Vergessener Saumweg am Brünig lockt wieder Wanderer an

Schon Steinzeitmenschen benutzten diesen Saumpfad. Nun wurde der lange verschwundene Weg neu hergerichtet und zur Eröffnung von Säumern begangen.

Romano Cuonz
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20 Säumer mit 16 Tieren begingen als erste den neu entdeckten Säumerweg auf den Brünig. Erbauer Martin Berweger schwingt die Fahne.

20 Säumer mit 16 Tieren begingen als erste den neu entdeckten Säumerweg auf den Brünig. Erbauer Martin Berweger schwingt die Fahne.

Bild: Romano Cuonz (Brünig, 13. Juni 2020)

«Kaum jemand unserer Generation hat diesen alten Brünig-Saumweg vor dem heutigen Tag gekannt oder begangen», ruft der autodidaktische Archäologe Martin Berweger seinem Publikum zu. Dazu schwenkt er voll Freude eine Schweizer Fahne. Ort des Geschehens: der wieder ausfindig gemachte Säumerweg im Gebiet Cholhüttliwald am Brünigpass. Das bunte Publikum, das gespannt – oder zum Mindesten gelassen – zuhört, sind zehn Pferde, fünf Esel, ein Pony. Dazu zwanzig Säumerinnen und Säumer, welche die voll bepackten Tiere führen. Mit dabei ist auch Wandervolk.

Martin Berweger hat allen Grund zur Freude. In zweieinhalbjähriger Planungs- und Bauarbeit hat er mit Pro Historia Brünig den verloren geglaubten, alten Saumpfad in Fronarbeit wieder instand gestellt. Zum Glück haben auch Lehrlinge der Gasser Felstechnik AG drei Tage volle Arbeit geleistet.

Daniel Feldmann und Stefan Gut (von links) mit Pferd, Muli und Hund.

Daniel Feldmann und Stefan Gut (von links) mit Pferd, Muli und Hund.

Bild: Romano Cuonz (Brünig, 13. Juni 2020)

Schon im Mittelalter war der Weg gepflastert

Teilweise musste der alte Weg nämlich regelrecht ausgegraben werden. Dabei stiess man auch auf einen Kohlplatz. Sogar archäologische Fundstücke wie ein neolithisches Flachbeil aus Kupfer, eine Knopfsichel aus Bronze oder auch ein einzigartiger Silbermünzenschatz von 1280 kamen bei den Grabarbeiten zum Vorschein. Das war eine höchst erfreuliche Überraschung, die auch Klara Spichtig, Leiterin des Obwaldner Museums, freut. Zurzeit kann man nämlich all die Fundgegenstände in einer bunten Ausstellung im Historischen Museum Obwalden bewundern.

Martin Berweger betont aber: «Heute geht es vor allem darum, die Wiedereröffnung des alten Saumwegs am Brünig so richtig zu feiern, und dazu haben wir euch Säumerinnen und Säumer der Train Vereinigung Unterwalden eingeladen». Weil die Freude gegenseitig sein soll, nimmt der eine oder andere Säumer auch einmal einen Schluck aus seinem Flachmann, während die treuherzigen Tiere an Grashalmen zupfen.

«In jahrelanger Arbeit sind neu 900 Meter Wanderweg auf dem alten Brünig-Saumweg erschlossen und zugänglich gemacht worden», bilanziert Martin Berweger. Damit hätte die Bevölkerung ein Stück Tradition zurückbekommen.

Wohl schon im späten Mittelalter war der anderthalb Meter breite Weg mit Kopfsteinen gepflastert. Berweger vermutet: «Darunter gab es wahrscheinlich einen noch älteren Weg, sonst hätten wir kaum Relikte aus der Stein- und Bronzezeit gefunden.»

Janine Lauper und Theres Segmüller mit ihren hübschen Eseln.

Janine Lauper und Theres Segmüller mit ihren hübschen Eseln.

Bild: Romano Cuonz (Brünig, 13. Juni 2020)

Berühmt geworden ist die Route über Brünig, Grimsel und Gries­pass wegen der Säumerei, eines früher wichtigen Wirtschaftszweigs. Obwaldner transportierten mit Pferden und Maultieren Käse über drei Pässe auf den Markt in Domodossola. Auf dem Rückweg brachten sie Wein für Innerschweizer Wirte heim. «Der Saumweg war Tausende Jahre lang die beste Verbindung nach Italien», weiss Berweger. Nachdem dann 1856 die neue Brünigstrasse gebaut war, wurde er kaum mehr begangen. Mit der Zeit wuchs das Teilstück, das man nun wieder instand gestellt hat, zu. Auch von der Landeskarte verschwand es.

Die Tiere müssen sich wohlfühlen

Nun aber lebt es als unglaublich attraktiver Themenweg wieder auf. Man begegnet da noch alten Pflastersteinen und einer Steintreppe aus der Römerzeit und kommt an der Scheide, wo sich die Wege Richtung Bern und Richtung Italien getrennt hatten, vorbei. Dass die Einweihung an diesem föhnig hellen Samstag gerade mit Säumerinnen und Säumern begangen wird, ist kein Zufall. Seit 2003 sind sie auf der sogenannten «Sbrinzroute» regelmässig unterwegs. Stets mit vollbepackten Tieren und in Säumerbekleidung. Der Alpnacher Daniel Flühler (er ist Präsident der Säumer & Train Vereinigung Unterwalden) hat den weiten Weg nach Italien schon 38 Mal zurückgelegt. Er organisiert die neu entdeckte Säumerei bis ins kleinste Detail. Und immer hat er auch ein Auge für die Tiere. «Wenn es den Tieren gut geht, geht es auch den Säumern gut», ist Flühler überzeugt.

Daniel Flühler organisiert die heutige Säumerei und hat die berühmte Route nach Domodossola schon 38 Mal gemacht.

Daniel Flühler organisiert die heutige Säumerei und hat die berühmte Route nach Domodossola schon 38 Mal gemacht.

Bild: Romano Cuonz (Brünig, 13. Juni 2020)

Heute geht es allen gut: Bei der Chäppeli-Wirtschaft gibt’s für die Tiere frisches Gras, und für Säumerinnen und Säumer ein währschaftes «Mälti». Peter Ramseier, ein Gemeinde Strassenmeister aus Innertkirchen sagt: «Ich habe fünf Esel, und war mit ihnen schon oft dabei.» Auch die Bäuerin Janine Lauper freut sich riesig: «Mir nahm es auf der Sbrinzroute so richtig den Ärmel herein, und so gehört der andalusische Riesenesel Romero jetzt wirklich mir!»

Der Themenweg von Lungern zum Brünigpass überwindet auf 4.5 Kilometern gut 300 Höhenmeter. Die Wanderung wird als mittelschwer eingestuft. QR-Codes und Begleitbroschüre sind im Restaurant Bahnhof Lungern und dem Infoschalter von Obwalden Tourismus ab Juli 2020 erhältlich.

Säumer machen Halt in Uri

Auf ihrem 103 Kilometer langen Fussmarsch überqueren Säumer aus Disentis Urner Pässe, um nach Vevey zu gelangen. Sie treibt dabei nicht nur die Freude an der «Fête des Vignerons» an.
Christian Tschümperlin