Früher kannten ihn noch die meisten Obwaldner Pfarreien. Heute ist er fast überall in Vergessenheit geraten. Joseph Brunner erklärt den Kirchgängern auch, was es damit auf sich hat. «Rotwein, der am Stephanstag gesegnet wurde, ist ein Zeichen für das Blut, das der erste Märtyrer für Gott vergossen hat», sagt er. Der Weisswein aber habe den Segen früher am Johannestag empfangen. «Er ist ein Zeichen für die Liebe zu Gott, die kaum einer so sehr gekannt hatte wie der Lieblingsjünger von Jesus», erläutert der Priester im Gottesdienst.

Im Buch «Volksbräuche und Volkskunde in Obwalden» erwähnt der ehemalige Kernser Pfarrer Karl Imfeld auch, dass der gesegnete Wein in früherer Zeit nach der Messe gar in einem grossen Ziborium (Hostienkelch) an die Gläubigen ausgeteilt worden sei. Dies mit sinnigen Sprüchen: «Trinke die Stärke des Feuers des heiligen Stephanus» oder «Trinke die Liebe des heiligen Johannes». Selber erlebt allerdings hat Karl Imfeld, wie er schreibt, diesen Brauch nicht mehr.

«Brauch regt zum bewussten Umgang mit Gaben an»

Pastoralassistent Daniel Müller hat an diesem Morgen selber ein paar Flaschen Wein zum Segnen mitgebracht. «Dieser schöne alte Brauch regt zum bewussten und sorgsamen Umgang mit den Gaben der Schöpfung an», sagt er. In der Tat: Hört man genauer hin, was Jesus ben Sirach in der Bibel seinen Zeitgenossen rät, wird man dies verstehen. Der sagt wörtlich: «Wie Lebenswasser ist der Wein für uns Menschen, wenn wir ihn mässig trinken. Frohsinn, Wonne und Lust ist im Wein, wenn man ihn zur rechten Zeit und mit Mass trinkt.» Doch der Bibeltext verschweigt auch die Kehrseite des Vergnügens nicht. Er nennt sie sogar ziemlich ungeschminkt: «Kopfweh, Hohn und Schmach bringt Wein, getrunken in Ärger und Zorn. Beim Weingelage nörgle nicht am Nachbarn herum, verspotte ihn nicht, wenn er heiter ist, sag ihm keine schmähenden Worte und streite nicht mit ihm vor den Augen der andern Leute.»

Dass Pastoralassistent Daniel Müller mit den paar Flaschen, die er zur Segnung mitgenommen hat, so etwas tut, ist ausgeschlossen. Er nämlich verrät: «Ich habe da den Geburtstagswein unserer Pfarrei hergebracht.»

Ein Wein wie ein Tischgebet

Jedes Jahr besuche man Leute, die runde Geburtstage feierten. «Den Frauen bringen wir Pralinen, den Männern aber Wein», schmunzelt er. Es sei natürlich immer schön, wenn man den Leuten mitteilen könne, dass der Wein gesegnet sei. Häufig seien die Jubilare Leute, die den alten Brauch noch kennen.

«Meist stürzt man einen so besonderen Wein nicht einfach hinunter, nein, man trinkt ihn auch ganz bewusst», glaubt Pastoralassistent Daniel Müller. Das sei ganz ähnlich wie bei einem Tischgebet, wo man doch auch ausdrücke, dass man für Speis und Trank dankbar sei. Ganz ähnlich denkt der heute 87-jährige frühere Postautohalter und Politiker Hans Berwert, der in all den Jahren immer wieder Wein zum Segnen in die Kirche gebracht hat. «Wenn ich diesen Wein trinke, denke ich, dass Reben und der Wein, der daraus hergestellt wird, ein Geschenk des Herrgotts an uns sind», versichert er. Und der alte Mann schmunzelt: «Ich trinke jeden Tag ein Gläschen Rotwein, das ist gut fürs Blut und fürs Hirn, zumal, wenn er noch gesegnet ist!»