Warum lassen viele das Kantonsspital Obwalden links liegen?

Die Hälfte der stationären Behandlungen von Obwaldnern findet ausserkantonal statt. Hausärzte verweisen auf die freie Spitalwahl.

Franziska Herger
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Das Kantonsspital Obwalden in Sarnen. (Bild: Corinne Glanzann, 20. August 2014)

Das Kantonsspital Obwalden in Sarnen. (Bild: Corinne Glanzann, 20. August 2014)

Das Kantonsspital am Standort Sarnen ist von Volk und Politik gewollt. Das wird von Vertretern Letzterer immer wieder betont, und die 87 Prozent Ja-Stimmen, mit denen das Volk 2012 den Neubau des Bettentrakts angenommen hat, werden als Zeichen seiner Unterstützung gelesen. Doch auf die tatsächliche Nutzung des Spitals scheint sich diese nicht ausreichend auszudehnen.

Rund 48 Prozent, also knapp die Hälfte der stationären Behandlungen, erfolgen nicht in Sarnen, sondern ausserkantonal, wie es im Bericht der Regierung über die Versorgungsstrategie im Akutbereich heisst, der kürzlich im Kantonsrat diskutiert wurde. Dieser basiert auf Zahlen von 2017.

Ein Fünftel gebären auswärts

Ein Teil der ausserkantonalen Behandlungen ist leicht zu erklären: Für Engelberger liegt das Kantonsspital Nidwalden deutlich näher als das Kantonsspital Obwalden. 2017 wurden in Stans 306 Patienten aus Engelberg stationär behandelt. Zudem können einige Leistungsbereiche nur in ausserkantonalen Spitälern erbracht werden. Dazu gehören etwa neurochirurgische Eingriffe sowie Transplantationen und andere Eingriffe der hochspezialisierten Medizin, erläutert Patrick Csomor, Leiter des Obwaldner Gesundheitsamts.

Doch: «Teile der Bevölkerung beziehen regelmässig Leistungen ausserkantonal, die sie im Kantonsspital Obwalden ebenso beziehen könnten», heisst es im Bericht der Regierung. Bei orthopädischen Eingriffen wurden 2017 von 475 Fällen an unteren und oberen Extremitäten (etwa Schulter-, Hüft- und Kniegelenke) 144 ausserkantonal durchgeführt. «Das könnte zum Teil ein Überbleibsel sein aus der Zeit, als Ob- und Nidwalden bei der Orthopädie zusammenarbeiteten», sagt Patrick Csomor:

«Die Obwaldner Patienten sind auch nach der Einstellung der Zusammenarbeit 2014 bei ihrem Arzt geblieben und gehen für diese Eingriffe teilweise weiterhin nach Nidwalden.»

Laut den Auswertungen von 2017 hat das Kantonsspital Obwalden auch im Bereich Urologie Patienten verloren, die in Obwalden behandelt werden könnten. Dies insbesondere an das Kantonsspital Luzern, sagt Spitaldirektor Andreas Gattiker. Und immerhin 20 Prozent von 330 Obwaldner Geburten fanden 2017 ausserkantonal statt, dies ohne Einbezug von Risikoschwangerschaften. «Ein Grund könnte das Geburtshaus in Nidwalden sein», sagt Patrick Csomor. «Diese Alternative zur Spitalgeburt gibt es in Obwalden nicht, und Frauen schätzen sie sehr.»

Bei den Geburten verfüge man aber neu ebenfalls über ein Alleinstellungsmerkmal in der Region, betont Spitaldirektor Andreas Gattiker. «Die hebammengeleitete Geburt, wo der Arzt nur im Notfall dazu gerufen wird, gibt es bisher nur noch in Zürich.» Zusätzlich zur hebammengeleiteten Geburt bekommen alle Mütter ein Einzelzimmer. Diese Kombination ist bisher in der Schweiz einzigartig.»

Belegärzte bringen Patienten mit

Neben den Patienten, die den Kanton zur Behandlung verlassen, gibt es auch solche, die dafür nach Sarnen kommen. Immerhin ein Drittel der im Kantonsspital behandelten Patienten komme von ausserhalb, sagt Andreas Gattiker.

«Grund dafür sind unsere Belegärzte aus Luzern, die ihre Patienten teilweise nach Sarnen mitnehmen.» Und es liessen sich auch nicht überdurchschnittlich viele Obwaldner Patienten ausserkantonal behandeln, sagt Gattiker. «Zieht man Engelberg ab, sind wir im Schnitt gleichauf mit ähnlich grossen Kantonen und Spitälern.» Csomor sieht auch das Positive an den nach Nidwalden und Luzern fliessenden Patientenströmen. «Das zeigt, dass die angepeilte Strategie einer Versorgungsregion mit Luzern und Nidwalden die richtige ist, weil sie offensichtlich bereits heute zum Teil den Bedürfnissen der Bevölkerung entspricht.»

Zuweisungspraxis unter der Lupe

(fhe) Weisen Obwaldner Hausärzte ihre Patienten nicht oft genug dem Obwaldner Kantonsspital zu? Diese Frage wurde in der letzten Kantonsratssitzung laut. «Unsere letztmals 2017 durchgeführte Zuweiserumfrage zeigt, dass die Ärzte grundsätzlich mit unserer Leistung sehr zufrieden sind. Aber seit 2012 gilt die schweizweit freie Spitalwahl für die Patienten», sagt Spitaldirektor Andreas Gattiker.  

«Aufgrund der Kontrolle der Spitalrechnungen nehmen wir wahr, dass Patienten für Leistungen, die in Obwalden erbracht werden könnten, von den Hausärzten nicht konsequent ins Kantonsspital geschickt werden», sagt Patrick Csomor. Die Zuweisungspraxis ist jedoch bisher nie eruiert worden. Mit einer neuen Software wäre das ab Anfang 2020 möglich. «Nun könnten wir unter anderem die Zuweisung statistisch auswerten», meint Csomor. Konkret vorgesehen sei das aber noch nicht. «Die Frage ist: Was machen wir mit den Informationen? Sowohl zuweisende Ärzte wie auch Patienten haben die Wahl.»

Thomas Müller, Präsident des Vereins der Ärzte des Sarneraatals (OW Cura), sagt dazu: «Grundsätzlich stehen wir Ärzte sehr zum Spital. Es hat einen recht guten Ruf.» Er verweist aber ebenfalls auf die freie Spitalwahl. «Der Patient darf sagen, wo er hinmöchte, und viele nehmen dieses Recht auch wahr.»

Für die zuweisenden Ärzte sei es entscheidend, dass die Ärzte am Kantonsspital genügend Routine hätten. «Wir sehen momentan die Tendenz, dass man gerade im Operationsbereich möglichst viele verschiedene Eingriffe anbieten will, um als Spital mithalten zu können, selbst wenn diese nicht kostendeckend sind», sagt Thomas Müller. «Wenn aber ein Arzt einen Eingriff nur selten durchführt, ist es klar, dass wir im Interesse des Patienten diesen in ein anderes Spital schicken.» Einer Auswertung der Zuweisungspraxis steht er kritisch gegenüber. «Einen Pranger würden wir nicht schätzen. Es braucht die Freiheit in der Zuweisung.»