WAHLEN: Zwei Kernser wollen den Sitz im Ständerat holen

Nach dem Rückzug des SVP-Kandidaten Adrian Halter kommt es im zweiten Wahlgang um den Ständerat zu einem Duell zweier Kernser. Das Volk hat am 15. November die Wahl zwischen Erich Ettlin, CVP, und André Windlin, FDP. Im ersten Wahlgang hatte Ettlin mit 6754 Stimmen den ersten, Windlin mit 4306 den zweiten Platz belegt. Wir stellten ihnen persönliche und politische Fragen, um sie näher kennen zu lernen.

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Erich Ettlin, CVP, Kerns (links) und André Windlin, FDP, Kerns. (Bild: Corinne Glanzmann)

Erich Ettlin, CVP, Kerns (links) und André Windlin, FDP, Kerns. (Bild: Corinne Glanzmann)

Markus von Rotz

Verkehr: Ist es richtig, eine zweite Tunnelröhre am Gotthard zu bauen, und würden Sie sich dafür einsetzen, dass der Volksauftrag umgesetzt wird, dann auch nur eine Röhre zu nutzen, um die Kapazität nicht zu erhöhen?

Erich Ettlin: Die zweite Gotthardröhre soll gebaut werden. Das dient nicht zuletzt auch der erhöhten Sicherheit in Zukunft, da die zwei Strassentunnels je einspurig befahren werden können. Dadurch werden Unfälle wie beim Brand 2001 verhindert, und die Rettungskräfte können schneller und einfacher an Unfallorte im Tunnel gelangen. Die Berücksichtigung des Tessiner Anliegens liegt mir auch am Herzen. Und zum Schluss wird das ja nicht die letzte Sanierung sein. Folglich ist der Bau eines zweiten Tunnels auch nachhaltiger. Ich werde mich dafür einsetzen, dass danach nur eine Röhre für den Verkehr benutzt wird.

André Windlin: Der Gotthard-Strassentunnel muss saniert werden, am sinnvollsten über den Bau einer zweiten Röhre, denn sonst droht uns in 30 bis 40 Jahren die gleiche unbefriedigende Situation wie heute. Das ist die sicherste und finanziell tragbarste Lösung, auch aus Sicht der Zentralschweiz. Auch mit zwei Röhren dürfen beide Tunnel nur einspurig befahren werden. Der Alpenschutzartikel lässt es nicht zu, dass vier Spuren gleichzeitig offen sind. Auch das Bundesgesetz, über welches wir im Februar abstimmen, sieht keine Kapazitätserhöhung vor. Das sind im Schweizer Rechtssystem die höchsten Garantien überhaupt. Mehrverkehr wird es nicht geben, dafür werde ich mich einsetzen.

Verkehr: Der Regierungsrat hat sich gegen einen Kaiserstuhltunnel (A 8) gewehrt. Er hätte lieber zuerst andere, allenfalls günstigere Varianten geprüft. Finden Sie es richtig, dass der Kantonsrat anders entschieden hat und die Kantonskasse nun mit rund 10 Millionen Franken belastet wird?

Erich Ettlin: Ich war, um ehrlich zu sein, kritisch bei diesem Projekt. Nach reiflichen Überlegungen stehe ich aber dahinter und unterstütze den Kaiserstuhltunnel. Vielleicht bin ich auch noch geprägt vom Erdrutsch von 1986, an den ich gleich nach dem Ereignis herangefahren bin. Also, auch hier spielt das Argument der Sicherheit eine wesentliche Rolle.

André Windlin: Die Begründung des Regierungsrats für den Marschhalt, wonach der Kanton Obwalden durch diesen Ausbau zum Transitkanton werden könnte, ist aus meiner Optik nicht nachvollziehbar. Dieser
4 Kilometer lange Abschnitt auf der 94 Kilometer langen A 8 ist dafür nicht entscheidend. Hingegen ist das Kosten-Nutzen-Verhältnis umstritten, insbesondere im Vergleich zu den Umfahrungen Sachseln, Giswil und Lungern. Die kontroverse Debatte im Kantonsrat kann ich nachvollziehen, die Haltung der Mehrheit gilt es jedoch zu respektieren.
 

Ethik: Würden Sie es begrüssen, wenn in der Schweiz die automatische Organspende eingeführt würde – Organe also gespendet werden könnten, wenn es die betreffende Person nicht von sich aus unterbindet (Widerspruchslösung)?

Erich Ettlin: Ich bin gegen die Widerspruchslösung. Selbstverständlich ist es begrüssenswert, wenn wir viele Organspender haben, aber die Organspende soll weiterhin nur vorgenommen werden, wenn es ausdrücklich und nachvollziehbar vom Spender zu Lebzeiten so verfügt wurde (Zustimmungslösung). Die vergleichsweise tiefe Spenderrate in der Schweiz sollte mit verstärkter Information und der Weiterführung des Aktionsplanes des Bundesamtes für Gesundheit erhöht werden.

André Windlin: Wenn ich sterbe, bin ich gerne Organspender. Die Widerspruchslösung bedeutet aber fast ein Automatismus der Organspende – dies ist mir, bei einer derart persönlichen Frage, ein zu grosser Eingriff in die persönliche Freiheit. Ausserdem zeigen Erfahrungen im Ausland, dass die Widerspruchslösung alleine nicht zu höheren Spenderraten führt. Wichtiger ist dafür eine optimale Organisation in den Spitälern. Für mich sind Informations- und Sensibilisierungskampagnen der richtige Weg zur Steigerung von Organspenden.

Energie: Glauben Sie daran, dass die Schweiz den Ausstieg aus der Atomenergie schafft, so wie es der Bundesrat vorsieht, und finden Sie dies auch richtig?

Erich Ettlin: Der Ausstieg aus der Kernenergie muss gelingen. Sie ist nicht nachhaltig, und da der Bau von neuen Atomkraftwerken schon betriebswirtschaftlich keinen Sinn macht, ist der Ausstieg auch gar nicht zu vermeiden. Der Ausstieg und der Ersatz dieser Energie durch erneuerbare, «gute» Energie und Einsparungen beim Energieverbrauch sind im Zeithorizont 2050 möglich, davon bin ich überzeugt. Es braucht das in der Energiestrategie 2050 vorgeschlagene Massnahmenbündel, insbesondere auch das Gebäudeprogramm. Dort liegt ein hohes Sparpotenzial. Daneben müssen die erneuerbaren Energien konsequent gefördert werden. Der Ausstieg muss aber die Bedürfnisse der Wirtschaft immer berücksichtigen. Er bietet aber auch hier grosses Innovationspotenzial, und gerade die Schweizer KMU mit ihrer hohen Innovationsfähigkeit können in neue Märkte einsteigen.

André Windlin: Priorität in dieser Frage hat die Sicherheit der Versorgung, und zwar mit inländisch produzierter Energie. Der Ausstieg aus der Kernenergie macht aus ökologischen wie auch ökonomischen Gründen längerfristig Sinn, neue Kernkraftwerke sind wirtschaftlich nicht interessant. Die Abschaltung der Kernkraftwerke soll in der Abhängigkeit von deren Betriebstauglichkeit und der Ersatzproduktion stehen. Eine zeitlich definierte Abschaltung unterstütze ich nicht. Ich bin überzeugt, dass alternative Produktionsformen den Energiebedarf unserer Gesellschaft zu decken vermögen. Dazu sind aber klar Kompromisse zwischen Landschaftsschutz und dem Bedürfnis inländischer Versorgung nötig. Nebst der Produktionsfrage gilt es, der Energieeffizienz besonderes Augenmerk zu widmen.

Politik: Sollte die Finanzierung von Parteien sowie von Wahl- und Abstimmungskampagnen offengelegt werden müssen, und sagen Sie uns, wie viel Geld Sie für Ihren Wahlkampf ausgeben?

Erich Ettlin: Ich bin gegen eine staatliche Parteienfinanzierung. Dies geht aber nur, wenn die Parteien auf breite Unterstützung zählen können und diese nicht offenlegen müssen. Bei der Finanzierung meines Wahlkampfes ist festzuhalten, dass ich auf eine breite Unterstützung von vielen Sympathisanten zählen darf. Im Gegensatz zu SVP und FDP hat die CVP ein etwa fünfmal geringeres Budget, deshalb schätze ich es, dass mein Wahlkomitee für mich eine engagierte Wahlkampagne führt. Da ich im zweiten Wahlgang stehe, laufen die Kosten, aber auch die Unterstützung weiter. Den genauen Betrag kenne ich deshalb noch nicht, aber es verbleiben für mich vermutlich ungedeckte Kosten von 5000 bis 10 000 Franken.

André Windlin: Die FDP ist gegen die Offenlegung der Parteifinanzierung. Bereits 2011 führte die FDP einen eigenen Kodex ein. Dieser besagt, dass die FDP die Unterstützung pro Gönner auf 1/15 des Jahresbudgets beschränkt. Die FDP will die Namen der Spender aus Diskretionsgründen nicht offenlegen. Dies aus Respekt gegenüber den Gönnern, die selber bestimmen, ob sie die Unterstützung einer Partei offenlegen wollen oder nicht. Auch stärkt das die Unabhängigkeit der Partei. Politikerinnen und Politiker wissen nicht, wer überhaupt Geld spendet. Einzig der Präsident und der Generalsekretär kennen die Zahlen.

Stimmrecht: Würden Sie ein Stimm- und Wahlrecht für Ausländer auf Gemeindeebene befürworten, wenn diese mindestens zehn Jahre in der Schweiz leben?

Erich Ettlin: Nein, das Stimmrecht möchte ich weiterhin an das Staatsbürgerrecht koppeln.

André Windlin: Nein. Nur weil man in der Schweiz lebt, hat man noch nicht automatisch das Recht, mitbestimmen zu können. Um politisch mitbestimmen zu können, muss jemand eine gewisse Zeit in der Schweiz gelebt haben. Dasselbe gilt auch, wenn jemand sich einbürgern lassen will. Massgeblich sind ebenfalls eine gute Integration sowie eine Verbundenheit mit der Schweiz. Der Erhalt des Stimm- und Wahlrechts ist eine Folge der Integration und nicht ein Mittel dazu.

Bildung: Finden Sie es richtig, dass in allen Kantonen in der Primarschule zwei Fremdsprachen unterrichtet werden, und warum?

Erich Ettlin: Ich bin für zwei Fremdsprachen in allen Kantonen in der Primarschule. Die Fremdsprachenkenntnisse sind ein grosser Vorteil der Schweiz, und wir sollten diesen nicht aufgeben. Zudem fördert das Lernen einer zweiten Landessprache den nationalen Zusammenhalt und erleichtert die Mobilität. Englischkenntnisse sind sowieso notwendig und werden von den Kindern auch gerne aufgenommen. Zudem fühlen sich Schweizerinnen und Schweizer in den Fremdsprachen nachweislich kompetenter, je mehr Sprachen sie können und je früher sie diese gelernt haben.

André Windlin: In jungen Jahren lernt man Sprachen einfacher als später im Leben. Das Unterrichten einer zweiten Landessprache stärkt den nationalen Zusammenhalt. Auch Englisch ist mit Blick auf die Bedürfnisse des Arbeitsmarktes von grosser Bedeutung. Man soll damit Schülerinnen und Schüler fördern, nicht überfordern. Bei lernschwachen Schülerinnen oder Schülern müssen daher auch Ausnahmen möglich sein.

Bundesrat: Die Wahlergebnisse vom 18. Oktober sind nun bekannt. Sind Sie der Meinung, die Bundesversammlung soll im Dezember auf jeden Fall zwei SVP-Bundesräte wählen, oder hätten Sie dafür gewisse Bedingungen?

Erich Ettlin: Aufgrund des Wahlerfolges 2015 und des Wähleranteils steht der SVP ein zweiter Bundesratssitz zu. Allerdings kann sie daraus nicht ableiten, dass jeder von der SVP vorgeschlagene Kandidat auch gewählt werden muss. Es ist das Parlament, das wählt und entscheidet. Es braucht zudem Kandidierende, die sich im Kollegium einbringen, nicht die Oppositionsrolle in den Bundesrat hineintragen, sprachgewandt sind (und damit alle Landesteile «abholen» können), Führungserfahrung haben und sich national und international durchsetzen können.

André Windlin: Die FDP ist immer zur Konkordanz gestanden und wird dies weiterhin tun. Gerade in der Krise ist die Stabilität dank der Konkordanz ein Erfolgsfaktor für unser Land. Deshalb plädiert die FDP dafür, an der Konkordanz nicht zu rütteln. Die drei nach Wählerstärke grössten Parteien haben Anrecht auf zwei Sitze im Bundesrat, die viertstärkste auf einen. Als drittstärkste Partei hält die FDP ihren Anspruch auf zwei Bundesratssitze aufrecht. Die FDP stellt an keine der Parteien irgendwelche Bedingungen, ausser dem Respektieren des Kollegialitätsprinzips.

Erich Ettlin

1962, verheiratet, Vater von zwei Kindern (17 und 19 Jahre).

Hobbys: Lesen, Biken, Reisen. Lieblingsort in Obwalden: Melchsee-Frutt. Lieblingsplatz im Kanton: Mülimäs Sachseln. Lieblingsreiseland: Italien. (Politisches) Vorbild: Nelson Mandela. Aktuelle Lektüre auf dem Nachttisch: Ian Morris: «War! What is it good for?». Das verpasse ich im Fernsehen nie: Tagesschau, Fussball-Nati-Spiele und Giacobbo/Müller. Lieblingsfarbe: Blau. Lieblingsessen: Wolfsbarsch in der Salzkruste. Bevorzugtes Getränk: Espresso. Dieser Film beeindruckte mich: «Matrix». Diese Musik höre ich am liebsten: Züri West und das «Requiem» von Verdi. Mein persönliches Motto lautet: Nimm dich selber nicht zu wichtig.

Aktuell Leiter Steuern und Recht und Mitglied der Geschäftsleitung der BDO Schweiz. Der diplomierte Betriebsökonom war von 1996 bis 2001 kantonaler Steuerverwalter in Obwalden. Er gehörte der Umweltschutzkommission der Gemeinde Kerns (1986 bis 2000) und dem Verwaltungsrat der Raiffeisenbank Kerns (1991 bis 1997) sowie bis 2010 der Aufsichtskommission des Kantonsspitals Obwalden an. Aktuell ist er Mitglied der Finanzkommission der Gemeinde Kerns, Verwaltungsrat beim Informatikleistungszentrum Ob-/Nidwalden und Mitglied der kantonalen Steuerrekurskommission.

André Windlin

1968, verheiratet, Vater von vier Kindern (14 bis 20 Jahre).

Hobbys: Bergheuen, Lesen, Skifahren. Lieblingsort in Obwalden: Mein Zuhause. Lieblingsplatz im Kanton: Widderfeldstock. Lieblingsreiseland: Schweiz. (Politisches) Vorbild: Ständerat Hans Hess. Aktuelle Lektüre auf dem Nachttisch: Tobel, Kleine Melchaa, Giswil. Das verpasse ich im Fernsehen nie: Schaue nicht regelmässig TV. Lieblingsfarbe: Blau. Lieblingsessen: Black Angus Entrecôte.
Bevorzugtes Getränk: Schweizer Rotwein. Dieser Film beeindruckte mich: «Nid hei cho» von Thais Odermatt. Diese Musik höre ich am liebsten:  «Das cha nur Liebi si» von Ueli Zahnd, «D s Ällgi» von André von Moos. Mein persönliches Motto lautet: Bleib dir treu.

Baumaschinenführer, Lastwagenchauffeur, landwirtschaftlicher Betriebsleiter und -berater sowie Fachlehrer, Biokontrolleur, eidgenössisch diplomierter Meisterlandwirt (Biobauer). Seit 2008 Gemeinderat und seit 2011 -präsident von Kerns. Vorher fünf Jahre in der Umweltkommission der Gemeinde.