TOURISMUS: Die Chinesen stürmen das Sarneraatal

Markant mehr Expresstouristen, dafür Einbussen bei Stammkunden gabs 2015 in Obwalden. Dafür nächtigten die Schweizer mehr in Nidwalden und Engelberg.

Christoph Riebli
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Nicht nur in Engelberg tummeln sich chinesische Touristen (Bild). Das Sarneraatal hat dem Klosterdorf bei diesem Gästesegment in Sachen Logiernächte den Rang abgelaufen. (Archivbild Corinne Glanzmann)

Nicht nur in Engelberg tummeln sich chinesische Touristen (Bild). Das Sarneraatal hat dem Klosterdorf bei diesem Gästesegment in Sachen Logiernächte den Rang abgelaufen. (Archivbild Corinne Glanzmann)

Christoph Riebli

Überdurchschnittlich stark hat das Sarneraatal 2015 chinesische Touristen beherbergt: Rund jede fünfte Übernachtung entfällt auf das Reich der Mitte. Das entspricht praktisch einer Verdoppelung gegenüber dem Vorjahr (total rund 65 000 Übernachtungen). Dies geht aus den aktuellsten Erhebungen des Bundesamtes für Statistik hervor. Doch weshalb stürmen die Chinesen das Sarneraatal? «Wir liegen verkehrstechnisch gut zwischen Luzern, Engelberg und Interlaken», erklärt Markus Bolliger, Geschäftsführer der Obwalden Tourismus AG. Gerade im Sommer seien die Hotelbetten im Sarneraatal gefragt, «wenn in Luzern die Aufnahmekapazität an ihre Grenzen stösst».

Eine Nacht und dann weiter

Für die betroffenen Hotels seien diese Reisegruppen ein «wichtiges Standbein». «Da diese Gruppen jedoch meistens nur eine Nacht in der Region bleiben, fällt die Wertschöpfung relativ gering aus.» Es sei deshalb vordringliches Ziel, vermehrt wieder Gäste aus Deutschland und der Schweiz anzusprechen. Aufgrund der kurzen Aufenthaltsdauer der Chinesen fällt auch die durchschnittliche Aufenthaltsdauer tiefer aus. Liegt diese schweizweit bei zwei Übernachtungen, hinkt das Sarneraatal mit 1,6 klar hinterher.

Auch in Engelberg nächtigten 2015 mehr Chinesen, wenn im Vergleich zum alten Kantonsteil auch «nur» mit einem Zuwachs von 27 Prozent (47 000 «verkaufte Betten»). Im Kanton Nidwalden legte dieser Anteil um fast einen Drittel auf etwa 30 000 Übernachtungen zu.

Total verbuchte die Obwaldner Hotellerie mit 61 Betrieben und 4200 Betten rund 663 000 Logiernächte, somit 6 Prozent mehr gegenüber 2014. 355 000 Logiernächte entfallen dabei auf Engelberg (25 Betriebe, fast 2000 Betten), das sich gesondert vermarktet. Gegenüber 2014 bedeutet dies ein sattes Plus von 9 Prozent.

Der übrige Kantonsteil mit dem Sarneraatal knackte erstmals die 300 000er-Grenze (+3 Prozent). In Nidwalden (38 Betriebe/1641 Betten) waren es 213 000 Übernachtungen (+5 Prozent).

«Das ist ein neuer Rekord im Sarneraatal», freut sich Markus Bolliger. Er ist sich jedoch bewusst, dass ohne die chinesischen Expresstouristen die Bilanz negativ ausfiele. Problem: «Unsere europäischen Hauptmärkte sind rückläufig.» Besonders wegen des starken Frankens. So seien viele Deutsche zu Hause geblieben (–15 Prozent). Markant war der Rückgang von Logiernächten auch bei britischen (–45 Prozent) und italienischen Gästen (–42 Prozent).

In Engelberg fehlten ebenfalls viele deutsche Urlauber (–18,5 Prozent) sowie Engländer (–17 Prozent) und Schweden (–15,5 Prozent). Wettmachte man das im Klosterdorf mit den Chinesen und Indern (+21,5 Prozent/86 000 Logiernächte) und notabene den inländischen Gästen (+5 Prozent/117 000). Im Sarneraatal machen diese 46 Prozent aller Übernachtungen aus (140 000/–1,4 Prozent). Im Nachbarkanton legte der Schweizer Anteil erfreulicherweise um satte 7,5 Prozent zu (rund 98 000 Logiernächte).

Tagesgäste in Nidwalden wichtiger

«Tourismus ist viel mehr als nur Logiernächte», mahnt Erna Blättler-Galliker, Geschäftsführerin von Nidwalden Tourismus. Es seien zwar die einzig «greifbaren Zahlen», um die aktuelle Entwicklung aufzuzeigen. 80 Prozent des Tourismusumsatzes erwirtschafte Nidwalden aber mit Tagesgästen, vorwiegend aus der Deutschschweiz. Der jährliche touristische Umsatz beziffert sie mit total 320 Millionen Franken. Dies habe eine Wertschöpfungsstudie für Nidwalden aufgezeigt.*

Nebst dem Zuwachs bei den inländischen Übernachtungen freut sie sich besonders über die steigende Anzahl an Tagesgästen. «Mit vielen gemeinsamen Aktionen erreichten die Ausflugsgebiete im vergangenen Jahr Zunahmen von 5 bis 13 Prozent.» Spitzenreiter sei dabei die Stanserhorn-Bahn. 7,4 Prozent waren es bei den Bergbahnen Klewenalp-Stockhütte. Doch auch kleinere Tourismusperlen wie die Bannalp oder Niederbauen hätten gut zugelegt.

Stärker gewachsen als Städte

«Mir ist keine andere alpine Destination in der Schweiz bekannt, die bei den Logiernächten so stark zulegen konnte wie wir», sagt der Engelberger Tourismusdirektor Frédéric Füssenich. Selbst die Schweizer Städte, die gemäss Schweiz Tourismus 2015 am stärksten profitiert hatten, könnten da nicht mithalten. «Grundsätzlich ist das super. Wir müssen jedoch in die Zukunft schauen und einen guten Gästemix hinbekommen. Dazu braucht es auch vermehrt Marketingaktivitäten für den Nahmarkt – die Schweizer Gäste.»

In Engelberg spielen die asiatischen und indischen Gruppen zudem eine andere Rolle als im Sarneraatal: «Bei uns passiert die Wertschöpfung zusätzlich am Berg, jedoch leider nicht in der Dorfstrasse.» Das sei halt nicht der «klassische Tourismus», aus Sicht der Bergbahnen aber sehr interessant. Füssenich schätzt, dass in Engelberg die Hotellerie und die Tagesgäste etwa gleich viel zur Wertschöpfung beitragen. Gemäss einer Studie bringt der Tourismus dem Klosterdorf jährlich total 196 Millionen Franken ein.

* Die letzten Zahlen zur touristischen Wertschöpfung in Nidwalden und Engelberg stammen aus einer Studie von 2004. Für das Sarneraatal existiert gar kein solches Zahlenmaterial.