Wie die Geistlichen in Engelberg den Tod begleiteten

Das 39. Heft der Engelberger Dokumente beleuchtet Themen rund um die Aussenwahrnehmung des Klosters. Unter anderem beschreibt es, wie die Pfarrer mit dem Tod der Talleute umgingen.

Florian Pfister
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Eine Aussensicht des Klosters Engelberg, wie sie auch Thema der neuen Engelberger Dokumente ist.

Eine Aussensicht des Klosters Engelberg, wie sie auch Thema der neuen Engelberger Dokumente ist. 

Bild: Beat Christen (19. März 2020)

«Du kannst nichts als herumlaufen, fulentzen und saufen, mach dich fort, komm mir nit mehr under die Augen.» Diese Worte hatte der jähzornige Vater des zehnjährigen Eugen Waser im Jahre 1741 seinem Sohn an den Kopf geworfen. Missmutig hatte Eugen geantwortet, er wolle verschwinden, sodass seine Eltern ihn nicht mehr sähen. Einige Zeit später wurde er ertrunken in der Aa gefunden.

Es ist nur eine von vielen Geschichten, die in den zwischen 1728 und 1754 sehr umfangreichen Sterbeeinträgen des Klosters Engelberg niedergeschrieben sind. Der Historiker Nicolas Disch beschreibt in einem der sieben aufgearbeiteten Themen des neuen Engelberger Dokuments, wie die Sterbebücher geführt wurden. Auch der Rechtshistoriker Mike Bacher, unter dessen Leitung das Werk entstand, ist einer der sieben Autoren. «Am Beitrag von Nicolas Disch hat mich berührt, wie in diesen harten Zeiten mit dem Tod umgegangen wurde», sagt er.

Das 39. Heft der Engelberger Dokumente «Ein Kloster im Visier» beleuchtet in verschiedenen Themen die Aussensicht auf das Kloster Engelberg. «Grosse Teile der Talgeschichten sind aus Sicht des Klosters niedergeschrieben worden. Uns interessierte, wie die Bevölkerung das Kloster sah», sagt Mike Bacher.Das Jubiläum 900 Jahre Kloster Engelberg war eine perfekte Gelegenheit, nachzuforschen.

Pfarrer als letzter Weggefährte

Selten waren die Geistlichen und das Talvolk so im Einklang wie im Tode. Denn die Pfarrer aus dem Kloster Engelberg zeigten grosses Mitgefühl und sorgten sich um die Talleute. Wenn der Tod unabdingbar war, begleiteten sie die Sterbenden, um bei deren Ableben dabei zu sein. Die Geistlichen hielten Nachtwachen oder lösten sich gegenseitig an den Sterbebetten ab.

«Oft geht man davon aus, dass der Bezug zum Tod wegen der hohen Sterblichkeitsraten ein anderer war», sagt Mike Bacher. Die Sterbeeinträge bestätigen diese Mutmassung nicht. Pfarrer schrieben in bis zu zwei Buchseiten langen Texten über das Leben und die Eigenschaften der verstorbenen Person. Trotz der hohen Kindersterblichkeit verfassten sie auch für Kinder ebenso sorgfältige Einträge wie für andere Verstorbene. «Man glaubt die Worte herauszuhören, mit denen die Pfarrer die trauernden Eltern trösteten», schreibt Nicolas Disch.

Sterbeeinträge dienten als Trauerverarbeitung

«Die Pfarrer haben mitgelitten», stellt Mike Bacher fest. Somit waren die niedergeschriebenen Zeilen im Sterbebuch zugleich auch eine Trauerverarbeitung der Pfarrer, denen die Geschichten und der Tod der Talleute nah ging. «Angesichts des Todes begegneten sich Pfarrer und sterbende Talleute auf gleicher Augenhöhe, mitsamt ihren Fragen, Ängsten und Hoffnungen», schreibt Nicolas Disch.

Das Heft «Ein Kloster im Visier» kann beim Sekretariat der Kulturkommission, Telefon 041 639 52 46 oder auf der Website der Einwohnergemeinde Engelberg bezogen werden. Ebenfalls kann es im Talmuseum sowie bei der Roastery-Buchhandlung bestellt werden.

Das ist das neue Engelberger Dokument

Heft 39 der Engelberger Dokumente ist dem Benediktinerkloster Engelberg gewidmet. Ist doch Pater Georg Dufner der Vater dieser beliebten Dokumentenreihe. 1975 mit «Spielendes und tanzendes Engelberg» aus Anlass der Fernsehsendung «Spiel ohne Grenzen» im Eigenverlag des Klosters vom Benediktinerpater lanciert, hat sich die Kulturkommission von Engelberg nach dem Tod des Paters dazu entschlossen, diese Schriftenreihe fortzusetzen. Sieben Autoren werfen in der neusten Ausgabe den Scheinwerfer von aussen auf das Kloster.

Neben der Thematisierung der Engelberger Pfarrer an den Sterbebetten von Nicolas Disch geht Michael Blatter der Frage nach, ob die Talbevölkerung im Mittelalter Untertanen, Gottesleute oder gar Leibeigene waren. Wendel Odermatt hat sich des Einflusses des Klosters auf die Entwicklung des Dorfbildes angenommen, während Mike Bacher den Schritt vom Bauerndorf zum Tourismusort mit damaligen Protagonisten sowohl vor und hinter den Klostermauern thematisiert. Dass sich gleich mehrere Engelberger Kunstschaffende ohne die finanzielle Unterstützung aus dem Gotteshaus nicht in München dem Kunststudium hätten widmen können, hat Beat Christen herausgefunden. Nicole Eller Risi porträtiert mit Pater Eugen Bollin und Pater Karl Stadler zwei über die Innerschweiz hinaus bekannte Künstler in der Mönchskutte. Und Rolf De Kegel verfolgt die karitative Deutschlandhilfe, die nach dem Zweiten Weltkrieg vom Kloster Engelberg ausging.