Kolumne

«Ich meinti»: Vermummungsgebot

Wegen des Coronavirus greifen viele zur Schutzmaske: mal farbig, mal comicartig – die Menschen sind kreativ. Doch diese Vermummung hat gewisse Tücken.

Otto Leuenberger
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Eine Frau mit einer selbstgemachten Maske und roter Clownnase.

Eine Frau mit einer selbstgemachten Maske und roter Clownnase.

Bild: Manuela Jans-Koch (Kriens, 23. April 2020)

Mull über Nase, Mund und Kinn. Vermummung ist geboten. Wer hätte das noch vor wenigen Monaten gedacht. Damals, noch jenes aufgewühlte Thema, das Vermummungsverbot? Nun geht es gerade umgekehrt? Nase und Mund sind das zentrale Einfallstor der Viruserkrankung Covid-19 und sollen bedeckt werden. Da vollführt die Wirklichkeit eine Volte, einen Salto und landet auf dem Kopf. Der Nutzen dieser Massnahme ist allerdings nicht ganz unumstritten. Es bleibt uns vernunfthalber nichts anderes, als das Gebot zu erfüllen.

Kolumnist Otto Leuenberger, ehem. Leiter Freizeitzentrum Obwalden und «Jungpensionär», aus Giswil.

Kolumnist Otto Leuenberger, ehem. Leiter Freizeitzentrum Obwalden und «Jungpensionär», aus Giswil.

Aber es wird etwas Wesentliches verloren gehen: Die Kommunikation lässt sich nicht nur auf die Stimme beschränken. Die Augen mögen zwar als Seelenspiegel gelten, aber sie sind in ihrer Bedeutung überschätzt. In ihnen können wir eigentlich gar nicht richtig lesen. Kinn, Stirn, Nase, Mund, auch die Augen, einfach das ganze Gesicht mit der Teintfarbe und all den Falten zusammen machen es aus! Die Mimik ist eigentlich zentral. Ins Gesicht geschriebene Gefühle und Gedanken werden mit dieser Maskerade verdeckt: Lachen, Begeisterung, Wut, Ratlosigkeit, Trauer, Freude, Enttäuschung Heiterkeit und vieles bleibt unkenntlich. Die Trägerinnen und Träger dieses Gesichtsschutzes sind entrückt und schwer zu deuten.

Dieser Mummenschanz hat auch Lustiges. Ein kreatives Do-it-yourself hat sich entwickelt. Da gibt es allerlei Farbiges, comicartige Katzengesichter, den Blüemli-Look, Morbides wie den Schädelabdruck, Nationalflaggen oder gar Gehäkeltes (?). Inzwischen finden sich wirklich schicke Dinger.

Eine Version habe ich letzthin im Bericht zu einer Videokonferenz im Umfeld der EU bei einem Minister gesehen. Dieser modebewusste Politiker trug tatsächlich einen dunkelblauen, weissgepunkteten Umbinder und – die Coronönung, äh Krönung – ein gleiches Einstecktuch in seinem Jackett. Ich hätte da auch noch eine Variante. Warum nicht das Abbild des eigenen Gesichts auf Masken aufdrucken? Das hätte allerdings was Fratzenhaftes, würde aber die Identifizierung erleichtern.

Übrigens, auch unsere nächsten Verwandten – die irgendwann mal in der Vergangenheit die Abzweigung ausgelassen haben und auf Bäumen blieben– sind vom Lockout betroffen. Der Kurator vom Zoo Basel, Adrian Baumeyer, sagt: «Affen gucken normalerweise intensiv den Besucherinnen und Besuchern zu. Gerade für Menschenaffen sind Menschen eine der wichtigsten Beschäftigungen ...» Man habe früher schon Verschiedenes ausprobiert unter anderem mit Fernsehgeräten, aber es habe nicht funktioniert. «Die Affen wollen echte Menschen sehen.»

Tröstlich. Schön, dass wir vermisst werden. Nun werden unsere Vettern ab Juni ennet der Trennscheibe, flachgesichtige, konturlose Wesen ohne Nase und Mund zu Gesicht bekommen. Die sich zudem ungewohnt benehmen und einen ballettähnlichen Distanzeiertanz vollführen. Was für ein Bild geben wir Homo sapiens unserem Gegenüber ab? Was werden sie bloss von uns denken: «Die wurden vom Mensch gebissen?»

Es wird für die Schönheitsbranche keine leichte Zeit. Der schmale Mund, die schiefe Nase, das Doppelkinn geht ihnen verloren. Das Botoxen und Liften macht keinen Sinn mehr. Die Krähenfüsse in den Augenwinkeln hingegen werden rehabilitiert und gewinnen an neuer Bedeutung. Und der Mensch lernt das Augenrollen, Brauenheben und – durch die Gummizüge verursacht, vermehrt abstehenden Ohren – besser hören. Auch schön. Bleiben wir gesund.