Weisch nu?
Die Pilatus-Steinböcke erhielten vor zehn Jahren Zuzüger aus dem Wallis

Die Pilatus-Kolonie wuchs im April 2011 um zehn Steinböcke an. Die Blutauffrischung war nötig wegen der genetischen Vielfalt. Den Wallisern gefällt's in der Innerschweiz.

Matthias Piazza
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Die Spannung bei den rund 40 Männern steigt ins Unerträgliche, als ein Viehtransporter auf der Alp Sagenboden unterhalb der Fräkmüntegg am Pilatus vorfährt. Direkt aus einem Stall in Saas-Grund bringen Nidwaldner Wildhüter zehn Steinböcke, die am Pilatus ihre neue Heimat finden werden. Ohne langes Lamentieren öffnen die Männer die Heckklappe des Anhängers. Sekunden verstreichen. Stille. Nun geht's blitzschnell: Das erste Tier schiesst aus dem Wagen, dann das zweite und schliesslich die restlichen. Keine Minute vergeht, bis sämtliche Tiere – fünf Böcke und fünf Geissen – über alle Berge beziehungsweise in Richtung Alp Gschwend verschwunden sind.

Einer der Böcke rennt in die wiedergewonnene Freiheit auf der Alp Sagenboden unterhalb der Fräkmüntegg.

Einer der Böcke rennt in die wiedergewonnene Freiheit auf der Alp Sagenboden unterhalb der Fräkmüntegg.

Bild: Boris Bürgisser (15. April 2011)

Auf den Monat genau zehn Jahre ist diese letzte Steinbock-Aussetzung am Pilatus her. Damit sollte die schon aus 130 Tieren bestehende Kolonie am Pilatus genetisch gestärkt werden. Denn die Tiere leben mehr oder weniger isoliert in Kolonien auf geografisch abgegrenzten Gebirgsstöcken. Auf natürlichem Weg wäre der Austausch mit der nächstgelegenen Kolonie am Brienzer Rothorn zu gering, um langfristig eine gesunde und kräftige Population gewährleisten zu können. Die Gefahr von Inzucht würde steigen. Die Walliser Kolonie war für das Vorhaben am geeignetsten, weil sie genetisch von ihren Artgenossen am Pilatus am weitesten entfernt ist.

Die Walliser haben sich gut in der Innerschweiz integriert

Der Obwaldner Jagdverwalter Cyrill Kesseli.

Der Obwaldner Jagdverwalter Cyrill Kesseli.

Bild: PD (28. März 2021)

Der kantonale Jagdverwalter Obwaldens, Cyrill Kesseli, zieht nach zehn Jahren eine positive Bilanz. «Die Steinbockpopulation am Pilatus ist derzeit gesund und hält sich stabil auf hohem Niveau. Die Walliser Tiere fühlen sich wohl, sie haben sich gut in den Bestand integriert.»

Damit die Population nicht zu gross wird, werden vereinzelt auch Tiere entnommen. Denn die Lebensraumkapazität am Pilatus ist begrenzt. «Durch die angepasste Bestandesdichte nimmt die Gefahr von Krankheiten ab und der Lebensraum wird nicht übernutzt, sodass den Tieren zu jeder Jahreszeit die notwendigen Ressourcen zur Verfügung stehen», begründet Cyrill Kesseli die auf den ersten Blick widersprüchliche Massnahme. «Selbstverständlich verschonen wir die aus dem Wallis ausgewilderten Tiere, die mit Ohrmarken gekennzeichnet sind, um die Blutauffrischung nicht zu gefährden.»

1961 kamen die ersten Steinböcke auf den Pilatus

Das Steinbock-Abenteuer am Pilatus begann vor 60 Jahren. Im Mai 1961 wurden drei Böcke und drei Geissen aus der Kolonie Piz Albris in Graubünden im Gebiet Mattalp ausgesetzt. In den folgenden Jahren bis 1969 wurden noch weitere 13 Steinböcke aus derselben Bündner Kolonie am Pilatus freigelassen. «Die Wiederansiedlung am Pilatus fand eine breite Unterstützung in der Bevölkerung, nicht zuletzt natürlich auch, weil die Tiere für den Tourismus am Pilatus wichtig sind», so Cyrill Kesseli. Die Pilatusbahnen haben jeweils auch die Aussetzungen finanziert.

Steinböcke auf dem Matthorn vis-à-vis dem Pilatus. Am linken Bildrand ist der «Esel» zu sehen.

Steinböcke auf dem Matthorn vis-à-vis dem Pilatus. Am linken Bildrand ist der «Esel» zu sehen.

Bild: PD

Der Steinbock war ursprünglich im gesamten Alpenraum heimisch, wurde aber bis ins 18. Jahrhundert fast vollständig ausgerottet. Einzig im königlichen Jagdrevier im Aostatal überlebte eine Kolonie von rund 100 Tieren. Die heutigen Bestände gehen alle zurück auf diesen Restbestand an Tieren. Ab 1920 wurden wieder erfolgreich Tiere ausgewildert – zuerst in Graubünden, später auch in anderen Gebieten der Schweiz. Dies mit der Absicht, das Überleben der Art zu sichern und den Tieren ihren angestammten Platz in der Natur zurückzugeben.

Auch das machte im April 2011 Schlagzeilen

Jetzt schaut der «Jodlerbiob durs Tääli»

Nun steht der «Jodlerbiob» oberhalb von Giswil und blickt still ins Tal. Im Beisein der Familie Rymann und Vertretern der Gemeinde wird mit der Montage der Statue gleichzeitig der zweite Teil des Schacherseppli-Erlebniswegs eröffnet. Während das erste, kürzere Teilstück dem «Schacherseppli» gewidmet ist, wird der zweite, zehn Kilometer lange Rundweg zum Andenken an den Jodler, Wildhüter und Naturfreund Ruedi Rymann erstellt, der 2008 verstarb.

Natur und Umwelt Ob- und Nidwalden wird 20-jährig

Das ökologische Verhalten, die Umweltverantwortung und die Naturverbundenheit fördern – das hat sich der Verein Natur und Umwelt Ob- und Nidwalden zum Ziel gesetzt. Events, verschiedene Kurse, ein Naturerlebnisprogramm unter dem Namen Naturiamo oder auch Konzeptanlässe in Zusammenarbeit mit den Umweltämtern von Ob- und Nidwalden und der Gemeinden gehören zum Tätigkeitsbereich des Vereins. Im April 2011 feiert dieser im Stanser Chäslager seinen 20. Geburtstag.

Das Warten auf die Badi hat ein Ende

Ein Trümmerfeld war das Sarner Lido im August 2005, nach dem grossen Hochwasser. Ein ganz anderes Bild präsentiert sich im April 2011 an der gleichen Stelle. Nach sechsjähriger Bauzeit nehmen Tausende Besucher den neuen Seefeld-Park in Beschlag. 25 Millionen Franken hat die Anlage gekostet, allein 10 Millionen der Hauptbau mit dem 25-Meter-Becken. (map)

Und deshalb, weil alle Schweizer Steinböcke gemeinsame Vorfahren im Aostatal haben, sind die Themen Blutauffrischung und genetische Durchmischung nie abgeschlossen. Zudem sind die Walliser Zuzüger von 2011 mittlerweile ins Alter gekommen oder bereits gestorben. Steinböcke leben in freier Wildbahn in der Regel nicht länger als 14 Jahre, die Steingeissen, also die Weibchen, etwas länger. Genetische Untersuchungen seien am Laufen, die Resultate noch ausstehend. Darum könne man jetzt auch noch nicht sagen, ob und wann weitere Aussetzungen am Pilatus geplant seien, sagt Cyrill Kesseli dazu.