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Er sammelt in Obwaldner Betagtenheimen Geschichten vom Fegefeuer und dem Bettsockengrosi

Peter Nyffenegger, ehemaliger Primarlehrer aus dem Kanton Solothurn, hört gerne zu, wenn betagte Menschen erzählen. Schon 40 Geschichten hat er aufgeschrieben, bevor er seine Suche nun in Obwaldner Betagtenheimen fortsetzt.
Romano Cuonz
Peter Nyffenegger im Gespräch mit Rosa von Flüe im «Felsenheim» in Sachseln. (Bild: Romano Cuonz (5. Juni 2018))

Peter Nyffenegger im Gespräch mit Rosa von Flüe im «Felsenheim» in Sachseln. (Bild: Romano Cuonz (5. Juni 2018))

Rund 15 Leute – Seniorinnen und Senioren im Felsenheim, dem Sachsler Alters- und Pflegeheim – sitzen im Kreis um einen Erzähler herum. Sie sind alle ganz Ohr. Was ihnen der Mann da erzählt, ist nicht weit hergeholt: Es sind lauter kleine Episoden, wie sie die meisten von ihnen auch schon gehört oder selber erlebt haben. Ganz nach der Devise: «Ach, Grossvater, das hast du uns schon 100 Mal erzählt!» Nur mit dem kleinen Unterschied, dass Peter Nyffenegger – so heisst der Erzähler – solche Geschichten weit vor dem 100. Mal aufschreibt und dann gerne auch einem Publikum weitererzählt.

Da ist beispielsweise eine Geschichte aus dem Jahre 1938: Eine mittlerweile betagte Frau berichtet, wie der katholische Pfarrer damals die Turnerinnen der Damenriege von der Kanzel als verdorbene junge Frauen bezeichnet und ihnen wegen ihrer viel zu kurzen Röckchen gar mit dem Fegefeuer gedroht hatte. Oder jene von seinem eigenen «Grosi», dessen besondere Spezialität es war, Bettsocken für die ganze ­Familie zu stricken.

Der heute 66-jährige Peter Nyffenegger sammelt solche ­Geschichten, die wohl in keinem Geschichtsbuch stehen. Er unterrichtete 40 Jahre lang an der Primarschule im solothurnischen Hägendorf. Als er sich pensionieren liess, zog er mit seiner Frau nach Kerns im Kanton Obwalden, um näher bei Kindern und Grosskindern zu sein.

Ihm scheint, dass Menschen früher gelassener waren

Im Gepäck waren auch all die vielen Geschichten, die der Pensionierte bereits zuvor aufgeschrieben hatte. Nyffenegger dazu: «Als die Oltener Kulturzeitschrift ‹Kolt› in ihrer Kolumne eine meiner Geschichten und dazu gar noch ein Interview mit mir veröffentlichte, wusste ich, dass ich mein Oral-History-Projekt auch nach der Züglete nach Obwalden unbedingt fortsetzen möchte.» Ihn beeindrucke eben immer wieder zu hören, wie die Leute früher mit ihren Schicksalsschlägen umgegangen seien. «Mir scheint, dass Menschen damals gelassener waren und mehr sogenanntes Gottvertrauen hatten», sagt Nyffenegger.

Erst unsanft abgewimmelt und dann willkommen

Es gibt viele ältere Menschen, die richtig froh sind, wenn jemand für sie ein offenes Ohr hat. Doch was Peter Nyffenegger von ihnen zu hören bekommt, ist nicht immer nur erbaulich oder gar lustig. So erzählte ihm eine ältere Frau, dass sie gar nicht ins Altersheim gehöre, dorthin einfach abgeschoben worden sei. «Derlei beschäftigt mich und macht mich nachdenklich.» Dank seines späten Hobbys hat er gelernt, dass man betagten Leuten geduldig und gut zuhören muss, wenn man möchte, dass sie einem ihre ­Geschichten preisgeben.

Doch, wenn der frühere Lehrer geglaubt hatte, dass ihm in Obwalden dafür gleich alle Türen offenstehen würden, hatte er sich getäuscht. «Im ‹Huwel› in Kerns, wo ich zuerst anklopfte, bin ich ziemlich unsanft abgewimmelt worden», erinnert er sich. Ganz anders dann aber im «Felsenheim» in Sachseln, das auf seine Flagge «LebensArt im Alter» schreibt. Dort durfte er seine Geschichten schon einmal vortragen. Die 89-jährige Rosa von Flüe – eine seiner Zuhörerinnen – meint: «Es war interessant, was er uns da vorgelesen hat, ich habe selber auch viele Geschichten erlebt, aber preisgeben würde ich sie doch lieber nicht!» Und der Leiter des «Felsenheims», Peter Wechsler, ist überzeugt: «Wenn betagte Leute bereit sind, aus ihrer Lebensgeschichte zu ­erzählen, kann dies für unsere Gesellschaft und auch für uns Mitarbeiter, die noch nicht in diesem Alter sind, von Interesse sein.» Man habe Peter Nyffenegger die Tür gerne geöffnet. Ob er hier und anderswo bald auch zu weiteren Geschichten kommt, wird sich erst noch weisen.

Und wie steht es mit der Veröffentlichung des Sammelguts? Peter Nyffenegger ist zu sehr Realist, als dass er nicht wüsste, dass er für ein Büchlein mit solchen Geschichten kaum einen Verlag findet. «Ich hoffe, dass in Obwalden noch die eine oder andere interessante Geschichte dazu kommt, und liebäugle mit dem Gedanken, sie später auf eigene Initiative und Kosten herauszugeben», sagt der frühere Pädagoge. Selbst, wenn dies teuer werden könnte. «Verdienen will ich damit ja eh nichts», sagt der Mann, der seiner sinnvollen Freizeitbeschäftigung aus purer Neugier und grosser Freude über jeden neuen gelungenen Fund weiterhin nachgehen will.

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