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Wer ist schuld am Tod von Winnetou in Engelberg?

Viel Herzblut haben sie investiert – zurück bleiben unbezahlte Rechnungen. Der Unmut der Beteiligten der Engelberger Karl May Freilichtspiele ist nach dem Konkurs der Betreiberfirma gross. Es hagelt Vorwürfe, vor allem gegen Geschäftsführer Tom Volkers.
Philipp Unterschütz
Da kann auch Old Shatterhand (rechts) nicht helfen: Winnetou (Tom Volkers, links) steht am Marterpfahl der Kritik. (Bild: Keystone/Alexandra Way, Engelberg, 4. Juli 2019)

Da kann auch Old Shatterhand (rechts) nicht helfen: Winnetou (Tom Volkers, links) steht am Marterpfahl der Kritik. (Bild: Keystone/Alexandra Way, Engelberg, 4. Juli 2019)

Mit den Karl May Freilichtspielen ging es von Anfang an nur bergab. Sorgten im ersten Jahr noch 24'000 Besucher für eine ausgeglichene Rechnung, resultierte schon im zweiten Jahr mit 19'000 Zuschauern ein grosser Fehlbetrag, der zu einer neuen Betreibergesellschaft führte (siehe Kasten am Schluss). Dieses Jahr kollabierte das Projekt vollends, nachdem nur noch 14'000 Personen Winnetou in Engelberg sehen wollten. Mit dem Konkurs der Betreibergesellschaft 42 Capital Group GmbH resultieren bei etlichen Beteiligten erhebliche Verluste.

Sie erheben nun schwere Vorwürfe wegen Missmanagement. Insbesondere stören sie sich daran, dass die Leute, welche die Freilichtspiele an die Wand gefahren hätten, bereits Gespräche ankündigten für eine Fortsetzung. Die Geschädigten sagen, es gehe nicht darum, schmutzige Wäsche zu waschen, sondern darum, dass den Verantwortlichen nicht «wieder andere Leute auf den Leim gehen». Gescheitert sind die Freilichtspiele in ihren Augen «an der absoluten Ahnungslosigkeit und Inkompetenz, an Überheblichkeit und der Ignoranz, sich von Aussenstehenden nichts sagen zu lassen», wie einer von ihnen schreibt. Zielscheibe der Kritik ist primär Winnetou Tom Volkers. «Er ist der Theaterleiter, Unternehmer und alleinige Geschäftsführer», sagt Regisseur Jean Grädel.

Mehrere fünfstellige Beträge sind noch offen

Die Kritiker erwähnen auch frühere Produktionen in Deutschland, an denen Volkers beteiligt gewesen sei und die gescheitert seien. So spielte er in Waldenburg 2000/2001 und in Hohenstein-Ernstthal 2004/2006 den Winnetou. An beiden Orten wurde Insolvenz angemeldet. Schlecht kommt bei den Gläubigern an, dass sich Volkers als Opfer sehe. So heisst es im Gläubigerbrief, dass insbesondere er als Geschäftsführer einen massgeblichen Verlust zu tragen habe, «obwohl er sich Tag und Nacht und unter Einsatz seiner Gesundheit für die Freilichtspiele eingesetzt hat». Die Beteiligten wünschen sich etwas anderes:

«Ein Geschäftsführer sollte ein Geschäft auch führen können, und wenn ihm das nicht gelingt, steht er in der Verantwortung.»

Die Liste derer, die nach dem Konkurs teilweise erhebliche Verluste tragen, ist lang. Einer der Hauptgeschädigten ist der Engelberger Unternehmer Beppi Niederberger, der mit seiner Elektro + Multimedia GmbH bei allen drei Freilichtspielen für die komplette Technik verantwortlich war. Rund 80'000 Franken Schulden haben die beiden GmbHs von Tom Volkers, Martin Hütte und Florian Niffeler bei ihm. Mitgemacht hat er im dritten Jahr, wie auch andere, nur aufgrund der versprochenen Rückzahlungen der Western Open Air & Theater GmbH, «weil dies die einzige Möglichkeit war, um überhaupt eine Chance zu haben, jemals wieder zu unserem Geld zu kommen». Aus dem gleichen Grund blieb auch Kulissenbauer Billy Schwyzer aus Ebikon an Bord. Mehrere tausend Franken Guthaben von den beiden Firmen stehen nun bei ihm aus. Nicht bezahlt worden seien die Einrichtungen der Westernstadt im Cateringbereich.

Wer bezahlt den Rückbau des Spielgeländes?

Grosse Ausstände von rund 25'000 Franken bestehen auch bei der Engelberger Hurschler Transport AG. Weil sie im dritten Jahr aber nur noch gegen Vorauskasse arbeitete, konnte immerhin der Schaden aus dem letzten Spieljahr eher klein gehalten werden. Auf ausstehenden Pachtzinsen sitzt offenbar Bernadette Feierabend, die Besitzerin des Grundstücks, auf dem die Freilichtbühne gestaltet wurde. Sie will sich zum jetzigen Zeitpunkt nicht äussern. Ihr könnte noch weiteres Unheil drohen. Zur Bewilligung für die Bühne, welche die Gemeinde an die Western Open Air & Theater GmbH vergab, gehören auch Rückbau und Wiederherstellung des Geländes.

Die «Blutsbrüder» Richard Bucher (Old Shatterhand, links) und Tom Volkers (Winnetou) bei der Anprobe. (Bild: Philipp Schmidli, Ebikon, 21. März 2019)Die «Blutsbrüder» Richard Bucher (Old Shatterhand, links) und Tom Volkers (Winnetou) bei der Anprobe. (Bild: Philipp Schmidli, Ebikon, 21. März 2019)
Die Schauspieler posieren nach der Pressekonferenz in der Lagerhalle von Kulissenbauer Bill Schwyzer zu den Karl May Freilichtspielen vom kommenden Sommer in Engelberg. (Bild: Philipp Schmidli, Ebikon, 21. März 2019)Die Schauspieler posieren nach der Pressekonferenz in der Lagerhalle von Kulissenbauer Bill Schwyzer zu den Karl May Freilichtspielen vom kommenden Sommer in Engelberg. (Bild: Philipp Schmidli, Ebikon, 21. März 2019)
Bühnenbauer Bill Schwyzer (links) und Regisseur Jean Grädel im Gespräch. (Bild: Philipp Schmidli, Ebikon, 21. März 2019)Bühnenbauer Bill Schwyzer (links) und Regisseur Jean Grädel im Gespräch. (Bild: Philipp Schmidli, Ebikon, 21. März 2019)
Regisseur Jean Grädel (vorne) mit dem Ölprinzen Philipp Lüscher (links), Winnetou Tom Volkers (3. von rechts) und einem Teil der Schauspieler nach der Pressekonferenz. (Bild: Philipp Schmidli, Ebikon, 21. März 2019)Regisseur Jean Grädel (vorne) mit dem Ölprinzen Philipp Lüscher (links), Winnetou Tom Volkers (3. von rechts) und einem Teil der Schauspieler nach der Pressekonferenz. (Bild: Philipp Schmidli, Ebikon, 21. März 2019)
Der Ort der Pressekonferenz ist mit zahlreichen Utensilien im Westernstil ausgestattet. (Bild: Philipp Schmidli, Ebikon, 21. März 2019)Der Ort der Pressekonferenz ist mit zahlreichen Utensilien im Westernstil ausgestattet. (Bild: Philipp Schmidli, Ebikon, 21. März 2019)
Hütet euch! Im Wilden Westen wird auch scharf geschossen. (Bild: Philipp Schmidli, Ebikon, 21. März 2019)Hütet euch! Im Wilden Westen wird auch scharf geschossen. (Bild: Philipp Schmidli, Ebikon, 21. März 2019)
Kostümprobe nach der Pressekonferenz: Christoph Wettstein kleidet sich mit einem Pelz. (Bild: Philipp Schmidli, Ebikon, 21. März 2019)Kostümprobe nach der Pressekonferenz: Christoph Wettstein kleidet sich mit einem Pelz. (Bild: Philipp Schmidli, Ebikon, 21. März 2019)
Passt: Tom Volkers (Winnetou) posiert mit seiner Jacke. (Bild: Philipp Schmidli, Ebikon, 21. März 2019)Passt: Tom Volkers (Winnetou) posiert mit seiner Jacke. (Bild: Philipp Schmidli, Ebikon, 21. März 2019)
Revolver dürfen bei der Präsentation eines Westerns beim Waffenschmied nicht fehlen. (Bild: Philipp Schmidli, Ebikon, 21. März 2019)Revolver dürfen bei der Präsentation eines Westerns beim Waffenschmied nicht fehlen. (Bild: Philipp Schmidli, Ebikon, 21. März 2019)
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Winnetou, sein Blutsbruder und der Ölprinz sind bereit für Engelberg

Kommt die Firma dieser Pflicht nicht nach und zahlt auch dann nicht, wenn die Gemeinde diese Arbeiten macht, «bedeutet dies, dass laut Baugesetz auch der Grundeigentümer in die Pflicht genommen wird», schreibt Bendicht Oggier, Geschäftsführer von Engelberg auf Anfrage. Man sei mit der Eigentümerin im Gespräch. Die Gemeinde habe ansonsten keine offenen Forderungen an die beiden GmbHs. Wie die konkursite 42 Capital Group in ihrer Medienmitteilung schrieb, seien Schauspieler-Gagen und Sozialleistungen bezahlt worden. Auch diese Aussage wird scharf kritisiert. David Matthäus Zurbuchen (er spielte Sam Hawkens), der sein Salär erhalten hat, erzählt, dass im dritten Jahr mit dem Auftreten der 42 Capital Group plötzlich versucht wurde, die Schauspieler als Selbstständigerwerbende anzustellen, statt die Schweizerischen Standard-Anstellungsverträge zu verwenden. «Ohne dass die GmbH Sozialabgaben bezahlen muss, ohne die Teilnehmer versichern zu müssen und ohne dass diese Mitarbeiter bei eventueller Arbeitslosigkeit diese Arbeit beim RAV angeben können.» Die meisten gingen offenbar den Vertrag ein und erklärten sich auch mit einer Klausel einverstanden, wonach sie bei Misserfolg des Stücks nur 75 Prozent der Gage erhalten, was dann auch eintraf.

«Illegal ist das nicht, aber unmoralisch auf alle Fälle.»

Pferdelieferant gerät in existenzielle Nöte

Regisseur Jean Grädel. (Bild: Romano Cuonz, Engelberg, 12.Juni 2019)

Regisseur Jean Grädel. (Bild: Romano Cuonz, Engelberg, 12.Juni 2019)

Regisseur Jean Grädel, der beste Kritiken für die Inszenierung erhielt, bekam 2018 noch das volle Honorar, 2019 waren es gerade mal 30 Prozent. Das Missmanagement sei immer wieder an ihm als Regisseur hängen geblieben:

«Ich musste permanent schimpfen, ausgleichen, organisieren. Insgesamt eine der mühsamsten und kräfteraubendsten Regiearbeiten in meiner Laufbahn.»

Es sei enttäuschend gewesen, wie die Theaterleitung die anfänglichen Sympathien der Bevölkerung verspielt habe. Es hätten deshalb schon 2018 freiwillige Mitarbeiter und Komparsen gefehlt, sagt Regisseur Grädel. Gar in existenzielle Nöte gerät Lajos Dren, der mit seinem Sohn Lazi zehn Pferde stellte und betreute und im Stück als Stuntman dabei war. Dafür waren 35000 Franken abgemacht, nur 15000 seien bezahlt worden. Vor zwei Jahren hat Dren für Winnetou fünf zusätzliche Pferde gekauft, die er nun unterhalten muss. «Meine Existenz hängt von diesem Gehalt ab, es ist der grösste Teil meines Jahreseinkommens», sagt er.

Ebenfalls für die Pferde zuständig war der Engelberger Beat Musfeld. Er vermittelte 2019 weitere sechs Freiberger-Pferde. Sein Schaden ist relativ gering (er bleibt «nur» auf nicht bezahltem Futter und Unterhaltskosten für die Freiberger sitzen), weil er zweimal ultimativ die ausstehenden Zahlungen forderte, ansonsten die Pferde nicht auf die Bühne gekommen wären. Auch für ihn gibt es nur Tom Volkers als Verantwortlichen: «Es landete alles bei ihm. Er wusste immer von nichts und versteckte sich hinter seiner Künstlerrolle – dann kam die Eigeninitiative der OK-Mitglieder, die das Manko irgendwie überdeckten und weiter arbeiteten. Das Management war sehr unprofessionell.»

Die meisten Beteiligten, die mit grossem Einsatz und viel Herzblut mitmachten, sind bitter enttäuscht vom Ende der Freilichtspiele. Und sie meinen, dass es nicht hätte sein müssen. So schreibt Beppi Niederberger: «Ich war und bin immer noch davon überzeugt, dass mit anderen Personen mit unternehmerischem Geschick und Weitsicht die Freilichtspiele auch in Zukunft weiterhin stattfinden würden.»

Nach zwei Jahren und Schulden kommt eine neue GmbH – und geht Konkurs

(unp) Die ersten beiden Ausgaben der Karl May Freilichtspiele wurden von der Western Open Air & Theater GmbH in Küssnacht betrieben. Gesellschafter waren und sind bis heute Tom Volkers, (bürgerlich Volker Thomas Schulze) und Florian Niffeler, der frühere Marketing- und Pressechef der Freilichtspiele. Die GmbH ist nach wie vor im Handelsregister eingetragen. Auf sie laufen die Pachtverträge für das Gelände der Freilichtbühne und die Baubewilligungen der Gemeinde.
Nachdem seit der zweiten Spielzeit erhebliche Schulden auf dieser GmbH lasteten, wurde den Gläubigern mit einem Schreiben von Volkers und Niffeler am 12. Oktober 2018 ein Raten-Rückzahlplan zur Unterschrift vorgelegt, um Inkassomassnahmen zu verhindern. Zudem lag dem Schreiben eine Absichtserklärung eines neuen
Investors bei. Daraus wurde nichts, ebenso wie aus den abgemachten Rückzahlungen.

Für die dritte Saison tauchte dann die 42 Capital Group GmbH in Cham auf. Die Firma entstand im Januar 2018 aus einer 2013 gegründeten GmbH, die mehrmals Namen und Sitz änderte. Einziger Gesellschafter blieb bis am Schluss der Küssnachter Anwalt Martin Hütte. Im April 2019 vermeldete das Handelsregisteramt Zug Volker Thomas Schulze als neuen Geschäftsführer, während Hütte als Geschäftsführer ausschied. In einem nicht namentlich unterzeichneten Schreiben teilte die 42 Capital Group am 30. September ihren Gläubigern mit, dass «der Gesellschafter» beschlossen habe, die Insolvenz in die Wege zuleiten.
Das Konkursamt Zug schrieb auf Anfrage, dass bereits am 23. September der Konkurs eröffnet worden sei. «Das Konkursamt steht noch am Anfang der Abklärungen. Ein allfälliger Schuldenruf oder eine allfällige Konkurseinstellung wurden noch nicht publiziert», schreibt Bernhard Häusler, stellvertretender Amtsleiter.

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