Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Konto per E-Mail erhalten.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Gewerkschaft kritisiert oft langen Kampf um eine Rente

Ein Forstwart aus der Region Unterwalden fühlt sich von der Unfallversicherung und bis hinauf zum Bundesgericht alleine gelassen. Er sei nicht der Einzige, sagt die Gewerkschaft. Verunfallte blieben oft gleich mehrfach hängen.
Franziska Herger
Das Hauptgebäude der Suva in Luzern (über dem Hotel Schweizerhof). (Bild: Eveline Beerkircher)

Das Hauptgebäude der Suva in Luzern (über dem Hotel Schweizerhof). (Bild: Eveline Beerkircher)

Er sei voll arbeitsfähig, könne gar einen ähnlichen Lohn erzielen wie vor Beginn seiner Beschwerden, und erhalte daher keine Rente von der Suva: Das ist, in Kurzform die Antwort des Bundesgerichts auf die Beschwerde eines lokalen Forstwarts, der 2002 bei der Arbeit von einem fallenden Baum getroffen und mehrfach verletzt wurde (wir berichteten). Ein schwerer Dämpfer für den Mann, genannt A., der anonym bleiben möchte. «Wieder nichts», sagt er gegenüber unserer Zeitung. «Milzriss, gebrochene Rippen, ein Loch in der Lunge, Schädel-Hirn-Trauma, mein Leben lang Schmerzen, und es gibt einfach nichts. Ich fühle mich hilflos und alleine gelassen.» A. hatte auf eine kleinere Rente gehofft, möchte daneben wieder arbeiten. Zu behaupten, er könne ein ähnliches Gehalt erreichen wie vor der Eskalation seiner unfallbedingten Schmerzen zwischen 2014 und 2016, sei «ein völliger Witz. Die Privatwirtschaft akzeptiert Arbeitnehmer mit Beeinträchtigungen wie mich nicht, wir sind ein Risikofaktor.» Mehr möchte A. nicht sagen. Doch er erhält Rückendeckung von Urs Gander, Regionalsekretär Ob- und Nidwalden der Gewerkschaft Syna, der den Fall von A. begleitet hat: «Das Urteil ist extrem stossend für uns.» Und kein Einzelfall, so Gander. «Es wird bei der Berechnung einer etwaigen Rente auf Vergleichstätigkeiten abgestellt, die es auf dem Markt so oft gar nicht gibt.»

Kleine Renten könnten die Marktfähigkeit steigern

Die Arbeitgeber wollten gesunde Leute, sagt auch Carlos Canosa, der bei der Syna Arbeitnehmer mit Migrationshintergrund betreut. «Der Druck ist enorm. Ich kenne einen Fall eines früheren Bauarbeiters aus der Region, der mit seiner Schulterprothese in einer Fabrik arbeiten könnte. Doch wird er gefragt, warum er nicht mehr auf dem Bau arbeite und erwähnt seinen Unfall, erhält er nur noch Absagen.»

Kleinere Invalidenrenten könnten Arbeitnehmer und -geber entlasten, erklärt Corinne Bachmann, Leiterin des Rechtsdienstes der Syna. «Die Rente kann mit dem Lohn koordiniert werden, sodass der Angestellte seine Beeinträchtigungen etwa durch mehr Pausen oder etwas langsameres Arbeiten ausgleichen kann und der Arbeitgeber ein kleineres finanzielles Risiko trägt.» Doch an kleinere Renten zu kommen «ist unserer Erfahrung nach in den letzten rund fünf Jahren mit dem zunehmenden Spardruck immer schwieriger geworden», so Bachmann.

Häufig werde eine Integritätsentschädigung, also eine Art Schmerzensgeld für den Unfall, bezahlt, «aber Renten versucht man inzwischen zu verhindern». Die Rechtsexpertin hält mit ihrer Kritik nicht hinter dem Berg: «Den einfachen Leuten will man vermitteln, sie hätten ja etwas bekommen, damit sei es jetzt gut. Wer sich dann nicht wehrt, hat schon verloren. Es wird darauf spekuliert, dass die Leute, die vom Unfall eh schon geschwächt sind, irgendwann aufgeben.»

Auch bei den Taggeldleistungen der Unfallversicherung sei die Lage ernst, sagt Corinne Bachmann. «Eigentlich müsste jeder Fall einzeln geprüft werden. Aber wir stellen eine zunehmende Katalogisierung fest. Eine Verletzung hat beispielsweise gemäss Durchschnittswerten drei Wochen zu dauern, alles darüber hinaus wird kaum übernommen.»

Sozialhilfe ist für die Betroffenen sehr belastend

Und auch von den Krankenversicherungen würden die Versicherten immer öfter hängen gelassen, ergänzt Urs Gander. Diese sind für Taggelder vorleistungspflichtig, wenn bei einem Vorfall die Zuständigkeit noch nicht geklärt ist. «Statt diese Pflicht wahrzunehmen, schieben sie die Zuständigkeit vermehrt der Suva zu – oder umgekehrt. Dies bedeutet lange Wartezeiten für die Betroffenen.» Er nennt das Beispiel eines Kochs aus der Region mit Rückenverletzung, bei dem die Sozialhilfe einspringen musste. «Das ist für die Betroffenen sehr belastend.»

Ist der Weg durch die Mühlen der Versicherungen also oft aussichtslos? Auf Anfrage unserer Zeitung schreibt die Suva, die Zahl der neuen Renten mit geringem Invaliditätsgrad steige seit 2001 stetig an. Zur Beurteilung des Invalideneinkommens würden Lohndaten aus der Realwirtschaft verwendet. Darüber hinaus gehe man bei der Beurteilung von einem theoretischen Arbeitsmarkt aus. «Diese Vorstellung von einem ausgeglichenen Arbeitsmarkt hängt nicht davon ab, wie der Arbeitsmarkt tatsächlich aussieht.»

Beim Taggeld orientiere man sich an einer Leitlinie der Plattform für Versicherungsmedizin SIM sowie an internen Hilfsmitteln, die etwa Hinweise zur typischen Dauer von Arbeitsunfähigkeiten gäben, so die Suva. So könnten Routinefälle und schwierige Verläufe früh erkannt und bei Bedarf zusätzliche Massnahmen ergriffen werden. Dass Versicherte mit Integritätsentschädigungen abgespeist würden, sei darüber hinaus «spekulativ und unbegründet.»

Der Spardruck soll wieder gesenkt werden

Auch von Seite der Krankentaggeldversicherer wehrt man sich. Zur Vorleistungspflicht sagt etwa die Krankenkasse Helsana, man halte sich an das entsprechende Abkommen: «Wir können nicht für die Branche sprechen. Für uns trifft die Aussage nicht zu.»

Corinne Bachmann von der Syna betont jedoch: «Die einzige Lösung des Problems ist für mich, den Spardruck bei den Versicherungen wieder zu senken. Dann erhalten Leute, die arbeiten könnten, auch wieder eine reellere Chance dazu.»

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.