Verkohltes erhält neues Leben

Markus Baldeggers Atelier fiel einem Brand zum Opfer. Daraus entstand Kunst, die er in der Galerie Hofmatt zeigt.

Romano Cuonz
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«Das Team der Galerie Hofmatt ist für mich wie eine zweite Familie», bekennt der 73-jährige, international bekannte Künstler Markus Baldegger an der Vernissage seiner neusten Ausstellung in Sarnen. Und wirklich: In der Hofmatt ist er nun bereits zum sechsten Mal zu Gast. Diesmal mit Malereien und Radierungen unter dem Titel «Vokabular».

Markus Baldegger zeigt in der Hofmatt Bilder auf Leinwänden, die nach dem Ateliersbrand verkohlt waren.

Markus Baldegger zeigt in der Hofmatt Bilder auf Leinwänden, die nach dem Ateliersbrand verkohlt waren.

Bild: Romano Cuonz (Sarnen, 5.9.2020)

Galeriebesitzer Edwin Huwyler erinnert sich: «Als wir 2016 erfuhren, dass sein Atelier im belgischen Lontzen vollkommen ausgebrannt war und dabei viele Bilder und 3000 Bücher zerstört wurden, war für uns klar, dass wir unserem Freund helfen müssen.» Wenige Monate später bot man dem Künstler und Wissenschaftler an – er stammt ursprünglich aus Altstätten (SG) –, in der Hofmatt unter dem Titel «Was übrig bleibt» eine Benefizausstellung zu gestalten. Diese war von grossem Erfolg gekrönt. Besucherinnen und Besucher bekundeten dem Künstler ihre Solidarität, indem sie viele der nach dem Brand «übriggebliebenen» Werke kauften.

Auch der Künstler hat sich nach dem Brand verändert

Daraufhin konnte sich Baldegger in Lontzen in beeindruckender Geschwindigkeit ein neues Atelier einrichten. Doch als er den Pinsel wieder in die Hand nahm, war er nicht mehr der Gleiche wie vor dem Brand. Er betrat Neuland. Ein zuvor ausschliesslich der abstrakten Malerei zugewandter, gelehrter Künstler, wagte es, Figürliches zu zeichnen und zu malen. Der inzwischen schon berühmte Igel in Variationen ist nur eines der Motive. Kerzen, Malutensilien, Lampen, Leitern, Staffeleien oder Werkzeuge sind andere.

Ein weiteres Kunstwerk, das im Gewölbekeller zu sehen ist.

Ein weiteres Kunstwerk, das im Gewölbekeller zu sehen ist.

Bild: Romano Cuonz (Sarnen, 5. September 2020)

Und als dann das Hofmatt-Team von ihm eine Einladung zum Besuch im neuen Atelier erhielt, trat es die Reise nach Belgien an. «Ein lichtdurchfluteter Raum, blendend weiss gestrichen, und die Wände voll von farbigen, lebensfrohen Bildern, ganz anders gestaltet als wir es von Markus gewohnt waren», schildert Edwin Huwyler. Diese neuen Werke habe man unbedingt ausstellen wollen.

Ein Schritt hinaus aus dem Käfig

Wer Baldeggers frühere Ausstellungen gesehen hat, dürfte über den Wandel staunen. Namentlich, wenn die wunderschönen, filigranen Radierungen im Gang entdeckt werden. Nägel, Schrauben, ein Hammer zeichnet Baldegger. Oder auch geheimnisvolle Naturpfade und Gruppen von Bäumen, ganz im Geiste von Günter Eichs «Vergeblichem Versuch über Bäume». Baldegger stellt dabei sein immenses, eben auch handwerklich-zeichnerisches Können zur Schau – kommt doch Kunst bekanntlich von Können. Äusserst feinfühlig geht er dabei vor. So als wäre er um jeden haardünnen Strich einzeln bemüht.

Mit Blick auf die farbigen Bilder im Galerieraum stellt Edwin Huwyler fest: «Mit dieser neuen Phase in der Malerei hat sich der intellektuelle, manchmal fast ein bisschen vergeistigte Künstler durch die Feuertaufe einen Schritt hinaus aus dem geistigen Käfig gewagt.» Baldegger schenke Dingen seiner Atelierwelt auf faszinierend frische Weise Beachtung. Poetisch ausgedrückt: Der Künstler und Freund des Hofmatt-Teams habe aus dem reichen Schatz seines Bildvokabulars neue Zeichen hervorgezaubert und daraus auch in den besonderen Hofmatt-Räumen ganz neue malerische Sätze gebildet.

Die Geschichte wird beim genauen Hinsehen klar

Eine mehr als interessante Entdeckung macht man beim Besuch der beiden berühmten Räume der Galerie. Sowohl die fünf Bilder, mit denen Baldegger aufs Panoramazimmer eingeht, als auch jene beiden, mit denen er den Gewölbekeller bespielt, weisen an ihren Rändern schwarze Spuren auf. Schaut man ganz genau auf die Ölbilder, schimmert auch mitten drin ab und an noch Rauchschwärze durch. Baldegger erklärt: «Nach dem Atelierbrand in Lontzen waren all die dort gelagerten Bilder von Russ geschwärzt und schmutzig. Alles schien verloren.» Doch dann habe er beschlossen, sämtlichen verkohlten Leinwänden frische Farbe, Form und Dynamik zu verleihen. Ein neues Bildvokabular.

Etwas aber mag man kaum glauben. Insbesondere, wenn man vor dem grossen, weissen Ölbild im Gang steht, das all seine Motive vereint: All die oft farbigen, manchmal grauen oder hellen Malereien, die zurzeit in der Hofmatt hängen, sind auf Leinwände gemalt, die vor drei Jahren noch verkohlt waren. Da hat einer seine Bildwelt buchstäblich neu erfunden.

Galerie Hofmatt, Sarnen. Markus Baldegger: «Vokabular», Malerei und Radierungen. Bis zum 4. Oktober. Geöffnet: Samstag und Sonntag 14 – 17 Uhr. Infos: www.galerie-hofmatt.ch