Wie ein eigensinniger Obwaldner Priester Kandidat für die Heiligsprechung wurde

Vor 100 Jahren starb in Brasilien Kaplan Nikolaus Amstalden. Er war 1881 ausgewandert, um die dortigen Obwaldner Familien zu betreuen. Zum Todestag gab es eine Gedenkfeier.

Mike Bacher
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Die von Kaplan Amstalden 1898/99 erbaute Kirche Igreja Nossa Senhora de Lourdes. (Bild: Mike Bacher)

Die von Kaplan Amstalden 1898/99 erbaute Kirche Igreja Nossa Senhora de Lourdes. (Bild: Mike Bacher)

Im 19. Jahrhundert war das Sarneraatal ein Auswanderungsgebiet. Von 1854 an begaben sich im Laufe der Jahre mehrere Dutzend Obwaldner Familien nach Brasilien. Die ersten Jahrzehnte lebten sie auf den Kaffeeplantagen von Grossgrundbesitzern unter ärmlichsten Verhältnissen, meist zusammen mit den dortigen Sklaven. Nicht selten wurden sie in Schuldknechtschaft gehalten, um die Schulden ihrer Reise über den Atlantik abzubezahlen. Während 18 Jahren konnten viele kein einziges Mal beichten oder die Kommunion empfangen. Von einer Schule war erst recht keine Rede. Immer wieder erreichten Hilferufe aus Brasilien die Obwaldner Regierung, damit sie einen Priester aus der Heimat sendet.

Zeichnung von Kaplan Amstalden: Von ihm gibt es ganz wenige Bilder, weil er sich nicht fotografieren lassen wollte. (Bild: PD)

Zeichnung von Kaplan Amstalden: Von ihm gibt es ganz wenige Bilder, weil er sich nicht fotografieren lassen wollte. (Bild: PD)

Der Kaplan galt als eigensinnig und schwierig

Diese Person fand sich schliesslich in Kaplan Nikolaus Amstalden. 1831 in armen Verhältnissen in der Schwändi geboren, konnte er erst als Erwachsener das Kollegium besuchen und in Chur Theologie studieren. Nach seiner Priesterweihe 1864 wirkte er in Sarnen als Kaplan. Er war bei der Bevölkerung offenbar beliebt, galt aber als eigensinnig und schwierig. Als er deshalb 1881 auf Bitten seiner Schwester nach Brasilien auswandern wollte, unterstützten die kirchlichen und weltlichen Behörden seinen Wunsch. Es schlossen sich noch etwa 35 Personen an und so brach diese Gruppe noch im gleichen Jahr auf. Am 7. Juni 1881 kamen sie auf der Fazenda (Grossgrundbesitz) des Barons Antônio de Queirós Teles (1831–1888) in Jundiaí, auf der viele Obwaldner Familien beschäftigt waren, an. Auch der Kaplan arbeitete auf der Colônia Sitio grande und verdiente sich seinen Lebensunterhalt selber, um den Familien nicht zur Last zu fallen. Er betreute die Obwaldner ebenso wie die Sklaven, für die er alles tat «um ihr trauriges Los zu mildern».

Obwaldner als Grossgrundbesitzer passten ihm nicht

Für die Obwaldner Familien war Kaplan Amstalden Priester, Lehrer, Berater, Friedensstifter und Anwalt gegenüber dem Baron in einem. Seine Präsenz stärkte ihre Gemeinschaft. Bereits 1885 gründeten sie den (bis heute bestehenden) Schützenverein. Als dann 1888 die Sklaverei in Brasilien abgeschafft wurde und zahlreiche Fazendas verkauft wurden, nutzen die Familien Ambiel, Amstalden, Bannwart und Wolf die Gelegenheit und erwarben mit geliehenem Geld eine solche. Daraus wurde die «Colônia Helvetia», wo sie 1893/94 die erste Schule «Nicolau de Flüe» und 1898/99 ihre Kirche «Igreja Nossa Senhora de Lourdes» bauten. Der Kaplan kam allerdings nicht mit. Es gefiel ihm nicht, dass die Obwaldner selber Grossgrundbesitzer wurden. Er fürchtete, dass sie ihre Gottesfurcht und ihre guten Sitten verlieren würden.

Ein Obwaldner Eremit in Brasilien

Erst 1903 liess er sich überzeugen, in die Kolonie zu gehen, um als Priester für die Obwaldner Kolonisten zu wirken. Der Kaplan lebte geradezu heiligmässig und war sehr streng gegen sich selber – aber auch gegenüber den Kolonisten. Er wollte jegliche Leidenschaft verbieten – vor allem das Trinken, Tanzen und Rauchen – und selbst das Baden sah er als Sünde an. Er schlief auf blossen Brettern und benutzte einen Stein als Kopfkissen. Stundenlang betete Kaplan Amstalden kniend vor dem Allerheiligsten, ohne sich zu bewegen. Das vorgesehene Kaplaneihaus hat er nie bezogen, da es ihm zu luxuriös war, sondern liess sich ein kleines Bretterhaus bauen. Obschon er zeitlebens kein Portugiesisch sprach, wurde er von seinem Bischof José de Camargo Barros (1858–1906) hochgeschätzt und vom Volk als Heiliger verehrt. Doch ein asketischer «Heiliger» diente nicht als Seelsorger. Seine strengen Vorgaben konnten die Kolonisten nicht erfüllen. So zog er sich 1911 in eine Klause zurück. Er starb dort am 12. Oktober 1919 im Ruf der Heiligkeit.

Er war gar vorgeschlagen für eine Heiligsprechung

Den Kontakt zu Obwalden hatte Kaplan Amstalden nie abbrechen lassen. Regelmässig schrieb er seinen Verwandten in Sarnen und liess sich den Obwaldner Volksfreund kommen, den er in Briefen zuweilen kommentierte. Ab 1946/47 sammelte sein Grossneffe Hans Amstalden (1921–1958), Priester am Kreuzspital in Chur, die historischen Spuren des Kaplans und schuf eine reiche Dokumentation. Diese Arbeiten sollte die Grundlage für eine Heiligsprechung bilden. Obschon 1955 die Colônia Helvetia dem Bischof von Campinas ein entsprechendes Bittgesuch übermittelte, kam es nie dazu. Doch die Bewohner der Colônia haben den wichtigen Wegbegleiter ihrer Vorfahren nicht vergessen. Bis heute ist der «Kaplan», wie er dort genannt wird, eine identitätsstiftende Figur. Erst vor zwei Wochen erschien unter der Leitung von José Mateus Ambiel die Biografie «Padre Nikolaus Amstalden – O Kaplan dos Imigrantes Suíços». Zudem wurde im vergangenen Oktober in der Kirche der Colônia Helvetia eine grosse Gedenkfeier abgehalten – und damit der alten Verbundenheit zwischen Obwalden und «seiner» Kolonie in Brasilien gedacht.

Autor Mike Bacher, 32, ist Jurist und Historiker und sitzt für die CVP-Fraktion (Generation Engelberg) im Obwaldner Kantonsrat.