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Ägypter am Festival Obwald: Wie Väterchen Zufall grosse Rolle spielte

In ihrem Heimatland an den Rand der Gesellschaft gedrängt, am Volkskulturfest Obwald 2019 willkommen: Zârmusiker aus dem Gastland Ägypten. Die Hoffnung, ihre Kultur am Leben zu erhalten, ist mit dem Auftritt in der Schweiz verknüpft.
Oliver Mattmann
Das Mazaher Ensemble aus Ägypten tritt am Volkskulturfest Obwald 2019 auf. (Bild: PD)

Das Mazaher Ensemble aus Ägypten tritt am Volkskulturfest Obwald 2019 auf. (Bild: PD)

Martin Hess hat eine grosse Leidenschaft: fremde Länder und Kulturen entdecken. Auf seinen Reisen trifft er auch immer wieder auf interessante Musiker, deren Persönlichkeit und Lebensgeschichte ihn dermassen faszinieren, dass sie nicht selten wenig später auf dem Programm des Volkskulturfests Obwald landen. «Ich führe im Prinzip einfach mein Leben und ‹Obwald› ist ein wunderbares Nebenprodukt, das daraus entsteht.»

Auch wenn dies etwas zugespitzt tönt, so hat die Aussage einen wahren Kern. Bereits zum 14. Mal zeichnet Martin Hess vom 4. bis 7. Juli verantwortlich für das Festival in Giswil, das längst über die Kantonsgrenzen hinaus strahlt. «Wenn ich das Gastland bestimme, suche ich immer nach Gemeinsamkeiten mit unserer Kultur.» Wohin es ihn aber jeweils verschlage, sei selten von Anfang an Absicht.

In Kairo war das Eis schnell gebrochen

Dieses Mal erinnerte sich der 70-Jährige an eine Reise zu seinen eigenen Hippiezeiten nach Ägypten. Damals kam er erstmals mit dem Zâr-Kult in Kontakt, ein musikalisch untermaltes, religiös-medizinisches Ritual, um böse Geister zu vertreiben. Martin Hess nahm die Spur wieder auf und schaute sich vor seinem Abflug in den Nordosten Afrikas auf Youtube einige Sequenzen des Rituals an.

Kaum in Kairo gelandet, spielte ihm Väterchen Zufall in die Hände: Martin Hess traf ungeplant auf den Direktor der Kulturstiftung Pro Helvetia, die in Kairo ein Büro hat. Dieser erzählte ihm, dass er am Vortag einen gewissen Achmed kennengelernt habe, der wie Hess selber Musikethnologe sei und in der Hauptstadt ein kleines Theater gebaut habe, um einer vom Aussterben bedrohten Volksgruppe ein Dach überm Kopf für ihre Zeremonien zu geben. Hess’ Neugier war geweckt und als er ins Theater trat und die Umrisse aus dem Zârmusik-Film auf Youtube wiedererkannte, war das Eis bereits gebrochen.

Das Sujet fürs Plakat ist nicht zufällig gewählt

Der «Obwald»-Leiter sah sich sogleich in der intensiven spirituellen Atmosphäre gefangen – im positiven Sinne. Was sich bei der Zeremonie des Mazaher-Ensembles erst wie ein wildes Durcheinander von Tambourinen, Flöte und Kastagnetten anhört, entpuppte sich in den Ohren des ehemaligen Musikproduzenten schnell als strukturiertes, rhythmisches Gebilde. «Die Abfolgen der Lieder sind lang und komplex und die von Tanz begleiteten Rituale nur mündlich überliefert. Es ist wohl eine Frage der Zeit, bis diese Kultur verschwindet», bedauert Hess, zumal sie vom Staat verpönt und an den Rand der Gesellschaft gedrängt werde.

Er musste keine grosse Überredungskünste anwenden, um das Mazaher-Ensemble zu einem Auftritt in der Schweiz – ein Novum für die Mitglieder – zu bewegen. «Sie erhoffen sich, dadurch ihren Stellenwert in der Heimat zu erhöhen», sagt Hess und zeigt aufs Festival-Plakat. Nicht zufällig ist darauf das Ensemble abgebildet. «Das Plakat ist für sie der Beweis, dass man ihre Kultur andernorts auf der Welt wahrnimmt. Entsprechend werden sie dieses zu Hause herumreichen, auch im Umfeld staatlicher Institutionen», ist er überzeugt.

Gegen den «Tsunami der Weltkulturen»

Auch wenn er von der Zârmusik angetan ist und hofft, einen kleinen, Identität stiftenden Beitrag zu leisten, dass die Volksweisen nicht unter den «Tsunami der Einheitsbrei fördernden Weltkulturen geraten»: Eine Herausforderung konnte er mit dem Engagement der arabischen Musiker nicht meistern.

Martin Hess. (Bild Romano Cuonz)

Martin Hess. (Bild Romano Cuonz)

«Ihre Lieder lassen sich schlecht mit der hiesigen Musik vernetzen.»

Aber Martin Hess wäre nicht Martin Hess, wenn er nicht doch eine Verbindung vom Gastland zu heimatlichen Klängen gefunden hätte. So spielen die aus armen Verhältnissen stammenden Zârmusiker zuweilen auch in Tarab-Orchestern mit, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Tarab ist laut Hess die «offizielle, anerkannte» Musikgattung in Ägypten. Ein typisches Instrument ist dabei das Qanun, eine Art Mischung aus Hackbrett und Zither.

In der Appenzeller Streichmusik Vielseitig fand er aus seiner Sicht das passende Pendant zum eingeladenen Tarab-Quintett. Die fünf jungen Frauen bringen ihre Geigen, Hackbrett, Cello, Kontrabass und eine gehörige Portion Unbekümmertheit mit. «Ich habe nicht die bekanntesten Musiker gesucht, sondern solche, die offen sind für Neues und Fremdes nicht ausschliessen.» Als er von seinen Plänen mit ihnen erzählte, habe die Hackbrettspielerin zu ihm gesagt: «Es wäre für mich ein Traum, mit dem Qanun-Spieler zu musizieren.» Dies wird nun im zweiten Programmteil der Fall sein, im ersten stehen die Solomusiker und Formationen jeweils alleine auf der Bühne in der Waldlichtung Gsang.

Auch Einheimisches weiterhin im Programm

Zu diesen gehören weiter der Nidwaldner Schwyzerörgeli-Virtuose Adrian Würsch und die Geschwister Rymann, «die mich von Anfang an in meiner Stossrichtung fürs Obwald unterstützt haben.» Sie hat Hess mit jungen, juizenden Zwillingen aus dem Muotathal «kombiniert». Sie hätten gleich beim ersten Aufeinandertreffen spontan miteinander gesungen. «Das sind Sternstunden für mich», sagt der feinfühlige Leiter des Volkskulturfests. Und um nochmals den Bogen zum Appenzell zu spannen, lockt er zwei singende und «zauernde» Schuppeln (das sind kleine Gruppen) aus dem Ausserrhodischen nach Giswil. Mit ihren losen Strukturen sind Parallelen zur noch jungen Obwaldner Truppe namens Heiterluft auszumachen. Die zwei Jodlerinnen und acht Jodler seien «ein wunderbarer Haufen Menschen mit grossartigen Stimmen». Sie liessen sich gleich über alle vier Festival-Tage einspannen, was Hess besonders freut. Hinter der Bühne findet jeweils ein reger Austausch unter den Künstlern statt und spontane Einlagen werden kreiert. Hess: «Ich ermuntere die Musiker dann immer, diese in ihren Auftritt am nächsten Tag einzubauen. Das ist doch Völker verbindend. Das ist es, was das Festival ausmacht.»

Der Vorverkauf fürs Obwald beginnt am Montag, 8. April, um 8 Uhr online oder an allen Poststellen.

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