Wie Federn in einem Orkan – Erinnerung an die tödliche Lawine von 1970 am Pilatus

Heute vor 50 Jahren, am 20. April 1970, forderte eine Lawine am Pilatus vier Todesopfer und drei Verletzte. Unter Verschluss bleibt, wer verantwortlich war.

Christian Hug
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Im Nachhinein ist man immer schlauer. Aber «danach» ist eben zu spät, da ist das Unglück schon geschehen. Vier Männer tot, drei Männer schwer verletzt.

Ausschnitte aus den Zeitungen von 1970.

Ausschnitte aus den Zeitungen von 1970.

Grafik: Janina Noser

Es ist Montag, der 20. April 1970, es schneit, und ab 1000 Metern Höhe wabert dicker Nebel um den Pilatus. Aber es ist eben ein Montag, eine neue Arbeitswoche beginnt, und auf der Strecke der Zahnradbahn Alpnachstad–Pilatus Kulm muss der Schnee weggeräumt werden, damit der Bahnbetrieb planmässig Anfang Mai losgehen kann.

Die Lawine kommt jedes Jahr

Schon seit drei Wochen laufen die Schneeräumungsarbeiten, aber heute ist man sich nicht ganz sicher, ob man überhaupt weitermachen soll mit Schneeschaufeln im Gelände der steilsten Zahnradbahn der Welt. Denn heute sollten die Räumungsarbeiten ausgerechnet im Gebiet Aemsigen stattfinden, 500 Meter oberhalb der gleichnamigen Zwischenstation unterhalb des Mattgrats. Das ist genau der Kanal, in dem jeden Frühling die Heumattli-Lawine über das Trassee in den Graben des Galtigbachs niedergeht. Und die ist bis jetzt noch nicht runtergekommen.

Bahndirektor Martin Isenegger bespricht die Lage mit seinen besten Leuten. Die Analyse: Die vergangenen Tage waren zwar sonnig und warm. Aber in den letzten 24 Stunden sind 30 Zentimeter Neuschnee gefallen, und es ist kalt. Dass die Heumattli-Lawine kommt, dazu brauche es warmes Wetter mit Sonnenschein. Zudem wurden vor einigen Tagen Sprengstoffpakete in den Abrissbereich geworfen, aber die Lawine blieb am Fels kleben wie angeleimt. Und nicht zuletzt: Die jährlich wiederkehrende Lawine vom Schrotsboden, der direkt über dem Heumattli liegt, ist bereits runtergekommen.

Lawinenwachen und Fluchtwege waren bereit

Iseneggers Leute sind erfahrene Schneeräumer, die meisten tun das schon seit über 20 Jahren. Der Direktor wird später sagen: «Die langjährige Erfahrung der Männer ist für uns die wichtigste Sicherheit.» Sie beschliessen: Wir gehen hoch. Vor Ort sollen Lawinenwachen gestellt und Fluchtwege vorbereitet werden. Das Team fährt mit dem Triebwagen hoch auf 1450 Meter über Meer, insgesamt zwölf langjährige Bahnmitarbeiter und acht spanische Gastarbeiter, die vom Baugeschäft Pius Krummenacher in Sarnen «ausgeliehen» sind. Man teilt sich in drei Gruppen auf, in der Mitte ein Siebner-Team unter der Leitung des Bahnmeisters Werner Amstutz aus Alpnachstad, der gleichzeitig Chef der gesamten Räumungsaktion ist. Es liegt viel Schnee dieses Jahr. Stellenweise ist die Schneedecke mehr als drei Meter hoch.

Überlebende berichten, sie hätten um 10.10 Uhr ein «lautes Rauschen und Pfeifen» gehört, so auch Werner Amstutz. Aber im dichten Nebel beträgt die Sichtweite nur 20 Meter. Er soll den Leuten seiner Gruppe zugerufen haben «passt auf, Deckung!» – aber da rast die Heumattli-Lawine bereits aus dem Nebel, direkt auf ihn zu. Die nassen Schneemassen treffen das Team Mitte mit voller Wucht, innert Sekunden sind alle sieben Männer in der tobenden Lawine verschwunden, weggespült wie Federn im Orkan. Die Lawine donnert in den Galtigbach und in seinem Couloir den Berg runter, erst einen Kilometer weiter unten kommt sie zum Stillstand. Wo sind die sieben Männer?

Ein Bild des Eidgenössischen Instituts für Schnee- und Lawinenforschung von 1970 zeigt, wie das Ereignis zu Stande kam.

Ein Bild des Eidgenössischen Instituts für Schnee- und Lawinenforschung von 1970 zeigt, wie das Ereignis zu Stande kam.

Grafik: Janina Noser

Sofort eilen die 13 Arbeiter der anderen beiden Teams zu Hilfe. Von den sieben Männern, die von der Lawine getroffen wurden, sind nur drei zu sehen. Einer kann sich mit gebrochenen Rippen selber aus den Schneemassen befreien. Ein anderer steckt mit mehrfach gebrochenem Becken bis zum Hals im Schnee und wird ausgegraben. Der Dritte wird mit leichten Verletzungen aus dem Schnee geschaufelt. Vier Männer bleiben verschwunden. Ausgerechnet jetzt, wo jede Minute zählt, kann die Zentrale unten in Alpnachstad nicht benachrichtigt werden. Denn der verschüttete Räumungsleiter Werner Amstutz ist der einzige, der ein Funkgerät auf sich trägt. Ein Überlebender hastet zum Streckentelefon bei der Zwischenstation Aemsigen. Er alarmiert die Zentrale im Tal und diese die Rettungskräfte.

Erst um 11.45 Uhr, eineinhalb Stunden nach dem Niedergang der Lawine, fahren die ersten 19 Rettungsmänner in der Talstation in Alpnach los: Polizei, SAC-Retter, Samariter, zwei Lawinenhundeführer mit ihren Hunden. Die Männer sind ausgerüstet mit Sondierstangen aus dem Sarner Zeughaus. Die Abfahrt verzögerte sich, weil man auf die beiden Nidwaldner Lawinenhundeführer warten musste, allerdings aus gutem Grund. Das erste Gebot der Lawinenverschüttetenrettung lautet: Die Hunde müssen als erste über den Lawinenschnee.

An der Schiene festgehalten und überlebt

Unterdessen startet in Alpnach ein Helikopterpilot zum Rekognoszierungsflug, er muss aber wegen des dicken Nebels bald abbrechen. Die drei Verletzten werden zur Zwischenstation getragen und ins Tal gefahren, zwei werden ins Kantonsspital in Sarnen gebracht, einer ins Kantonsspital Luzern. Sie sind nicht in Lebensgefahr. Hans Dolder, einer der drei Überlebenden, wird später sagen: «Es ist ein Wunder, dass ich noch lebe. Glücklicherweise konnte ich mich an einer Schiene festhalten. Nur dieser Tatsache habe ich mein Leben zu verdanken.»

Aber immer noch werden vier Arbeiter vermisst, und es besteht kaum noch Hoffnung, sie lebend zu bergen. Die Hunde nehmen die Fährte auf, die Retter formieren sich mit den Sondierstangen. Eine schwierige Aufgabe, denn das Gelände ist steil, die Sicht ist schlecht, es schneit, und der sowieso schon pickelharte Lawinenschnee gefriert. Zudem ist er durchsetzt mit Geröll und Baumstämmen. Die Retter können sich nur angeseilt im Gelände bewegen. Mehr Retter fahren mit der Bahn hoch. Insgesamt werden es 37 Männer sein.

Bilder der Todesopfer, die am ersten Tag gefunden wurden.

Bilder der Todesopfer, die am ersten Tag gefunden wurden.

Grafik: Janina Noser

Um 13 Uhr finden die Suchtrupps kurz nacheinander die ersten Opfer, 150 Meter unterhalb der Unfallstelle. Josef Risi-Blättler aus Alpnachstad, im Sommer Wagenführer bei der Pilatus-Zahnradbahn, 48 Jahre alt und Vater von vier Kindern. Werner Christen aus Stansstad, ebenfalls Wagenführer, 40 Jahre alt und Vater von zwei Kindern. Beide sind tot. Eineinhalb Stunden später entdeckt der Suchtrupp im Lawinenkegel die dritte Leiche, einen Kilometer von der Unfallstelle entfernt: Der Spanier Gerardo Andrés, 19 Jahre alt, einer der Mitarbeiter des Sarner Baugeschäfts, liegt drei Meter unter dem Schnee begraben. Um 18 Uhr wird die Suche abgebrochen. Die Toten werden geborgen, die Retter müssen sicher ins Tal, bevor die Nacht hereinbricht. Für Werner Amstutz besteht keine Hoffnung mehr. Der 46-jährige Bahnmeister aus Albnachstad muss als tot betrachtet werden, er hinterlässt Frau und fünf Kinder. Dass die Lawine auch einen Fahrleitungsmasten der Bahn umgerissen hat, interessiert jetzt niemanden. Vier Menschen sind tot.

43 Tage lang bleibt das vierte Opfer unentdeckt

43 Tage wurde nach den Überresten von Werner Amstutz gesucht.

43 Tage wurde nach den Überresten von Werner Amstutz gesucht.

Am nächsten Tag um 8 Uhr geht die Suche weiter. 50 Männer, 5 Lawinensuchhunde und 1 Helikopter sind im Einsatz, das Wetter ist prächtig. Doch die Suche nach Werner Amstutz bleibt ergebnislos. Auch am folgenden Tag bleibt die Suche ohne Erfolg, ebenso wie am übernächsten und den darauffolgenden Tagen. Am Samstag können zwei der drei Verletzten das Spital verlassen. Am Wochenende ist Suchpause. Am Montag geht die Bergungsaktion weiter. Aber sie bleibt erfolglos. Tag für Tag für Tag, jeden Tag. Erst am 2. Juni 1970, unglaubliche 43 Tage nach dem Unglück, wird die Leiche von Werner Amstutz gefunden: Wildhüter Ruedi Rymann ist mit seinem Deutschen Vorsteher auf einem Rundgang, als der Hund plötzlich anfängt, im Schnee zu graben. Werner Amstutz wird in eineinhalb Metern Schneetiefe endlich geborgen, nur 30 Meter von der Unfallstelle entfernt. Die Wucht der Lawine hatte ihn auf den gegenüberliegenden Hang des Galtigbachs geschleudert.

Zu diesem Zeitpunkt ist die unvermeidliche strafrechtliche Untersuchung durch das Obwaldner Verhöramt längst in vollem Gange. Wer trägt die Verantwortung für dieses Unglück mit vier Todesopfern und drei Verletzten – wenn überhaupt? Das Urteil des Gerichts wird für 70 Jahre unter Verschluss gehalten. 50 Jahre sind inzwischen verstrichen. Erst in 20 Jahren werden wir mehr wissen.