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Weniger Dummheit, mehr Ranft

Romano Cuonz, Sarnen

Szenische Lesung Mitten im Kreis der ehrwürdigen Geistlichkeit, hochrangiger Politiker und zahlloser anderer namhafter Gäste erhebt sich einer. Ein blaues Veston trägt er, dazu ein rosa Hemd, aber – als wohl Einziger in dieser illustren Runde – keine Krawatte! Nun ja: Ein bisschen schräg ist sein Auftritt schon. Wie er da einfach ins sonst so feierlich, ernsthafte Bild des Staatsaktes hineinplatzt. Am Ohr ein Handy, in der freien Hand Papiere, mit denen er wild gestikuliert. Ist offensichtlich ein bisschen gehetzt, der Mann. Und genervt. Dass ihn seine studierte Tochter ausgerechnet jetzt anrufen muss! Jetzt, wo er doch an der öffentlichen Veranstaltung mit viel Volk und Behördenmitgliedern aus der ganzen Schweiz auftreten soll.

Seien wir ehrlich: Ganz so unbekannt ist dieser Mann, der jetzt ans Rednerpult geht, hierzulande nicht. Im Gegenteil: Der Name dieses Schauspielers ist mittlerweile gar weit über die Grenzen hinaus bekannt. Obwaldner aber sagen noch immer voll Stolz: «Isch ysärä äinä, der Hanspeter Müller-Drossaart!» Inzwischen ist er am Rednerpult. «Ich muess jetzt herä», beschwört er seine Tochter. Eins übers andere Mal. Er müsse als Schreiber für Politiker – die ja selber meist nicht schreiben könnten – heikle Briefe verfassen. Ganz besonders diesmal, wo er sich quasi in die Rolle des «Schibelacher Glais», besser bekannt als Bruder Klaus, einfühlen solle. In einen Einsiedler, der vor 600 Jahren zur Welt gekommen sei und später Briefe an Politiker geschrieben habe. All dies, obwohl auch er gar nicht habe schreiben können.

«Ich habe sogleich zugesagt, als die Obwaldner mich für dieses szenische Spiel anfragten», sagt Hanspeter Müller-Drossaart. Erstmals sei er Bruder Klaus und seinem Gebet «Mein Herr und mein Gott, nimm alles von mir ...» als Ministrant begegnet. «Dass dieser Herrgott, der immer so ein Guter ist, mich von mir wegnehmen sollte, war für mich unverständlich. Ja, ich stürzte in meine erste Lebenskrise. Sah vor mir weisse Kindersärge, die man in den Boden versenkt.»

Wenn der Vater seine Familie verlassen hätte

Einige Fragen sind Müller-Drossaart bis in die Gegenwart geblieben. Jedenfalls befasst sich der Schauspieler und Autor in seinem Gedichtband «Zittrigi Fäkke» gleich zweimal mit Bruder Klaus. Im Gedicht «Gebät» gibt er Zweifeln eine Stimme: «Wenn s dich gid, leer mi zfriede sii, mid däm wo isch, laa mi ganz la sii, mid all miine bizze, bliib i dr neechi, wenns dich gid.» Unter dem Titel «Brueder Chlais» versucht er sich vorzustellen, wie sein Befinden gewesen wäre, wenn sein Vater die Familie verlassen hätte: «oni vatter, ä chratte voll fraage, und käi andwoord mee, usser ich mues – ich stell mer s vor.»

Und wie hat es der bekannte Schauspieler mit der Religion? Müller-Drossaart überlegt. Sagt dann: «Wie Literatur und Kunst können auch Glaube und Religion uns daran erinnern, wo wir herkommen und wo wir hingehören. Wir fragen uns da, welches unsere Quellen sind und was unser Menschsein ausmacht.»

Gute Idee der studierten Tochter

Zurück zu Hanspeter Müller-Drossaarts Auftritt beim Obwaldner Staatsakt. Als Ghostwriter – oder bescheidener ausgedrückt als Sachbearbeiter – quält er sich fürchterlich vor dem köstlich amüsierten Publikum. Mit dem Briefwechsel zwischen Bruder Klaus und den Bernern. Und natürlich immer auch mit den heutigen Politikern, denen er eine Antwort auf die Antwort von Bruder Klaus schicken soll. Obwohl die ja längst nicht mehr zuhören können.

Noch hat er nicht einmal angefangen, da meldet sich seine studierte Tochter abermals via Handy. Sie habe inzwischen ausgiebig recherchiert, berichtet sie, und rate ihrem Vater zu einer Twitterbotschaft mit nur 140 Zeichen. «Weniger schnore, meh säge!» lautet ihre Devise. Und diese wird dann tatsächlich zur Quintessenz des Szenenspiels: «Weniger ist mehr! Weniger essen, weniger Ressourcen verbrauchen, weniger Krieg, weniger Egoismus, weniger Dummheit. Mehr Geist! Mehr Ranft!»

Romano Cuonz, Sarnen

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