Theater

Groteske Komödie in einer grotesken Zeit im Kollegitheater Engelberg

Man glaubt es kaum: In Engelberg proben Schülerinnen und Schüler in Masken und mit Abstand Dürrenmatts berühmtes Stück «Die Physiker».

Romano Cuonz
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«Dem heutigen Menschen kommt man nur noch mit der Komödie bei», hat der wohl berühmteste Schweizer Bühnenautor, Friedrich Dürrenmatt, einmal gesagt. Und, bezogen auf sein Stück «Die Physiker», fügte er mitten im Kalten Krieg hinzu: «Der Inhalt der Physik geht die Forscher an, ihre Auswirkung (damals die Atombombe) alle Menschen.»

Vreni Läuchli, Melchior Rotzer und Birgitta von Hoensbroech (von links) proben trotz Fernunterricht ab und an auf der Bühne.

Vreni Läuchli, Melchior Rotzer und Birgitta von Hoensbroech (von links) proben trotz Fernunterricht ab und an auf der Bühne.

Bild: PD (Engelberg, 17. Dezember 2020)

Wie sich doch im Verlauf der Zeiten vieles ändert und doch wiederholt, erleben zurzeit theaterbegeisterte Schülerinnen und Schüler der Stiftsschule Engelberg. Trotz Coronakrise – und obschon einige von ihnen sich zwischenzeitlich wegen des Virus auch schon in Quarantäne begeben mussten – erarbeiten sie seit den Herbstferien das berühmte Dürrenmatt-Stück. Zusammen mit der Regisseurin Franziska Bachmann Pfister. Probe um Probe. In Abwandlung von Dürrenmatts damaligem Zitat könnte die Truppe dazu festhalten: «Das medizinische Erfassen des Covid-19-Virus geht die Forscher an, seine Auswirkungen uns alle.»

Mit Komödie gegen Depressionen vorgehen

Tatsächlich ist auf der Kollegibühne nichts wie sonst. Birgitta von Hoensbroech aus Zofingen – sie spielt Einstein – sagt: «Dass wir beim Proben Masken tragen und einander, ausser bei den Mordszenen, kaum je berühren dürfen, lässt das Theaterspielen zu einer neuen Herausforderung werden.» Ganz viele neue Übungen hätten sie gemacht, ohne offenen Mund, ohne Mimik im Gesicht. Melchior Rotzer aus Ennetbürgen – er mimt Möbius – fügt hinzu: «Wir dachten, dass diese dramatische, ewig aktuelle Komödie, in der Dürrenmatt die Mittel des Grotesken einsetzt, gut zu unserer gegenwärtigen Situation passt.» In der Tat: Dieses Stück mit Elementen eines Krimis deckt vieles ab, wonach die Schüler gerade jetzt Lust hatten.

Vreni Läuchli aus dem aargauischen Wohlenschwil hat die Ehre, nebst zwei andern kleinen Rollen auch dem grossen Dichter Friedrich Dürrenmatt ihre Stimme zu leihen. «Ich bin froh, dass wir ein Theaterstück nur schon proben dürfen, da trifft man noch Kolleginnen und Kollegen und hat viel Spass miteinander, ohne sich zu nahe zu kommen», beteuert sie. Im Moment seien der Präsenzunterricht – und mit ihm auch die intensive Probenarbeit – eingestellt worden. Die Zeit würden alle nutzen, um im Homeoffice Texte zu lernen und die Figuren so richtig zu entdecken. Das Bühnenteam entwerfe auf dem PC sogar ein ganz spezielles Bühnenbild. Ins gleiche Horn stösst Melchior Rotzer, wenn er sagt: «In einer Zeit, in der sonst alles abgesagt ist, ist es doppelt wichtig, Emotionen wenigstens spielen zu dürfen.» Natürlich würden sie dem Publikum in Engelberg und den jüngeren Schülerinnen und Schülern gerne ein solches Theaterstück bieten. Gerade jetzt, wo so viele Leute nicht gut drauf seien, gelte es mit einer Komödie gegen die allgemeine Depression vorzugehen.

Trotz Unsicherheit voll motiviert

«Die Physiker» mit einer skurrilen Verwitzelung der Atombombe ist bei Dürrenmatt ein Ausdruck der Verzweiflung. Irgendwie könnte dies auch auf das heurige Theater in der Stiftsschule Engelberg zutreffen. Man lernt Texte, probt monatelang und hat überhaupt keine Garantie, dass man das Stück je vor einem Publikum aufführen darf. Doch die Mitwirkenden sind da guter Dinge. Vreni Läuchli erklärt:

«Natürlich beschäftigt uns die bange Frage, ob wir überhaupt spielen dürfen, und wenn ja, ob nur mit Masken.»

Das wäre extrem schwierig, wähnt sie, weil man da kaum alle verstehen würde. Melchior Rotzer aber würde nicht Möbius sein, wenn er nicht Lösungsvorschläge bereit hätte. «Man könnte im Theatersaal nur jeden dritten Sitzplatz benützen und mehr Aufführungen anbieten», sagt er. «Oder, sich als Gruppe, wie es Sportler tun, auf Corona testen lassen!» Birgitta von Hoensbroech aber meint: «Selbst, wenn wir nicht spielen könnten, würde für mich keine Welt zusammenbrechen. Die schönen Stunden, die wir beim Proben zusammen verbracht haben, kann uns niemand mehr nehmen.» Hier greift Regisseurin Franziska Bachmann dezidiert in die Diskussion ein. «Unsere Arbeit wird auf gar keinen Fall unsichtbar bleiben», sagt sie. Es werde ein Schlussresultat vorliegen, egal was bis zum Februar passiere. «Wir können die Premiere bis weit in den Frühling verschieben oder das Stück filmen und ins Netz stellen», stellt sie in Aussicht. Jedenfalls verspricht sie der Truppe, dass ihr Theater auch ein Publikum haben werde.

Hinweis: Vom 5. bis zum 7. Februar sind im Kollegitheater Engelberg drei Aufführungen des Stücks «Die Physiker» von Friedrich Dürrenmatt geplant. Reservation: www.stiftsschule-engelberg.ch. Falls Corona die Aufführungen verhindert, erwägt man eine Verschiebung in den Frühling.