Viktor Röthlin: «Ich bin wieder auf einer Welle»

Viktor Röthlin startet am Sonntag mit guten Erinnerungen beim Marathon in Tokio. Der 37-jährige Obwaldner will eine persönliche Top-3-Zeit laufen, das heisst unter 2:09:56 Stunden.

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Viktor Röthlin, hier am letztjährigen Aegeriseelauf, blickt optimistisch auf den Tokio-Marathon. (Bild: Werner Schelbert / Neue ZZ)

Viktor Röthlin, hier am letztjährigen Aegeriseelauf, blickt optimistisch auf den Tokio-Marathon. (Bild: Werner Schelbert / Neue ZZ)

Seit den beiden Lungenembolien im Jahr 2009 ist Röthlin kein schnelles Rennen mehr gelungen - an den Europameisterschaften in Barcelona lief er 2:15:31, in London 2:12:44, und in New York erreichte er das Ziel in 2:12:26. Dabei war er vor London gemäss eigener Aussage auf dem Niveau seiner besten Zeiten gewesen. Doch brachte ihn eine am Vorabend durchgeführte Dopingkontrolle, die alles andere als optimal über die Bühne gegangen war, aus dem Konzept. Danach lief es vorerst nicht mehr rund.

«Musste im Training nicht immer kämpfen»

«Ich habe in den letzten Monaten wieder zu jener Leichtigkeit gefunden, die im letzten Sommer und Herbst nie da gewesen ist», sagt Röthlin. «Ich musste im Training nicht immer kämpfen, sondern konnte auf hohem Niveau laufen und habe mich grundsätzlich gut gefühlt. Ich bin wieder auf einer Welle, auf der es natürlich viel mehr Freude macht.» Das gute Gefühl setzte der Läufer des STV Alpnach am vorletzten Sonntag beim Halbmarathon im spanischen Granollers um, als er mit 63:33 Minuten Sechster wurde und mehr als zwei Minuten schneller war als im Vorjahr. Und dies, obwohl er am Montag zuvor eine Trainingseinheit 3x 3000, 3x 2000 und 3x 1000 m und am Mittwoch einen Lauf über 38 km bestritten hatte.

«Bin extrem motiviert»

Diese Zeit weckt in Röthlin positive Gefühle. Denn vor vier Jahren lief er Ende Januar in Almeria genau gleich schnell, worauf er beim Marathon in Tokio in 2:07:23 Stunden den heute noch gültigen Schweizer Rekord aufstellte. «Daher bin ich sehr guter Hoffnung», erklärt Röthlin. «Als Streckenrekordhalter mit all den guten Erinnerungen an 2008 zurückzukehren, löst nur positive Emotionen und Vibes aus. Ich freue mich, bin extrem motiviert.»

Ganz wie gewohnt ging Röthlins Vorbereitung auf seinen 23. Marathon nicht vonstatten, was einen mehr als erfreulichen Grund hat: Der Olympia-Sechste von 2008 wurde am 14. Februar Vater einer Tochter namens Luna. Um die Geburt nicht zu verpassen, kehrte er eine Woche früher aus dem Trainingslager in Kenia zurück. Zudem absolvierte er nach dem Halbmarathon in Granollers alle Belastungen, inklusive die langen Trainingseinheiten über 35 und 38 km, auf dem Laufband. Einzig die langsamen Einheiten bestritt er gut vermummt draussen. «Durch die anstehende Geburt hatte ich keine Lust, kurzfristig umzudisponieren und beispielsweise nach Spanien zu fliegen, um bei zehn Grad Celsius trainieren zu können. Ich glaube jedoch, dass Einheiten auf dem Laufband mental etwas vom besseren sind, das es gibt. Deshalb bin ich nun gespannt, was nach meiner ersten teilweise indoor durchgeführten Marathonvorbereitung in Tokio rauskommen wird.»

«Habe wieder mehr Spielraum»

Röthlin sieht in der japanischen Hauptstadt eine «grosse Chance», eine seiner Top-3-Zeiten zu laufen. «Die Standardtests zeigen, dass ich wieder in Bereichen bin, in denen ich mehr Spielraum habe. Im vergangenen Sommer und Herbst trainierte ich immer zwischen 3:04 und 3:05 (pro Kilometer), ich bin einfach nicht schneller geworden. Jetzt kann ich wieder zwischen 2:55 und 3:00 laufen, das hat auch der Halbmarathon in Spanien gezeigt», sagt Röthlin. Und auch der Kopf stimmt. «Eine Leistung zu erbringen hat sehr viel mit Selbstvertrauen zu tun. Im letzten Jahr ist das Selbstvertrauen mit dem Frust in London nicht extrem aufgebaut worden. New York war eine stabile Leistung, aber kein Karrierehighlight. Nun bin ich quasi wie wieder einen Schritt weiter. Ich habe wieder ein anderes Selbstvertrauen.»

«Wetter muss stimmen»

Es tönt also alles positiv, klar ist jedoch, dass auch der Rennverlauf stimmen muss, damit eine Topzeit herausschaut. Röthlin ist jemand, der von Anfang an ein stabiles Tempo braucht. «Der Marathon in Tokio ist dafür sicher gut genug organisiert», so der WM-Dritte von 2007. Und auch das Wetter - derzeit sind etwa sieben Grad Celsius und Sonne zu erwarten - muss stimmen: «Ich laufe nicht einfach 2:08, 2:09, wenn es 'Katzen hagelt'». Röthlin geht davon aus, dass es zwei Gruppen geben wird - die erste mit dem früheren Weltrekordhalter Haile Gebrselassie als Leader. Die zweite, schätzt er, wird im Bereich seines Streckenrekordes laufen. «Das wäre für mich ideal und würde mir eine gute Ausgangslage bieten.»

Röthlin ist am Dienstag unmittelbar nach seinem Abschlusstraining im Sportzentrum Kerenzerberg in die japanische Hauptstadt geflogen. Dort ist er gut angekommen. Unterstützt wird er von einer persönlichen Betreuerin, der gleichen, die ihn schon 2008 «extrem aufmerksam» begleitet hat. Es sollte also nichts mehr schiefgehen.

si